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„Die Kinder verlieren ihr Verkehrswissen

aus der Volksschule“

In der Volksschule wird Verkehrserziehung in der verbindlichen Übung hochgehalten. Wie geht es nach dem Übertritt in die fünfte Schulstufe weiter? Verkehrserzieherin Barbara Linditsch hat einige Vorschläge.

Interview: Thomas Aistleitner

Kinder im ÖAMTC-Verkehrserziehungsgarten

netzwerk-verkehrserziehung: Frau Linditsch, in einem Artikel für die Zeitschrift „Schule“ beklagen Sie, dass die Verkehrserziehung in der Sekundarstufe oft vernachlässigt wird. Wo genau fehlt sie Ihnen?
Barbara Linditsch:
Verkehrserziehung ist ein Unterrichtsprinzip in allen Schulstufen, wird aber oft nicht berücksichtigt.

Woran liegt das?
Verkehrserziehung ist eben ein Unterrichtsprinzip und damit keinem Gegenstand und keinem Pädagogen direkt zugeordnet. Es würden sich besonders die naturwissenschaftlichen Unterrichtsgegenstände, Bewegung und Sport, Lese- und Medienerziehung sowie alle Aktivitäten im Rahmen des sozialen Lernens anbieten. Ich unterrichte in einer NMS und habe heuer auch wieder eine erste Klasse. Da sehe ich auch in der Praxis, was verlorengeht.

Was stört Sie daran?
In der Volksschule wird in der Verkehrserziehung eine Menge gemacht. Es gibt die verbindliche Übung, die freiwillige Radfahrprüfung, das Standardprogramm der Exekutive und viele Initiativen, die alle einen Platz im Unterricht finden. Wir beobachten, dass die Kinder aus der Volksschule ein großes Wissen mitbringen. Doch dieses Wissen wird verschüttet und geht verloren, wenn es nicht angewendet wird.

Gibt es denn gar nichts in den NMS und AHS?
Es gibt das Unterrichtsmaterial Kurzparkzone und Kurzparkzone II des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Und es gibt Angebote von der AUVA, vom KfV und anderen, zu Themen wie Alkohol, Ablenkung, Handynutzung. Aber das sind Angebote, die vor allem engagierte Schulen wahrnehmen und die auch nicht überall und für alle verfügbar sind.

Was sollte geändert werden?
Da gibt es mehrere Ebenen. Insgesamt müsste mehr Werbung für Verkehrserziehung gemacht werden.

Welche Themen wären denn wichtig nach der Volksschulzeit?
Sehr wichtig ist die Radfahrprüfung - und zwar für die Kinder, die sie in der Volksschule nicht bestanden haben. Das ist auch für die Eltern nicht leicht hinzunehmen, aber vor allem sind das Kinder, denen man eine zweite Chance geben sollte. Sie sind dann schon elf, zwölf Jahre und körperlich und motorisch weiter.

Geht es nur darum?
Ja, bei der Radfahrprüfung ist die Theorie kein Problem, aber in der Praxis haben viele Schwierigkeiten. Sie können einfach nicht gut genug Radfahren. Es wird übersehen, welche Gefahren auf diese Kinder warten. Denn sie sind ja trotzdem mit dem Rad unterwegs, unter welchen Umständen auch immer.

Das wäre sozusagen eine zweite Chance für ein Volksschulthema. Gibt es auch Verkehrserziehungsthemen, die genau in die Sekundarstufe gehören?
Ja, ein großes Thema ist die Ablenkung, das beginnt mit bei Jugendlichen und hört bei Erwachsenen nicht auf. Jugendliche und junge Erwachsene erweitern ihren Aktionsradius, das heißt, dass sie sich nun mehr zum selbständigen Verkehrsteilnehmer entwickeln. Sie bewegen sich nicht nur mehr zu Fuß oder benutzen nur mehr das Rad, nein sie setzen sich auch auf das Moped oder beginnen bereits mit der L17 Ausbildung und werden so zum Autofahrer. Warum braucht man für den Mopedführerschein eigentlich keinen Erste-Hilfe-Kurs?

Gehört Verkehrserziehung in diesem Alter noch in die Schule?
Verkehrs- und Mobilitätserziehung ist auch im Jugendalter unbedingt als schulische Aufgabe wahrzunehmen. Dafür gibt es ja auch das Unterrichtsprinzip! Es sollen die in der Volksschule erworbene Fähigkeiten und Fertigkeiten und Kenntnisse durch altersgemäße Inhalte vertieft und erweitert werden.

Ist es wieder als Unterrichtsfach denkbar?
In der heutigen Zeit, wo Schule immer mehr Erziehungsarbeit übernimmt, wäre das eine Überlegung - im Interesse der Kinder.


11. Juni 2018