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Entwicklungspsychologie und Kinder: 

Immer für Überraschungen gut 

Kinder gleichen Alters zeigen im Verkehr ganz unterschiedliche und oft unvorhersehbare Reaktionen. Sicher beherrschtes Verhalten scheint manchmal vergessen. Als vorsichtig bekannte Schülerinnen und Schüler haben einen Beinahe-Unfall. Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie können helfen, das Verhalten von Kindern im Verkehr besser zu verstehen und ihre verschiedenartigen Fähigkeiten angemessen einzuschätzen.

Von: Lilo Schmidt

Kinder schauen beim Überqueren der Straße  zwischen zwei Autos hervor

Das Bewusstsein von Kindern für Gefahren in einer konkreten Situation entwickelt sich ungefähr mit Ende des Kindergartens bzw. mit Schulbeginn. Aber erst etwa zwei Jahre später sind Kinder in der Lage, Gefahren auch vorherzusehen – eine Voraussetzung für sichere eigenständige Verkehrsteilnahme. Durch das eigene Verhalten Gefahren gar nicht erst entstehen zu lassen, das gelingt den meisten Kindern mit neun oder zehn Jahren. Unterschiedliches Entwicklungstempo und bisherige Erfahrung im Straßenverkehr wirken sich auch auf die Verkehrstüchtigkeit aus. Die Abhängigkeit von spontanen Eindrücken lässt sie manchmal für Erwachsene schwer vorhersehbar reagieren.

Neuronale Entwicklung

Die im Verkehr besonders wichtige visuelle Wahrnehmung im Verkehrsraum ist durch ein eingeengtes Blickfeld erschwert. Entwicklungen in den neuronalen Systemen führen dazu, dass Richtungshören beispielsweise erst bei 8-Jährigen exakt möglich ist. Entsprechend orientieren sich Kinder erst ab diesem Alter auch mit dem Gehörsinn im Verkehr und können Geräusche wie das Herannahen von Fahrzeugen korrekt wahrnehmen. Schulanfänger/innen sind nicht in der Lage, die für sie wesentlichen Hup- oder Klingelgeräusche eindeutig zu lokalisieren. Überdies blenden sie je nach Stimmungslage Gehörtes einfach aus und Abgelenktheit behindert ihre Situationswahrnehmung.

Die für das Überleben im Straßenverkehr wesentliche Einschätzung der Entfernung und der Geschwindigkeit herannahender Fahrzeuge ist für Kinder erschwert durch:

  • eingeschränktes Blickfeld
  • reduziertes Tiefensehen
  • Probleme beim Richtungshören
  • langsamere Reaktionsfähigkeit


Entfernungsschätzen gelingt annähernd ab dem Alter von etwa acht Jahren, Geschwindigkeitsschätzen erst ab zehn bis zwölf Jahren halbwegs richtig. 

Jede Situation ist anders

Je nach baulicher Gestaltung einer Kreuzung, z. B. mit oder ohne Ampel, je nach Verkehrsdichte, eigener Stimmung, Ablenkung beispielsweise durch Mitschüler/innen, fällt den Kindern die Straßenüberquerung als Fußgänger mehr oder weniger leicht. Für Kinder bestimmen die jeweils erlaubten Fahrgeschwindigkeiten des motorisierten Verkehrs in besonderem Maß ihre Schwierigkeiten bei der Verkehrsteilnahme. Nicht nur der Handlungsspielraum der Lenker/innen und damit ihre mögliche Rücksichtnahme auf überraschende Verhaltensweisen der Kinder werden mit steigendem Tempo geringer, auch die Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten der Kinder sind erschwert. Dies trifft besonders für Erst- und Zweitklässler zu. 

Motorische Entwicklung

Die Erfahrung des Kindes spielt eine wichtige Rolle für die Geschicklichkeit als Fußgänger, mehr noch aber für das Radfahren. Kinder sind heute durch geringere  Bewegungsmöglichkeiten in ihrem Wohnumfeld motorisch weniger gut entwickelt als es ihrer neuronalen Entwicklung entsprechen würde. Allerdings zeigt sich ein erfreulicher Trend durch die Verbreitung von Laufrädern für Kleinkinder. Gleichgewichtssinn, Bewegungskoordination und Fahrzeugbeherrschung werden geschult, so dass sich das Kind später auf einem richtigen Fahrrad besser auf die Anforderungen der jeweiligen Verkehrssituation konzentrieren kann. Je öfter Kinder schon im Vorschulalter mit ihren Eltern zu Fuß oder mit Bussen und Bahnen unterwegs waren, umso sicherer sind sie später als Schulkinder unterwegs und umso eher kann man ihnen selbständige Wege zutrauen, die ihr Selbstwertgefühl steigern. 


28. Jänner 2013