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Wenn Kinder in Wien Rad fahren

Wer traut sich, sein Kind allein in Wien auf die Straße zu schicken? Was brauchen Kinder, um im Großstadtverkehr sicher zu sein? Der Verein „Schulterblick – Die Wiener Radfahrschule“ hat dafür eine Ausbildung entwickelt. Gründer Robert Fuchs erklärt, worauf es ankommt.

Interview: Thomas Aistleitner

Ausfahrt am Wiener Ring

Kinder dürfen ab 12 Jahren ohne Begleitung eines Erwachsenen im Verkehr Rad fahren. Wenn sie die Radfahrprüfung absolviert haben, bereits mit 10 Jahren. Gerade das Radfahren im Großstadtverkehr erfordert allerdings eine gezielte Vorbereitung, die über die Inhalte der Radfahrprüfung hinausgeht! Der Verein Schulterblick bietet in diesem Sinne Kurse für Schulklassen und außerschulische Kurse an.

Wie ist „Schulterblick“ entstanden?
Robert Fuchs: Aus der Beobachtung heraus, dass sehr wenige Kinder in Wien mit dem Fahrrad unterwegs sind.

Für die vierte Schulstufe gibt es die freiwillige Radfahrprüfung...
... ja, und viele Kinder absolvieren diese Prüfung. Trotzdem gelingt ihnen der Sprung in den Verkehrsraum nicht.

Eine Auffassung, die auch von Experten geteilt wird. Die Wiener Innenstadt mit ihren großen Straßen und querenden Radwegen ist eine andere Situation als ein kleiner Ort mit Gemeindestraßen.
Ja, die Radfahrprüfung ist eine punktuelle Kontrolle. Für den Großstadtverkehr genügt das nicht.

Was lernen Kinder bei der „Schulterblick“-Ausbildung?
Bei uns geht es in erster Linie  um die Verständigung mit anderen VerkehrsteilnehmerInnen. Unser Schwerpunkt liegt auf dem Miteinander im Verkehr, kommunikativ und kooperativ. Das macht die Vermittlung einfacher als über die Regeln.

Es geht darum, dass man sich auch auf Regeln nicht immer verlassen kann, dass man immer überprüft, ob man gerade sicher unterwegs ist und gesehen wird. Sie wollen die soziale Kompetenz der Kinder im Verkehr stärken?
Ich würde es kooperative Kompetenz nennen. Wir bieten einen ersten Einstieg in das Radfahren im Stadtverkehr und die Kinder lernen, in der Gruppe zu fahren.

Wie kann man sich das vorstellen?
Radfahren im Stadtverkehr ist dann attraktiv, wenn andere VerkehrsteilnehmerInnen nicht als Hindernisse oder Gefahrenquellen wahrgenommen werden, sondern als InteraktionspartnerInnen. RadfahrerInnen, die bereit sind, mit anderen zu kommunizieren und kooperieren, sind sicher unterwegs und tragen zu einer angenehmen Atmosphäre im Stadtverkehr bei. Für Kinder ist diese Art des Radfahrens leicht verständlich und die Umsetzung macht ihnen Spaß.

Können auch Kinder, die noch nicht sicher Rad fahren, teilnehmen?
Ja! Durch das enge Betreuungsverhältnis ist es uns möglich, auf die individuellen Fähigkeiten der Kinder einzugehen. Die Einschätzung des Fahrkönnens erfolgt zu Beginn am Übungsplatz. Sollte jemand noch nicht für die Runde am Radweg bereit sein, gibt es ein individuelles, betreutes Programm am Übungsplatz. Jedes Kind, das den Kurs erfolgreich absolviert hat, erhält eine Schulterblick-Urkunde.

Das Üben im Verkehrsraum stellt speziell in Wien etwas Neues dar. Wie sind die Reaktionen?
Kinder und LehrerInnen sind begeistert – wir haben mittlerweile schon Interessensbekundungen für das Frühjahr 2020. ExpertInnen sind sich einig, dass das Üben im Verkehrsraum wichtig ist. Nachzulesen etwa im Masterplan Radfahren 2015–2025, in den Richtlinien zur Freiwilligen Radfahrprüfung des BMBWF oder im Österreichischen Verkehrssicherheitsprogramm.

Was kostet ein Kurs bei „Schulterblick“?
Radfahrkurse für Schulklassen werden in Wien im Auftrag der Mobilitätsagentur und in Niederösterreich für RADland NÖ durchgeführt. In diesem Rahmen sind sie für die Klassen kostenfrei. Die Kosten für zusätzliche Kurse richten sich nach Dauer und Gruppengröße.

Wie kann man sich anmelden?
Die Kurse sind für die 4. und 5. Schulstufe. Die KlassenlehrerInnen melden ihre Klasse bei uns an. Es gibt Kontingente. Für dieses Schuljahr ist die Anmeldung abgeschlossen. Für das Schuljahr 2018/19 kann man sich schon vormerken lassen. Näheres finden Sie hier.

Was müssen Kinder zum Kurs mitbringen?
Der Aufwand für die Klassen und ihre LehrerInnen ist sehr gering. Wir haben einen Übungsplatz, wir haben die Fahrräder hier, und wir haben Helme. Einem geglückten Ausbildungstag steht nichts im Weg!

Haben Sie selbst Kinder, die Sie auf den Straßenverkehr vorbereitet haben?
Mein Sohn fährt seit Jahren im 17. Bezirk in die Schule. In die Volksschule sind wir mit einem Trailer-Bike gefahren, dann gemeinsam, jeder mit seinem Rad, und seit er 12 Jahre alt ist, fährt er allein.


3. April 2018