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Stadtraum = Lebensraum?

Neue Ideen zur Gestaltung öffentlicher Plätze: Die Stadt Zürich erprobt verschiedene Ansätze

Interview: Thomas Aistleitner

Stadträume sind Lebensräume – Münsterhof in Zürich
Stadträume sind Lebensräume – Münsterhof in Zürich

Mit einer Volksabstimmung im Jahr 2011 hat die Stadt Zürich den Auftrag erhalten, für eine stadtverträgliche Mobilität zu sorgen und dabei die Qualität des öffentlichen Raums zu steigern. Die seither umgesetzten Maßnahmen könnten auch Vorbild für andere Städte sein. Wir fragten Ruth Furrer vom Tiefbauamt der Stadt Zürich, wie Stadtraum zu Lebensraum wird.

Wie würden Sie die Qualität des öffentlichen Raums definieren, worauf kommt es dabei an?
Ruth Furrer: Mit der „Strategie Stadträume” stellen wir den Menschen in den Mittelpunkt. Ein guter öffentlicher Raum ist für alle zugänglich, offen, attraktiv und bietet verschiedenste Erlebnisse. Die Aufenthaltsqualität ist hoch, er bietet Schutz und Komfort und lädt dazu ein, sich zu setzen, sich zu bewegen, zu beobachten und sich auszutauschen. Idealerweise ist der öffentliche Raum flexibel nutzbar, adaptierbar und multifunktional. Damit Stadtraum zu Lebensraum wird, muss geeigneter Raum zur Verfügung gestellt werden und die Nutzerinnen und Nutzer müssen ihn sich aneignen können.

Wie sieht es mit temporären Nutzungskonzepten aus?
„Piazza Pop-up” ist ein neues Konzept, das wir 2017 getestet haben und seither an weiteren Orten anwenden. Wir machen bisher wenig-genutzte Räume mit Elementen wie Pflanzkübeln, Holzbänken und Tischen besser nutzbar und animieren damit die Bevölkerung, sich diese Orte anzueignen.

Wie lässt sich feststellen, ob so ein Piazza Pop-up angenommen wird?
Bei den Piazza Pop-up-Plätzen wird ein Abstimmungsgerät eingesetzt. Damit können sich die Nutzerinnen und Nutzer äußern, ob und welche neuen Gestaltungs- und Nutzungselemente sie wichtig finden oder auch nicht.

Für welchen Zeitraum steht so ein Pop-up an einer Stelle?
Ursprünglich sollten die Orte jeweils einen Sommer lang bespielt werden. Mittlerweile setzen wir die Elemente aber auch über den Winter bis maximal zwei Jahre ein. Dann reist es weiter. Langfristig könnte Piazza Pop-up auch die Initialzündung für eine dauerhafte Umgestaltung der Orte sein, besonders wenn dies von der lokalen Bevölkerung gewünscht wird.

Was mir besonders gefällt, ist das Beispiel eines Schulgeländes, vor dem ein Parkplatz für einen ganzen Tag über abgesperrt wurde, damit die Schülerinnen und Schüler mehr Raum im Freien zur Verfügung haben.
Das hat im Rahmen von Projektwochen zur Mobilität stattgefunden. Wir thematisieren den öffentlichen Raum und wie er genutzt bzw. beansprucht wird. Ein Element davon ist, welches Verkehrsmittel wieviel Platz braucht ...

... Autos brauchen besonders viel Platz ...
... genau, und im Projekt stellen wir die Frage, wie man eine solche Fläche anders nutzen könnte. Die Kinder bauten dann eine Bar, die den gleichen Platzbedarf hat, wie ein Parkplatz. Zum Abschluss der Projektwoche sperrten wir den Parkplatz ab und eröffneten darauf diese Bar.

Welche Rolle nehmen Kinder in diesen Konzepten ein?
Die Sicht der Kinder ist für eine bewegungsfreundliche Wohnumgebung wichtig. Die Partizipation von Kindern ist in der Planung von öffentlichem Raum jedoch nicht verankert. Im Rahmen des Projekts „Metamorphosis” hatten wir die Möglichkeit, mit den Kindern ihre Wohnumgebung zu analysieren und ihre Empfehlungen entgegenzunehmen. Von diesen versuchen wir möglichst Vieles umzusetzen und die Erkenntnisse auch in andere Planungen einfließen zu lassen.

Begegnungszonen sind ein bestehendes Konzept, das in Wohngebieten eingesetzt wird. Ist das in Zürich auch eine Stoßrichtung?
Begegnungszonen ist ein Verkehrsregime, bei dem die Zu-Fuß-Gehenden Vortritt haben, die Geschwindigkeitsbeschränkung für den motorisierte Verkehr bei 20 km/h liegt und die Gestaltung des öffentlichen Raums auf die Nutzung als Bewegungs- und Spielraum ausgerichtet ist. Begegnungszonen werden in Zürich dort umgesetzt, wo das Quartier einen Antrag macht – sofern es auch verkehrstechnisch machbar und sinnvoll ist. In einem Quartier, das bei Metamorphosis mitgemacht hat, konnten wir eine Begegnungszone umsetzen.

Wohnquartiere Kompensation Blaue-Zone-Parkplätze (Zürich)
Wohnquartiere Kompensation Blaue-Zone-Parkplätze

4. März 2019