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Als Sicherheit zur Pflicht wurde

Der Griff zum Sicherheitsgurt ist im Auto selbstverständlich. Das war nicht immer so. Erst als der Gesetzgeber Druck machte, schnallten sich (fast) alle an.

Von Thomas Aistleitner

Den ersten Dreipunkt-Sicherheitsgurt führte Volvo ein – hier ein Amazon von 1961 mit Gurten
Den ersten Dreipunkt-Sicherheitsgurt führte Volvo ein – hier ein Amazon von 1961 mit Gurten

Entwickelt wurde der Dreipunktgurt in den 1950er Jahren vom schwedischen Luftfahrtingenieur Nils Ivar Bohlin. Seine Stabilität rührte daher, dass er an zwei Punkten fest mit der Karosserie verbunden ist.
Bohlins Arbeitgeber Volvo baute ihn von 1959 an serienmäßig ein. Es sollte 25 Jahre dauern, bis er als Beitrag zur Sicherheit akzeptiert wurde, wenn auch nicht ganz freiwillig. Die Bedenken waren teils teils schwerwiegend, teils merkwürdig: Von der „Einschränkung der persönlichen Freiheit“ bis zum „erhöhten Verletzungsrisiko“ reichten die Einwände gegen den Sicherheitsgurt, als er im Sommer 1976 verpflichtend in Österreich eingeführt wurde, wenige Monate nach unseren deutschen Nachbarn.

Im Jahr zuvor hatte das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ eine Frau mit blutendem Gesicht als Titelbild gezeigt. Darunter stand die Schlagzeile: „Gefesselt ans Auto – Anschnall-Pflicht ab Januar“ (siehe Abb. rechts). Was aus heutiger Sicht absurd anmutet, war damals eine emotional geführte Debatte in einer Zeit, als das Automobil für weite Kreise noch als Symbol für Freiheit und Fortschritt gesehen wurde.

So war es auch nach der Einführung der Gurtenpflicht mit der Disziplin der Lenkerinnen und Lenker nicht weit her: Noch Anfang der 1980er Jahre verweigerte jede/r dritte AutofahrerIn das Anschnallen. Erst eine Strafandrohung von 100 Schilling (7 Euro) im Sommer 1984 brachte die Wende. Seit 1990 müssen alle Insassen eines Pkw angegurtet sein.

Sieben Prozent fahren ungesichert
Jährlich erhebt das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV), wie viele LenkerInnen, BeifahrerInnen und MitfahrerInnen angegurtet sind. Im Jahr 2015 legten 93 Prozent der LenkerInnen einen Sicherheitsgurt an, aber nur 88 Prozent der MitfahrerInnen. „Nicht angeschnallte MitfahrerInnen gefährden im Fall eines Unfalls nicht nur sich selbst, sondern auch die Passagiere in der Vorderreihe, wenn sie bei einem Unfall oder einer Bremsung nach vorne geschleudert werden“, warnt Othmar Thann, Direktor des KfV. Am wenigsten Disziplin haben die Jüngeren. Von den 13- bis 17-Jährigen sind 85 Prozent angeschnallt, von den 18- bis 24-Jährigen nur 76 Prozent.

Hohes Risiko
Gurtverweigerer setzen sich einem hohen Risiko aus, betont man im KfV: Das Risiko bei einem Unfall mit Personenschaden getötet zu werden ist ohne Gurt mindestens achtmal höher als mit Gurt. Jede/r 19. nicht angegurtete Pkw-LenkerIn bzw. MitfahrerIn stirbt, während nur jeder 208. angegurtete Pkw-Insasse bei einem Unfall mit Personenschaden getötet wird. Im Jahr 2014 hätten nach Schätzungen 58 Menschen nach Verkehrsunfällen gerettet werden können, wären sie angeschnallt gewesen.

Späte Würdigung
Der Sicherheitsgurt von Nils Bohlin wurde 1985 vom Deutschen Patentamt als eine der acht Erfindungen ausgewählt, die der Menschheit in den letzten 100 Jahren den meisten Nutzen brachten. UnfallforscherInnen schätzen, dass dieses System weltweit statistisch alle sieben Sekunden ein Menschenleben rettet.

Was ein Sicherheitsgurt können muss
Bei einem Aufprall von 50 km/h verzögert jede freie Masse im Fahrzeug mit dem rund Zehnfachen ihres Gewichts. Das heißt, der Gurt muss bei einem 80 Kilo schweren Erwachsenen 800 Kilo auffangen. Das erfordert reißfestes, flexibles Material, das sich gleichzeitig nicht dehnen sollte: Gurte bestehen aus Polyesterfasern, die sich kaum abnützen. Ein ausgefranster oder gar eingerissener Gurt muss ausgetauscht werden.

Gefahren durch Gurte
Gurte sind unbestritten lebensrettend, gleichzeitig können sie bei schweren Unfällen auch Verletzungen vor allem im Brustbereich verursachen. Auch wenn diese Verletzungen möglicherweise das „kleinere Übel“ darstellen, sind die Gurthersteller gefordert, ihre Systeme weiterzuentwickeln und zu verbessern. Wichtig ist es, die Gurte richtig einzustellen und anzulegen.

Erwischt!
Wer ohne Gurt erwischt wird, zahlt 35 Euro Strafe. Für ein ungesichertes Kind kann die Strafe 70 Euro betragen, und es droht ein Eintrag ins Führerschein-Vormerksystem. Zwei Vormerkungen binnen zwei Jahren führen zu einer Kindersicherungs-Nachschulung.

Kinder und Gurte
Jeder Fahrzeuginsasse ist selbst dafür verantwortlich, den Gurt zu verwenden. Für Kinder bis 14 Jahren ist der Fahrer/die Fahrerin verantwortlich. Der Gurt muss angelegt sein:

  • Ab 150 cm Körpergröße kann der eingebaute Gurt verwendet werden, wenn er sich auf die Körpergröße einstellen lässt.
  • Unter 150 cm muss ein Kindersitz verwendet werden.


Ausnahmen

Die Gurtpflicht in Pkw gilt nicht für FahrerInnen, die einparken oder sehr langsam rückwärts fahren, für TaxifahrerInnen mit Fahrgästen und für FahrerInnen von Einsatzfahrzeugen, die sich im Einsatz befinden.


13. November 2017