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„Das Auto ist im Ort zu Gast“

Was ist der Sinn von Tempolimits und Radarkontrollen? Gibt es Stellen, wo die Kontrolle zur Schikane wird? Markus Gansterer vom Verkehrsklub Österreich glaubt, dass Geschwindigkeit immer auf Kosten der Sicherheit geht.

Interview: Thomas Aistleitner

Fietsstraat

netzwerk-verkehrserziehung.at: Was muss man tun, damit Tempolimits eingehalten werden? Gibt es Stellen, wo Tempolimits weniger sinnvoll sind als anderswo?
Markus Gansterer: Grundsätzlich ist eine Mobilitätskultur, aus der Tempo herausgenommen wird, auch eine Sicherheitskultur. Das sieht man in Skandinavien mit niedrigeren Limits als bei uns, das sieht man in der Schweiz mit Tempo 120 auf der Autobahn und 80 auf Überlandstraßen. Die Schweiz hat nur halb so viele Tote im Straßenverkehr und halb so viele Schwerverletzte wie Österreich.

Das kommt alles von den niedrigeren Limits?
Nicht nur. In der Schweiz sind die Strafen höher, die Toleranzen niedriger. Und der öffentliche Verkehr ist besser ausgebaut als hierzulande.

Was stört Sie an unserer Mobilitätskultur?
Schnellfahren gilt immer noch ein Kavaliersdelikt. Auf der Autobahn bin ich mit 140 km/h noch im grünen Bereich. Auf Landstraßen, wo nie kontrolliert wird, ist die Versuchung da, das auszunützen und zu schnell zu fahren. Dazu kommt, dass die Strafen für Schnellfahren in Österreich im Vergleich zum Ausland niedrig sind.

Kann man Radarmessungen an für AutofahrerInnen unübersichtlichen Stellen oder direkt hinter einer Tafel mit einem Tempolimit als Schikane sehen?
Es gibt Studien anhand von Unfallstrecken, wo permanente Radarboxen stehen. Autofahrer haben dafür durchaus Verständnis. Aus Sicht des VCÖ sind Tempolimits und konsequente Kontrollen grundsätzlich sinnvoll, aber das Verständnis dafür ist zu erhöhen. Oft geht es nicht um Sicherheit allein, sondern darum die Belastung der AnwohnerInnen mit Luftschadstoffen oder Verkehrslärm zu reduzieren. Das ist aus dem Auto heraus vielleicht schwer erkennbar, aber der Nutzen für andere ist da.

Welches Bewusstsein meinen Sie?
Hohes Tempo gefährdet FußgängerInnen, RadfahrerInnen und den AutofahrerInnen selbst. Wie man in der aktuellen Unfallstatistik sieht, passiert immer noch jeder vierte Unfall wegen nicht angepasster Fahrgeschwindigkeit. Der VCÖ tritt für Tempo 120 auf Autobahnen und Tempo 80 auf Freilandstraßen ein. Im Ortsgebiet ist Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit optimal, wobei auf einzelnen Hauptstraßen immer noch Tempo 50 verordnet werden kann. Das hat sich zum Beispiel in Graz gut bewährt.

Mit welcher Begründung?
Wo Menschen unterwegs sind und sich im Freien aufhalten, dort ist das Auto nur zu Gast. In der Realität sehen wir das Gegenteil: Oberstes Ziel der Straßenverkehrsordnung scheint es zu sein, dass man mit dem Auto überall möglichst schnell und direkt hinkommt.

Sind Tempolimits die einzige Möglichkeit, den Verkehr einzubremsen?
Die Einhaltung einer verträglichen Geschwindigkeit beginnt mit der Gestaltung des Straßenraums. Wenn die Straße eng ist, fahren die Leute langsamer. Wenn man Tempo 30 will, muss die Straße enger dimensioniert sein. Ist die Straße zu breit,weiß jeder Verkehrsplaner und jede Verkehrsplanerin, dass sich dort kaum jemand an das Tempolimit halten wird. Doch dort wohnen Menschen, die unter dem Lärm leiden, dort leben Kinder.

Geht es auch anders?
Straßen sollten selbsterklärend sein und nicht zum Schnellfahren einladen. Seit dem Jahr 2013 gibt es in der StVO die Fahrradstraße. Dort gilt Tempo 30 und Autos dürfen dort lediglich zum Zufahren unterwegs sein. In den Niederlanden gibt es Fahrradstraßen schon länger und oft mit dem Hinweis gekennzeichnet: Auto nur zu Gast (Anm.: siehe Aufmacherfoto). Das Auto wird am besten für Transporte und weitere Strecken eingesetzt.

In den USA gibt es breitere Straßen und schärfere Tempolimits. Haben die AutofahrerInnen dort eine andere Haltung?
Dort herrscht einerseits eine autozentrierte Mobilitätskultur, andererseits ein angelsächsisches Verständnis von Regeleinhaltung und Strafen. Der Kontext ist dort ein anderer, obwohl das Auto viel dominanter ist.

Wenn ich ins Auto steige und einfach losfahre, erinnert mich ein unangenehmes Geräusch ans Anschnallen. Wenn ich über 130 beschleunige, was in ganz Österreich verboten ist, passiert nichts.
Das schnelle Fahren ohne Hindernisse gilt als oberstes Ziel, alles andere wird als Einschränkung gesehen.

Woran denken Sie?
Es wird gerne argumentiert, dass Tempo 30 so schwer zu fahren sei, weil sich der dritte Gang nicht dafür eignen würde. Doch das ist eine technisch lösbare Frage, wenn die Autoindustrie ein Interesse daran hätte.


5. Februar 2018