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Zu wenig Sicht

Eine Studie des Verkehrsministerium analysiert Kinderunfälle mit einem neuen, tiefgehenden Verfahren. Das Fazit: Neben dem „unerwarteten Verkehrsverhalten“ der Kinder sind vor allem Sichtbehinderungen für alle VerkehrsteilnehmerInnen häufige Unfallursachen.

Von: Thomas Aistleitner

Teilabbildung des Covers von ANSWER

In Österreich verunfallen pro Jahr rund 3000 Kinder unter 14 Jahren im Straßenverkehr; acht bis 14 Kinder bezahlen diese „Erfahrung“ mit dem Leben und ca. 300 Kinder tragen schwere Verletzungen davon. Hinter diesen unerfreulichen Zahlen stecken die Schicksale von Kindern und Familien, deren Leben auf der Straße beendet oder schwer beeinträchtigt wurde. Grund genug für ein Forscherteam, im Auftrag des BMVIT, die Abläufe hinter diesen Unfällen genauer zu betrachten und es nicht bei der traditionellen Unfallanalyse zu belassen. Darüber berichten sie nun ausführlich (Download, 109 Seiten, 10 MB).

DREAM & ANSWERS

Aus Schweden kommt die Methode „DREAM – Driving Reliability and Error Analysis Method”. Damit sollen kinderspezifische Gefahren- und Risikosituationen im Straßenraum identifiziert und klassifiziert werden. Mit DREAM können sowohl der Unfallhergang als auch die Ursachen besser dargestellt werden. Für die Studie ANSWERS wurden Unfälle untersucht, bei denen ein Kind bis 14 Jahre schwer verletzt oder getötet wurde. Dabei wurden vier Situationen erkannt, die für Kinder ein erhöhtes Risiko bedeuten:

  • Ungeregelten Schutzwegen
  • Aus- oder Einfahrten
  • 3-strahlige Kreuzungen mit Rechtsvorrang
  • 4-strahlige Kreuzungen mit Verkehrszeichenregelung („Vorrang geben“ oder „Halt“)


Tiefenanalyse

Es folgte eine Tiefenanalyse, um die Kausalitäten in diesen vier Situationen besser zu verstehen. 32 Kinderunfälle, darunter acht am Schulweg, wurden unfalltechnisch rekonstruiert und detailliert untersucht.
Das Ergebnis deutet weniger auf fehlende Vorsicht der Kinder hin, tatsächlich können sie die Gefahr oft gar nicht sehen. In 23 der 32 untersuchten Situaltionen waren erhebliche Sichtbehinderungen für Kinder und Lenker im Spiel.

  • LenkerInnen haben die Querungsabsicht der Kinder nicht rechtzeitig erkannt.
  • LenkerInnen oder Kinder waren in ihrer Sicht behindert.
  • LenkerInnen oder Kinder gingen von einem regelkonformen Verkehrsverhalten des anderen VerkehrsteilnehmerInnen aus.
  • Kinder waren nicht aufmerksam oder kannten das richtige Verhalten nicht.

 

Empfohlene Maßnahmen

Die AutorInnen empfehlen zur Prävention und Bekämpfung von Unfallursachen mit Kindern eine Reihe von Maßnahmen, die vielen VerkehrserzieherInnen wohlbekannt sein werden. Hier eine Auswahl davon:

  • Wohnstraßen und Begegnungszonen sind für Kinder sicherer wenn Tempo 20 gilt.
  • Das Schulumfeld sollte so gestaltet werden, dass kleinräumige Fußgängerzonen einen Teil des Schulweges darstellen. Auf dieser verkehrssicheren Fläche können Kinder plaudern, auf ihre Eltern warten oder sich auf den Heimweg vorbereiten. Auch temporäre Fahrverbote könnten diese Wirkung haben. Auch der Schuleingangsbereich sollte als „Pufferzone“ gestaltet werden.
  • Für Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto bringen müssen oder wollen, sollte ein „Kiss and Go“-Bereich mit zeitlich befristetem Parkverbot gestaltet werden. So können die Kinder das letzte Stück zur Schule in einem verkehrsberuhigten Bereich zurücklegen.
  • Rund um Schulen werden Tempo-30-Zonen empfohlen.
  • Schutzwege sollten auf Sichtbarkeit geprüft und ggf. deutlicher markiert werden, z. B. durch rote Randmarkierungen. Auch Piktogramme, „Achtung, Kinder“-Schilder und bessere Beleuchtung sind passenden Maßnahmen.

Weitere empfohlene Maßnahmen listet die Answers-Studie auf (S. 63ff).

Was lässt sich gegen Sichtbehinderungen auf Kreuzungen tun? Ein Interview mit DI Christian Stefan, Mitautor der Answers-Studie, finden Sie ab 11.12. auf www.netzwerk-verkehrserziehung.at.


27. November 2017