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Radfahr-Spirit aus Österreich

Das Projekt Life Cycle zieht Bilanz. Wie viele gute Ideen zum Radfahren kommt es aus Graz. Interview mit Projektleiter Claus Koellinger.

Von Thomas Aistleitner

Radfahrer

netzwerk-verkehrserziehung: Herr Koellinger, wer genau hat Life Cycle ins Leben gerufen.
Claus Koellinger: Die Forschungsgesellschaft Mobilität (FGM) in Graz hat das Projekt eingereicht und betreut. Wir sind sehr viel in internationalen Projekten unterwegs.

Wie ist es dazu gekommen?
Die Idee geht auf das Jahr 2006 zurück. Wir hatten uns damals mit der AOK Bayern zusammengetan und im Alpine Space Projekt VIA NOVA die Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ von der AOK und dem ADFC in andere Länder des Programmraums gebracht. Das hat gut funktioniert, und wir wollten diese Idee EU-weit in weitere Länder bringen. Deshalb haben wir uns mit dem Ungarischen Radverband zusammengetan und das Projekt für die ganze EU weiterentwickelt. Nicht mehr nur die Berufstätigen sollten angesprochen werden, sondern möglichst die ganze Bevölkerung vom Kleinkind bis zum Senior.

Wo wurde das Konzept entwickelt?
Hier in der FGM in Graz. Wir haben uns um Partner aus dem Gesundheitssektor bemüht, um Gemeinden und um Radverbände.

Was waren für Sie Höhepunkte des Life Cycle-Projektes?
Erstens, das Kindergartenprogramm in Graz. Wir haben Radfahren als Thema in die Kindergärten gebracht. Wir gingen nicht selbst hin, sondern haben die Pädagoginnen informiert, welche Möglichkeiten sie haben. Wir haben beinahe alle Kindergärten in Graz abgedeckt und das Projekt auch nach Slowenien exportiert.
In Belgien wurde eine „Mit dem Rad zur Arbeit“ Kampagne mit 10.000 Teilnehmenden aufgebaut. Man konnte sich im Internet registrieren lassen, wenn man mit dem Rad zur Arbeit fuhr. Es wurde ein Bonussystem etabliert, und die erreichten Punkte konnten in Warengutscheine eingelöst werden.
Höhepunkt Nummer drei für mich war Slowenien. In Slowenien war das nationale Gesundheitsinstitut unser Partner. Nach dem Ende des Projekts wird nun  Radfahren in die nationalen Gesundheitsworkshops implementiert. Damit sind die Projektideen nachhaltig eingeflossen.

Ist Österreich in Sachen Radfahren im Europavergleich eher fortschrittlich oder eher ein Entwicklungsland?
Wir liegen dazwischen, machen aber große Fortschritte. Es gibt den Masterplan Radfahren im Lebensministerium, es gibt Radkoordinatoren in einigen Hauptstädten und Bundesländern. Weniger gefördert wird das Radfahren auf dem Land, außerhalb der größeren Gemeinden. Am Land werden viele kurze Strecken mit dem Auto gefahren, obwohl man sie auch mit dem Rad zurücklegen könnte.

Gibt es in Österreich genug Radwege?
Im Zweifel ist mir eine grundsätzlich positivere Einstellung zum Radfahren lieber als konkrete Radwegprojekte. Man kann auch auf der Straße Rad fahren. Die Niederlande sind da Pioniere, dort sind Radstreifen auf den Straßen ganz normal. In Österreich gibt es das hauptsächlich in den Ortschaften. Radwege sind ein Sicherheitsproblem, wenn sie mit Straßen zusammentreffen. Radstreifen sind ein Zukunftsthema.

Wohin geht die Richtung in der Diskussion um Verkehrsflächen?
Europaweit geht die Richtung dahin, dass die Separation verschiedener Verkehrsteilnehmer als unpassend gesehen wird. Der Trend geht in Richtung Begegnungszonen und Shared Spaces.

 

27. Juni 2011