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„Nie ans Limit gehen“

Interview: Thomas Aistleitner

Alexander Wurz engagiert sich gerne für Verkehrserziehung. Mit seinem Vater beschäftigt er sich mit der Aus- und Weiterbildung von Verkehrsteilnehmern.

Alexander Wurz

Netzwerk-verkehrserziehung.at: Herr Wurz, was ist Ihnen wichtig beim Autofahren?
Alexander Wurz: Andere oder mich selbst nicht zu töten! Nebenbei dann noch ein zuverlässiges Auto und somit stressfrei ans Ziel zu kommen“

Wie wichtig ist Rücksichtnahme – soll man im Straßenverkehr immer passiv sein?
Jeder Verkehrsteilnehmer sollte ein aktiver Teilnehmer sein, damit meine ich geistig bei der Sache und Rücksicht auf andere zu nehmen. Das bezeichnen manche als passive Verkehrsteilnahme, vermutlich wäre der Begriff anti-aggressive, sprich defensive Fahrweise besser in der Erklärung. Wir müssen uns alle bewusst sein, das der öffentliche Verkehr tödlich sein kann und somit jeder Einzelne die Veranwortung mitträgt. Oder aus einer anderen Perspektive gedacht: wir würden vermutlich nur einem Bruchteil der Leute, denen wir im Straßenerkehr begegnen, unser Geld und unsere Geheimnisse anvertrauen, aber sobald wir selber nicht fokussiert bei der Sache sind, vertrauen wir den anderen unser Leben an …

Sie haben einmal gesagt, Sie hatten den wahrscheinlich schnellsten Unfall, bei dem ein Fahrer unverletzt geblieben ist. Hat dieser Unfall Ihre Haltung zum Verkehr und zu Ihrem Rennberuf verändert?
Das war ein Rennunfall, mit 305 km/h eingeschlagen wegen technischem Defekt. Das hat mit Straßenverkehr nichts zu tun. Im Rennsport gehen Mensch und Maschine bewusst ans Limit. Im Straßenverkehr sollten wir nie das Limit erreichen, sondern Gefahren vorzeitig erkennen und somit eine Gefahr gar nie erst aufkommen lassen. Außerdem habe ich im Strassenvekehr die passive Sicherheit des Rennsports ja bei weitem nicht. Kein Carbonchassis, Auslaufzonen, Aufprallschutz, medizinische Versorgung von Spezialisten innerhalb von wenigen Minuten, spezielle Sicherheitsausrüstungen und Kleidung. Auch fahren auf der Rennstrecke alle in dieselbe Richtung, immer angeschnallt, voll fokussiert, fit und nüchtern.

Wie sehen sie die globale Verkehrssicherheit und die Entwicklung des Verkehrs?
Verkehrsunfälle sind die globale Todesursache Nummer eins bei den 17-bis 23-Jährigen. Bitte jetzt kurz nachdenken: Natürlich hat ein Entwicklungsland in Asien oder Afrika ein ganz anderes Problem als wir in Mitteleuropa, aber der Verkehr ist für unsere Gesellschaft einfach eine sehr ernstzunehmende Sache.

Worin unterscheiden sich die Verkehrsprobleme der Entwicklungsländer von unseren?
Ich nenne Ihnen ein Beispiel, welche Probleme es unter anderem in Afrika gibt. Die Wirtschaft dort ist auf Autos und Lkws angewiesen, weil die Bodenschätze im Land sind und es keine Züge gibt, die diese zum Hafen bringen. Um die Wirtschaftlichkeit zu steigern und schneller mehr Rohstoffe zu transportieren, hat man bessere Straßen gebaut. Dadurch sind die Fahrzeuge schneller unterwegs, weil es nun weniger Bodenwellen und Löcher gibt. Das Resultat sind rasant ansteigende Unfälle. Man hat dort auf die Verkehrserziehung und die Ausbildung vergessen!

Sie haben drei Söhne: Wie stehen Sie zu der Sicherheit Ihrer Kinder?
Wir sind eine Familie, die im Verkehrssicherheitgeschäft zuhause ist. Also wachsen meine Kinder im Bewusstsein auf, dass der Verkehr kein Spiel ist. Mein Vater hat ja tolle Programme erfunden, Kinderverkehrserziehungsprogramme und auch die Mehrphasenführerscheinausbildung. Diese Dinge färben hoffentlich auf meine Kids ab.

Ab wann durften Ihre Kinder allein in die Schule gehen?
Sie nehmen den Bus zur Schule und wir haben zum Glück keine einzge Straße, die sie überqueren müssen.

Sind sie oder waren Ihre Kinder mit dem Fahrrad mit oder ohne Helm unterwegs? 
Auf dem Fahrrad immer mit Helm.

Durften Ihre Söhne ab 15 motorisiert unterwegs sein? Haben Sie dazu Tipps für Eltern?
Eine sehr gute Frage. Ich denke, die Antwort müssen die Eltern selber geben. Aber es ist vielleicht wichtig zu wissen, dass es in entwickelten Ländern wie Europa, USA und Australien es ein großes Problem bei den Jugendlichen ist, dass sie zwei wesentliche Dinge durchleben (und hoffentlich überleben): Sie lernen die Unabhängigkeit im Verkehr mit Moped oder Auto, aber gleichzeitig treten sie in ihr eigenes Sozialleben ein und bekommen auch Kontakt mit Alkohol. Beides eine tödliche Mischung und zwar in einer Zeit, in der die jungen Menschen auch noch viele andere Veränderungen durchleben.

Was können Eltern tun?
Wenn die Kinder in einem Entwicklungsstadium sind, wo sie noch nicht ausgehen und Alkohol konsumieren, nicht in den Gruppendruck verfallen und gleichzeitig aber schon eine gewisse Vernunft an den Tag legen, ja dann ist ein rechtzeitiger Verkehrseintritt vielleicht sogar förderlich und weniger gefährlich. Aber da sich jedes Kind unterschiedlich entwickelt, kann ich hier keinen echten guten Tipp abgeben. Außer natürlich, dass wir unseren Youngsters helfen müssen, Verantwortung zu tragen und zu lernen, damit umgehen zu können.

Ist es für Sie okay, dass Sie als Rennfahrer Vorbild für Ihre Söhne sind oder wäre es Ihnen lieber, sie würden einen anderen Beruf ergreifen?
Julia und ich versuchen unsere Kinder so zu erziehen, dass sie selbständig werden und ihren eigenen Weg finden. Wir werden sie in ihrem Weg unterstützen. Ich hoffe es gelingt uns, unsere drei Buben so für ihr selbständiges Leben vorzubereiten, dass sie sicher ans Ziel kommen.

Wie sehen Sie die Zukunft des motorisierten Verkehrs? Hat das Auto, der Individualverkehr ein Ablaufdatum? 
Da der Mensch immer schon seine Grenzen ausloten wollte und sich zu gewissen Zeiten einfach fortbewegen will, wird sich der Individualverkehr nie wegrationaliseren lassen. Mit 12 das Rad und mit 18 das Auto sind für uns ja fantastische emotionale Momente, wo wir das „Frei sein“ so richtig spüren. Ein Verbot des individuellen Verkehrs wäre vielleicht sogar eine gefährliche Einschränkung menschlicher Bedürfnisse. Aber, ganz klar, die Art und die Weise wie wir uns bewegen wird sich ändern. Ich freu mich drauf, dabei zu sein.


26. Jänner 2015