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„Zu Fuß in die Schule ist sicherer“

Verkehrserziehung ist ein Unterrichtsprinzip. Die Wiener Lehrerin Brigitte Schmölz setzt es besonders konsequent um. Ihre Erfahrungen sind auch anderen Interessierten zugänglich.

Interview: Thomas Aistleitner

Schmölz und ihre Schülerinnen beim Bewerben der Aktion "Mach dich sicher"

Als Autorin des „1 x 1 für Verkehrsdetektive“  und der Unterrichtsmaterialien für Verkehrserziehung auf www.schule.at ist sie vielen Lehrerinnen und Lehrern ein Begriff. Wer über Verkehrspädagogik recherchiert, stößt sehr schnell auf ihren Namen. Wie sie das Unterrichtsprinzip Verkehrserziehung umsetzt und warum sie dafür lieber eine andere Bezeichnung verwendet, erzählt sie im Interview.

netzwerk-verkehrserziehung: Welche Bedeutung hat das Unterrichtsprinzip Verkehrserziehung für Sie und wie lässt es sich umsetzen?
Brigitte Schmölz: Es ist ein umfassendes Themengebiet, das nicht nur die Verkehrssicherheit erhöhen soll, sondern auch soziale und gesundheitliche Aspekte beinhaltet und die Kinder zu umweltbewusstem Verhalten erziehen möchte. Daher verwende ich lieber die Bezeichnung „Mobilitätserziehung“. Die Themenschwerpunkte werden während des gesamten Unterrichtsjahres fächerübergreifend behandelt. In Deutsch- bzw. Sachunterrichtsbüchern für Volksschulen wird Verkehrserziehung auch thematisiert. Wenn man allerdings mehr will, muss man schon gezielt suchen, um etwas zu finden ...

... und findet dann zum Beispiel das „1 x 1 der Verkehrsdetektive“, das von Ihnen verfasst wurde. Es ist voll mit Beispielen, wie man Verkehrserziehung in den Unterricht integrieren kann. Welche Projekte sind Ihnen besonders wichtig gewesen?
„Mehr Sicherheit auf dem Schulweg“, „Richtiges Anschnallen“, „Mach dich sichtbar“ oder „Radfahren, aber sicher“ – es liegt mir alles am Herzen, weil Unfälle vermieden werden können und das Leben der Kinder geschützt werden soll. Dabei ist mir auch stets die anschauliche Aufarbeitung der Lerninhalte wichtig. Zum Thema „Anschnallen“ haben wir z. B. Kartonautos gebastelt und kleine Püppchen hineingesetzt. Danach haben wir Auffahrunfälle simuliert und geschaut, was passiert, wenn die Puppen mit den Autos nicht verbunden waren. Sie sind natürlich von der Bank geschleudert worden. Eine so veranschaulichte Darstellung, die man selbst ausprobieren kann, wirkt auf Kinder intensiver, als die bloße Aufforderung, dass Anschnallen wichtig sei.

In welcher Klasse haben Sie dieses Projekt durchgeführt?
Die Umsetzung dieses Themas haben wir in der 1. Klasse begonnen. Wichtig war dabei auch, dass wir unsere Versuchsanordnungen danach in allen anderen Klassen der Schule präsentiert haben. Solche klassenübergreifenden Projekte sind mir besonders wichtig, um das Wissen mit anderen zu teilen und dadurch ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Unsere gesamte Schule hat auch am Verkehrsschlangenspiel teilgenommen.

Ein häufiges Thema ist der Schulweg. Wie kann man dies mit der Klasse umsetzen?
Jeder Lehrausgang dient zur Festigung des erworbenen Wissens über Verkehrserziehung, aber auch spezielle Projekte sind dazu an unserer Schule gelaufen. Beim Projekt „Mach dich sicher“ z. B. hat sich meine 4. Klasse bereits vor 7.45 Uhr sozusagen „auf die Lauer“ gelegt und beobachtet, wer mit welchem Verkehrsmittel bzw. zu Fuß zur Schule kommt. Darüber haben wir eine Statistik geführt – auch darüber, wie viele Personen in den Autos vorschriftsmäßig angeschnallt waren. Anschließend haben wir die Auswertungen mit den einzelnen Klassen besprochen und alle Kinder gebeten möglichst oft zu Fuß zur Schule zu kommen bzw. sich immer gut anzugurten, falls sie mit dem Auto unterwegs sind. Eine zweite Aktion nach 14 Tagen zeigte eine eindeutige Verbesserung in sämtlichen Bereichen. Das war ein wirklich schöner Erfolg!

Ab welchem Alter können Kinder allein in die Schule gehen?
Jedes Kind bringt verschiedene Voraussetzungen mit und Schulwege sind sehr unterschiedlich. Aber ich denke, dass man ein Schulkind, das gut vorbereitet wurde im Normalfall allein zur Schule gehen lassen kann – nachdem man den Weg einige Male zusammen abgegangen ist und sich vergewissert hat, dass das Kind die Verkehrsregeln beachtet. Wichtig ist auch die Wahl des sichersten Schulweges.

Manche Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto, damit ihnen nichts passiert.
Studien haben gezeigt, dass Kinder, die immer mit dem Auto gebracht werden, häufiger in schwere Unfälle verwickelt sind als Kinder, die ihren Schulweg täglich selbst bewältigen. Eigenverantwortung ist eben eine wichtige Kompetenz. An unserer Schule gibt es seit Jahren die sogenannten „Guiding Angels“. Das sind Kinder aus den vierten Klassen, die von der AUVA mit speziellen Blinklichtern und Leuchtklatschbändern ausgerüstet werden. Sie werden in der Kanzlei angelobt und versprechen, ihr erworbenes Wissen stets anzuwenden und ihren Schulweg immer vorschriftsmäßig zurückzulegen. Die jüngeren Kinder können sich ihnen anschließen. So soll auch aus einem Nebeneinander ein Miteinander werden. Ich glaube sehr an die Kraft der Gemeinschaft und sehe immer wieder, dass Kinder am meisten voneinander lernen – und nicht immer von Erwachsenen.


13. Dezember 2010