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Der tote Winkel als Hauptdarsteller

Ein neuer Schulfilm beschreibt den toten Winkel aus kindlicher Sicht. Projektleiterin Luzia Kremmel erklärt, wie es dazu gekommen ist.

Interview: Thomas Aistleitner

Zwei Mädchen im Führerhaus eines Lkw

Der „Tote Winkel“ ist ein bei allen VerkehrsteilnehmerInnen, besonders bei ZweiradfahrerInnen und FußgängerInnen, ein gefürchtetes Phänomen. Denn immer wieder kommt es vor allem beim Rechtsabbiegen zu fatalen Unfällen, weil RadfahrerInnen oder FußgängerInnen aus dem Blickfeld des Lkw-Fahrers bzw. der Lkw-Fahrerin verschwinden. Auch Spiegel am Schwerfahrzeug können dieses Risiko nicht gänzlich ausschalten.

Laut Verkehrsunfallstatistik der Statistik Austria sind in Österreich in den Jahren 2012 bis 2016 bei einer Kollision mit einem Bus oder Lkw 152 FußgängerInnen und 99 RadfahrerInnen verletzt worden. Jeweils sechs FußgängerInnen und sechs RadfahrerInnen wurden getötet. Deshalb gibt es in Österreich einige Programme, um Kinder auf diese Gefahr aufmerksam zu machen. In Vorarlberg können Kinder die Situation, in der sich ein Lkw-FahrerIn befindet, aus deren Perspektive erleben. Eine Gruppe von Kindern läuft am stehenden Schwerfahrzeug vorbei in den Toten Winkel, ein anderes Kind beobachtet aus der Position des Fahrers bzw. der Fahrerin, wie lange die KollegInnen zu sehen sind.

Jetzt wird die Aktion mit einem Kurzfilm (siehe rechts) aufgewertet. Projektleiterin Luzia Kremmel erklärt, wie es dazu gekommen ist.

Luzia Kremmel
Luzia Kremmel

Wie ist es zu dem Kurzfilm „Der Tote Winkel“ gekommen?
Luzia Kremmel: Wir bieten in Vorarlberg seit fast 20 Jahren das Programm „TRIXI – Toter Winkel“ an. Es richtet sich an die 3. und 4. Schulstufe, und jedes Jahr nehmen 3000 Mädchen und Buben daran teil. Wir hatten den Eindruck, das Material dazu ist nicht mehr ganz zeitgemäß, und so haben wir zusammen mit dem Unternehmen „Julius Blum GmbH” einen neuen Film dazu gemacht. Es war der Firma ein großes Anliegen, das Thema zu unterstützen.

Wie lange gibt es den Film schon?
Er ist im Sommer 2017 fertig geworden und wird ab April 2018 eingesetzt. Wir haben die Ausschreibung an die Vorarlberger Volksschulen geschickt.

Was passiert im Rahmen des Programms an der Schule?
Die Kinder werden von ihren LehrerInnen fachlich vorbereitet, dafür erhalten sie von uns verschiedene Unterrichtsmaterialien wie eben den neuen Film. Vor der Schule wartet ein Lkw. Die Kinder steigen in den Lkw und erkennen die toten Winkel. Auch die Lehrerin bzw. der Lehrer sitzt im Führerhaus. Die Kinder verstecken sich vor der Lehrkraft in einem toten Winkel und tauchen dann wieder auf – alle bis auf eines. Dann wird die Lehrerin bzw. der Lehrer gefragt, ob ein Kind fehlt und welches. Insgesamt geht es dabei vor allem um Selbsterfahrung.

Kann jede interessierte Schulklasse teilnehmen?
Ja, wir können normalerweise alle InteressentInnen bedienen. Die Aktion ist kostenlos und wird unterstützt von allen Verkehrserziehungspartnern im Land (insbesondere Landesschulrat, KFV, ÖAMTC und AUVA).

Woher kommt der Name TRIXI?
Es gab einen Unfall mit einem Mädchen dieses Namens, das im toten Winkel übersehen wurde und der das Thema bekanntgemacht hat. Deshalb haben wir unser Projekt danach benannt (siehe Kasten rechts).

Wie zufrieden sind Sie mit der Annahme der Angebote von „Sicheres Vorarlberg“?
Ich merke, dass jede/r das Beste für die Kinder möchte. Alle Eltern haben Interesse und sind an Informationen interessiert. Man muss diese allerdings zielgruppengerecht aufbereiten und auf Augenhöhe präsentieren. Das zieht sich durch alle Bevölkerungsgruppen. Es ist das Wissen, das fehlt. Und daran kann man gut arbeiten.

Haben Kinder heute zu wenig Verkehrspraxis?
Wir bieten Vorträge an, wo wir das ansprechen. Ich sehe es in Österreich nicht so dramatisch wie in Deutschland. Aber auch wenn nur zehn Prozent der Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht und abgeholt werden, zeitlich konzentriert sind das trotzdem ziemlich viele Autos. Auch hier fehlt es an Information.

Welche Information geben Sie dazu?
Es ist vielen nicht bewusst, was sie den Kindern nehmen, wenn sie ihnen den Schulweg nehmen. Dabei geht es nicht nur um koordinative Fähigkeiten wie Balance halten oder Förderung ihrer Wahrnehmung, es geht auch um soziale Kompetenzen im Austausch mit anderen Kindern und sie machen auch erste eigene Erfahrungen mit dem Straßenverkehr, gewinnen damit an Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Aber Eltern verstehen das sehr schnell und setzen es dann um. Ich bekomme Anrufe nach den Vorträgen und höre, dass sich die Eltern engagieren und ihre Kinder zu Fuß gehen lassen.

Wie erklären Sie das in einem Vortrag?
Neben dem psychologischen Hintergrund und statistischen Daten möchte ich das Thema auch aus der Sicht der Kinder zeigen. Ich zeige deshalb Bilder, auf denen Kinder ihren Schulweg gezeichnet haben. Man erkennt sofort, ob das Kind zu Fuß gegangen oder mit dem Auto gefahren ist. Die Zeichnungen der Fußgänger sind bunter und voller Details: Blumen, andere Pflanzen, Tiere, Zebrastreifen, Ampeln. All das sieht ein Kind vom Rücksitz aus nicht.


22. Jänner 2018