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Die entscheidende Frage

Soll mein Kind selbstständig sein und allein zur Schule gehen? Oder ist es nur dann wirklich sicher, wenn ich dabei bin? Eine Risikoabwägung mit Schulpsychologin Belinda Mikocz.

Von Thomas Aistleitner

Straße mit Verkehrsschild "Achtung Schule"

Nur auf die entscheidende Frage, die sich alle Mütter und Väter vor dem Schulstart stellen, kann keine der nützlichen Checklisten antworten: Ist mein Kind reif und kompetent genug, allein zur Schule zu gehen? Keine noch so umfassende Aufklärung und Risikoübersicht kann diese Entscheidung übernehmen. Am Ende ist es das eigene Kind, das man in vielen Lebenssituationen erlebt hat und einschätzen kann.

Auch die Sorgfalt die von Eltern dabei erwartet wird, hat sich geändert. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren selbst Volksschulkinder oft nachmittagelang allein oder mit Freunden, auf jeden Fall aber selbstbestimmt unterwegs. Heute bleiben sie heute kaum eine Stunde unbeaufsichtigt, und manche sind schon als Taferlklassler Handybesitzer. Dieses steigende Aufsichts- und Verantwortungsniveau bringt Eltern zusätzlich unter Druck. Die Kehrseite ist die totale Kontrolle, die im Extremfall Kinder heranwachsen lässt, die keine Entscheidungen treffen und keine Verantwortung übernehmen. Gerade im Straßenverkehr eine unglückliche Kombination!

Die Entscheidung hängt also nicht nur vom Alter des Kindes und den äußeren Gegebenheiten am Schulweg ab, sondern von der psychischen Verfasstheit des Kindes. Doch auch hier ist Hilfestellung möglich. netzwerk-verkehrserziehung fragte Kinderpsychologin Belinda Mikosz (siehe Kasten), worauf es ankommt.

netzwerk-verkehrserziehung: Frau Dr. Mikosz, wie kann ich beurteilen, ob mein Kind allein in die Schule gehen kann?
Belinda Mikosz: Der Schulanfang ist eine enorme Umstellung. Von Sechsjährigen wird schon sehr viel erwartet. Der Schulweg ist da noch eine zusätzliche Herausforderung. Ein Kind, das allein zur Schule geht, braucht Verantwortungsbewusstsein, Merkfähigkeit und Orientierung. Letztere kann man trainieren! Ob ein Kind verantwortungsbewusst genug ist, können nur die Eltern beurteilen. Ist es selbstständig oder verlässt es sich gern auf Hilfe, ist es ängstlich oder lebhaft?

Was wäre denn günstiger, ängstlich oder lebhaft?
In beiden Fällen würde ich mir überlegen, ob das Kind schon allein zur Schule gehen soll.

Wie finde ich denn heraus, was für ein „Verkehrstyp“ mein Kind ist?
Machen Sie in Ruhe einen Spaziergang mit dem Kind – am besten noch bevor der Schulweg ein Thema wird. Schauen sie, wie es sich verhält. Man sieht ja, ob ein Kind auf die Verkehrssituation achtet oder nicht.

Wie können Eltern ihre Kinder beim Schulweg unterstützen?
Zuerst einmal, indem sie sich selbst an die Regeln halten. Eltern müssen sich klar sein: Kinder lernen sehr viel durch Nachahmung. Eltern, die bei Rot über die Straße gehen, dürfen sich nicht wundern, wenn ihre Kinder auch nicht auf die Ampel schauen. Junge Kinder können Gefahrensituationen im Verkehr noch nicht richtig einschätzen. So passiert es leider immer wieder, dass sie ohne zu schauen über die Straße laufen, auch wenn die Ampel auf Rot steht. Erwachsene sollten ihre Vorbildwirkung nicht unterschätzen!

Hilft es, den Schulweg gemeinsam abzugehen?
Auf jeden Fall. Allerdings sollte das Kind den Weg eigenständig erkunden dürfen. Nicht einfach an der Hand nehmen und los gehen. Kinder verlassen sich gerne auf die Begleitperson. Besser ist es, wenn das Kind vorzeigen kann, wann und wo es die Straße überqueren möchte. Greifen Sie nur bei Gefahr ein oder wenn das Kind eine Frage hat.

Kinder sollen den Weg also selbst „ergehen“?
Es ist in allen Lebenssituationen sinnvoll, Kinder etwas ausprobieren zu lassen. Das fängt schon am Kletterturm an. Wir kommentieren gerne negativ: „Pass auf, dass du nicht runter fällst.“ Da steckt das Scheitern schon drin.

Was würden Sie denn stattdessen sagen?
Ich würde sagen: „Du kletterst super!“ Das macht Mut und das Kind spürt, dass ich ihm etwas zutraue.

Wie oft sollten Eltern den Schulweg mit ihrem Kind abgehen?
Einmal ist auf jeden Fall zuwenig! Man sollte den Weg öfter machen, und dem Kind damit Sicherheit geben. Kinder sind meist stolz, wenn sie zeigen dürfen, was sie schon alles können. Sich Zeit für Kinder nehmen lohnt sich in jedem Fall, beim Schulweg kann dies lebensrettend sein. Wenn Eltern dieses Training zeitmäßig nicht schaffen, können vielleicht auch Großeltern und Verwandter einspringen.

Oft wird empfohlen, Kinder in Gruppen zur Schule gehen zu lassen.
Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass sich Kindergruppen im Verkehr vorsichtiger verhalten als einzelne Kinder. Bei einer gemischten, bunten Gruppe bleibt die Konzentration manchmal auch auf der Strecke. Ältere Geschwister sind häufig eine gute Ressource. Sie fühlen sich für jüngere Geschwister verantwortlich und übernehmen zeitweise Elternfunktion.


5. September 2011