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„Genauso fahr ich auch!“

 

Von Thomas Aistleitner

Jeder Autofahrer glaubt, seine Fahrweise wäre schonend und spritsparend. Fast alle irren sich. Günter A. Schmidt von der Servicestelle Spritsparen über das Geschwindigkeitsgefühl und die Vorurteile der Autofahrer.

Wie spart man am besten Sprit?
Mann hält Nadel der Spritverbrauchsanzeige zurück (Fotomontage)


Verkehrsnetzwerk: Was versteht man unter Spritsparen?

Schmidt: Der Gedanke kommt aus den 1980er-Jahren. Man hat damals an elektronischen Entwicklungen wie Einspritzmotoren gearbeitet, und die Autos wurden sparsamer. Es hat sich aber sehr bald herausgestellt, dass der Fahrstil noch mehr Einfluss auf den Benzinverbrauch hat, und dieses Ergebnis wurde auf universitärer Ebene erzielt. Das Verkehrspädagogische Institut der Technischen Universität Berlin hat damals extra zu diesem Zweck eine Versuchsfahrschule gegründet, um den Einfluss des Fahrstils zu erforschen. Heute gibt es ganz klare Regeln für spritsparende Fahrweise.

Wurde auch Österreich davon beeeinflusst?

Wir haben Fahrlehrer ausgebildet. Das war ein wesentlicher Schwerpunkt in enger Zusammenarbeit mit dem Fachverband der Fahrschulen Österreichs, mit ÖAMTC und ARBÖ, die auch die Trainings durchführen.

Sind die Autofahrer heute spritsparender unterwegs als früher?

Nein, nicht in ihrem Fahrstil.

Aber es wird doch trotzdem Sprit gespart. Die Autos sind trotz unveränderter Fahrweise sparsamer geworden.

Das liegt an der Technik. Die elektronische Steuerung, die heute in jedem Autor zumindest im Hintergrund mitentscheidet, ist sparsamer als die normal Fahrweise. Wenn ich Autofahrern als Trainer im Auto die sparsame Fahrweise demonstriere, sagt jeder: „Ja, genauso fahr ich auch, ganz genauso.“ Die Leute haben aber nicht gelernt, sparsamer zu fahren. Sie schalten schon beim ersten Anfahren nicht bei 2000 Touren in den zweiten Gang, sondern erst bei 3000.

Welche Gründe hat das, wenn Spritsparen auf der Wissensebene ja verstanden wird?

Da kommen wir auf die psychologische Ebene. Wie erlebt der Mensch Geschwindigkeit? Er hat ja kein Organ dafür. Im Auto erlebt er die Beschleunigungskräfte und den Lärm. Wenn ein Auto leise ist, glauben die Menschen, sie sind langsam unterwegs. Das gilt auch im Zug - mit dem Railjet von Wien auf der Westbahn fahren Sie bis zu 200 km/h, und es wirkt wie Gleiten.

Entwickelt sich bei erfahrenen Autofahrern nicht ein Gefühl für Geschwindigkeit?

Das kann ich an einem schönen Beispiel widerlegen: Wir haben 2800 Postbusfahrer aus ganz Österreich trainiert. Ich war bei den Trainings dabei, und die Postbusfahrer waren nicht sehr begeistert. Mit Recht: Sie können sich ihre Fahrzeuge nicht aussuchen, sie können den Reifendruck weder bestimmen noch warten. Sie können nicht einmal ihre Geschwindigkeit beeinflussen, die ist vom Fahrplan bestimmt. Trotzdem sind wir nach den Spritsparprinzipien gefahren, und beim Mittagessen war die Stimmung ganz schlecht. Die Fahrer haben gesagt: „Ihr belügt uns. Wir sparen zwar Sprit, das zeigt der Bordcomputer, aber wir fahren auch langsamer. Ihr stoppt nicht die wirklichen Zeiten.“ Wir haben ihnen darauf die Stoppuhren in die Hand gedrückt und sie selbst ihre Zeiten nehmen lassen. Die Täuschung bestand darin, dass man in höheren Gängen mehr rollt und sich dabei langsamer vorkommt.

Gab es ein konkretes Ergebnis dieser Trainings?

Die Nachuntersuchung hat ergeben, dass es eine Einsparung in Millionenhöhe gab, ganz abgesehen von den eingesparten CO2-Emissionen.

Ein Gedankenspiel: Die Verkehrsministerin bittet Sie um drei Vorschläge, was zum Thema Spritsparen umgesetzt werden sollte. Was raten Sie ihr?

Erstens: Spritsparender Fahrstil gehört in die Ausbildung von Anfang an. Das gibt es in Ländern wie Deutschland und den Niederlanden bereits, manche österreichische Fahrschulen sind leider anderer Ansicht. Dieser Fahrstil gehört von Anfang an unterrichtet, dann kann er prägend wirken. Umlernen ist viel schwerer als neu lernen.
Zweitens: Nehmen wir die Geschwindigkeit aus dem System. Hohe Geschwindigkeiten bringen in Europa so gut wie nichts. Die europäischen Autofahrer sollten mehr gleiten als rasen. Es wäre auch gut, wenn sie verstärkt mit Automatikfahrzeugen unterwegs sind.
Drittens müssten spritfressende Autos viel stärker besteuert werden, sodass es einfach unsinnig wird, solche Autos zu kaufen.

Ist spritsparendes Fahren auch sicherer?
Ja.

Auch für die anderen Verkehrteilnehmer?

Dieser Fahrstil erfordert sehr viel Wachheit, sehr viel vorausschauendes Fahren, sehr viel Mitdenken. Diese Konzentration verringert auch die Unfälle.

Was spricht eigentlich dagegen, Autos ab einem gewissen Tempo zu drosseln? Gibt es einen Grund, warum fast alle Autos mit Höchstgeschwindigkeiten ausgeliefert werden, die weit über dem Tempolimit sind?

Ich halte das auch nicht für nötig. Ich bin für eine Vereinheitlichung des Verkehrs. Viele Unfälle entstehen gerade durch die großen Tempounterschiede der Verkehrsteilnehmer. Aber der Mensch tickt nun mal so, dass er sich von den anderen unterscheiden möchte, und das sieht man beim Autokauf sehr gut.

Sollte Spritsparen ein Thema in der Schule sein?
Ich würde mir wünschen, dass die älteren Schülerinnen und Schüler ab 16 Jahren auch in der Schule auf diese Aufagabe vorbereitet werden. Verkehrsunterricht sollte nicht mit Helmi anfangen und mit dem Mopedschein aufhören. Man könnte im Physikunterricht über Fahrphysik reden, damit klar wird, was für Kräfte da freiwerden.


5. Juli 2010