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„Einen wachen Geist entwickeln“

Welche Schlüsse ergeben sich aus der Tiefenanalyse von Kinderunfällen? Christian Stefan, Mitautor der Studie ANSWERS, fordert eine ganzheitliche Sicht auf Unfallszenarien.

Interview: Thomas Aistleitner

Kinder am Schulweg

Eine im Rahmen der 3. Ausschreibung des Österreichischen Verkehrssicherheitsfonds (VSF) geförderte Studie analysiert Kinderunfälle mit einem neuen, tiefgehenden Verfahren. Christian Stefan ist einer der Autoren. Wir fragen, welche Erkenntnisse er daraus gewonnen hat.

Wie ist es zu dieser Studie gekommen?
Christian Stefan:
Der im Verkehrsministerium (bmvit) angesiedelte VSF schreibt jedes Jahr Förderprojekte mit dem Ziel der Erhöhung der Verkehrssicherheit aus. Die Themen dieser Ausschreibungen werden vom Verkehrsminister unter Bezugnahme auf das Österreichische Verkehrssicherheitsprogramm 2011-2020 sowie aufgrund aktueller Entwicklungen des Unfallgeschehens ausgewählt. Diese Studien werden unter anderem aus den Einnahmen für die Wunschkennzeichen gefördert.

Wenn man sich die Trends in ANSWERS ansieht, ist die Zahl der verletzten Kinder über die Jahre doch rückläufig. Warum wurde gerade nach Ursachen für Kinderunfälle geforscht?
Es gab einen kurzfristigen Anlass, eine Zunahme der Kinderunfälle im Vorjahr. Deshalb wurde dieses Thema ausgewählt.

Mit welchem Aufwand wird so eine Studie gemacht?
Wir sehen uns an, wie sich Unfälle generell entwickeln und schauen dabei auch ins nähere Ausland, also nach Deutschland und in die Schweiz, und auch in die EU. Dann fängt man an, im Detail nachzuforschen. Wir haben Tendenzen erkannt und dann Einsicht in Gerichtsakten genommen.

Haben Sie genauer oder anders geforscht als in bisherigen Studien?
Ja. Unser Projektpartner, die TU Graz, führt hierfür eine eigene Datenbank mit genauen Analysen. Diese haben wir mit einer neuen Methodik aus Schweden verfeinert: DREAM – Driving Reliability and Error Analysis Method. DREAM eignet sich sehr gut, um den Hergang eines Unfalles ganz genau darzustellen.

Was haben Sie dabei herausgefunden?
Es gibt immer mehrere Faktoren, die zu einem Unfall führen. Deshalb wurde auch in Schweden der sogenannte Safe System Approach entwickelt, der den Einfluss der Infrastruktur, also des Straßenraums, die Fahrzeugsicherheit und auch die passive Fahrzeugsicherheit hervorhebt. Aber auch nichtmotorisierte VerkehrsteilnehmerInnen müssen durch ihr Verhalten dazu beitragen, Unfälle zu vermeiden.

Auf welche Situationen haben Sie sich konzentriert?
Wir haben eine Klassifikation vorgenommen und uns auf vier Risikosituationen konzentriert. Eine davon sind Schutzwege. Sie geben ein gewisses Sicherheitsgefühl, auch aufgrund der Gesetzgebung. Das tatsächliche Schutzniveau hängt jedoch u. a. von der vorhandenen Infrastruktur ab. Ein Schutzweg auf einer geraden, breiten Straße mit einem Tempolimit größer 50km/h ohne Begleitmaßnahmen für Fußgänger signalisiert dem Autofahrer, dass er Vorrang hätte. Der Fußgänger glaubt jedoch, dass er aufgrund der Gesetzeslage Vorrang hat. Insgesamt geht man davon aus, dass ein Schutzweg die Verkehrssituation verbessert. In bestimmten Situationen könnte diese vermeintliche Sicherheit erst recht zu Konflikten beitragen. Schutzwege sind eine ganz heikle Sache.

Was könnte man tun, um die Zahl der Unfälle weiter zu verringern?
In der Realität schaut man auf die Unfallhäufungsstellen. Die Länder melden diese an den Bund, dann werden diese Stellen saniert – nachdem etwas passiert ist. Das ist ein reaktiver Ansatz. Der andere Ansatz wäre, vorher hinzuschauen, wo im Verkehrssystem Konflikte auftreten und diese durch proaktive Maßnahmen verhindern.

Gibt es Ergebnisse der Unfallanalysen, die Sie überrascht haben?
Ja, es gibt sehr viele Sichtbehinderungen im Straßenraum. Im Lauf der Zeit füllt sich der Raum mit Verkehrszeichen, Bäumen und Sträuchern, die oft zu hoch sind für ein 130 oder 140 cm großes Kind. Der Strauch unterbindet die Sichtachse zwischen FahrerIn und Kind. Dazu kommen Dreieckständer und Werbetafeln. Es müsste mehr darauf geachtet werden, dass die Sichtachsen gewährleistet sind. Der zweite Punkt ist der psychologische Stress von Kindern, die das Verhalten anderer nicht reflektieren. Diese Skills gehören schon im Kindergarten gefördert.

Wie könnte man die Kinder besser schützen?
Ich war acht Jahre lang im KfV beschäftigt und habe dort u. a. Schulwegpläne erstellt, die ich auch abgegangen bin. Eine Schwachstelle dieser Pläne ist, dass Kinder nicht immer den sichersten Weg nehmen, sondern den schnellsten. Deshalb müsste man das ganze Schulumfeld möglichst sicher machen und nicht nur bestimmte Routen. Es nützt nichts, wenn ich einen sicheren Schuleingang habe, wenn in der näheren Umgebung latente Konfliktstellen vorhanden sind.

An welche Maßnahmen denken Sie?
Ich denke an Fahrverbote vor Schulen. Ich denke an das Ziel der Kindersicherheit, für das man weniger Kompromisse eingehen sollte.

Wenn man in der Studie ANSWERS nachliest, wo die Unfälle passieren, zeigt sich, dass die im Auto mitfahrenden Kinder häufiger schwerer verletzt werden als Kinder, die als Fußgänger unterwegs sind. Gilt das auch für den Schulweg, wo man meist mit niedriger Geschwindigkeit unterwegs ist?
Der Schulweg wird immer gefährlicher, weil immer mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren. Vor dem Schuleingang sollen die Kinder gesichert sein. Möglichst viele Kinder sollten öffentlich, zu Fuß oder mit dem Rad fahren. Es gibt immer mehr Kinder, die keine Routine als Fußgänger haben. Viele Fahrzeuglenker sind auch abgelenkt und rechnen nicht mit dem Verhalten der Kinder, sie rechnen mit ihnen wie mit Erwachsenen.

Woran liegt die fehlende Routine der Kinder?
Viele Kinder begreifen das Verkehrsverhalten im Alltag nicht mehr und haben nicht die notwendigen Skills. Sie nehmen den Verkehr gar nicht richtig wahr.

Ab wann ist der Straßenverkehr aus Kindersicht ein Thema?
Ab dem Zeitpunkt, wenn Kinder gehen können, also mit ein, zwei Jahren. Mit neun bis zehn Jahren könnte man Kinder mit gutem Gewissen in den Verkehrsalltag entlassen – wenn sie vorher genug Erfahrungen als Fußgänger gesammelt haben.

Was für Erfahrungen sind das?
Wenn man an so einer Studie arbeitet, erkennt man den Praxisbezug bei den eigenen Kindern. Wenn ich mit meiner Tochter in die Schule gehe, sehe ich, wie unbedarft sie oftmals ist. Sie glaubt, dass sie gesehen wird und dass alle FahrzeuglenkerInnen für sie stehenbleiben. Ihre Aufmerksamkeit muss noch trainiert werden. Die Kinder müssen einen wachen Geist entwickeln, Sichtkontakt mit FahrzeuglenkerInnen suchen, Handzeichen geben ... einfach am Verkehr aktiv teilnehmen.


11. Dezember 2017