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„Radfahren - das muss man können!“

Das Jugendrotkreuz präsentiert eine neue Lernplattform zum Üben für die Freiwillige Radfahrprüfung. Generalsekretärin Renate Hauser erklärt, warum jedes Kind Radfahren lernen sollte.

Interview: Thomas Aistleitner

Kinder beim Radfahren

Gemeinsam mit dem Bildungsministerium, dem Verkehrsministerium und den Partner AUVA, KfV, Polizei und ÖAMTC präsentiert das Österreichische Jugendrotkreuz die neue Lernplattform zur Freiwilligen Radfahrprüfung www.radfahrprüfung.at. Die Website unterstützt SchülerInnen auf dem Weg zum heiß begehrten „Radfahrführerschein“, der bereits 10-Jährige berechtigt, ohne Begleitung mit dem Fahrrad auf öffentlichen Straßen unterwegs zu sein.

Das Jugendrotkreuz ist seit den 1950er Jahren Träger der Freiwilligen Radfahrprüfung. Jedes Jahr machen mehr als 80.000 Schülerinnen und Schüler in ganz Österreich mit.

Frau Generalsekretärin, wie sind Sie heute ins Büro gekommen?
Renate Hauser: Mit dem Fahrrad, ich brauche eine halbe Stunde ins Büro.

Haben Sie einen Helm aufgehabt?
Ja. Ich falle zwar nicht unter die Helmpflicht, aber wegen der Vorbildwirkung. Man kann einem Kind schwer erklären, dass der Kopf nur bis zum 12. Lebensjahr geschützt werden muss.

Wir sind hier in Ihrem Büro im vierten Wiener Gemeindebezirk. Würden Sie ein zehnjähriges Kind, das unter Ihrer Aufsicht steht, hier allein mit dem Rad fahren lassen?
Das kommt darauf an, wo genau in diesem Bezirk und wieviel Verkehrserfahrung das Kind hat. Auf jeden Fall sollte es die freiwillige Radfahrprüfung absolviert haben. Dann kann ich sicher sein, dass es radfahren kann und die Verkehrsregeln kennt.

Das Österreichische Jugendrotkreuz ist der Träger der Freiwilligen Radfahrprüfung. Warum engagiert man sich hier?
Die Freiwillige Radfahrprüfung ist eines unserer Kernprogramme. Wir machen das nun seit über 60 Jahren mit einer Reihe von bewährten Partnern (siehe Kasten), vor allem der Polizei, die den praktischen Teil der Prüfung abnimmt. Aus unserer Sicht ist es ein ganz wichtiges Präventivprogramm, um Kinder fit für den Straßenverkehr zu machen. Es geht ja nicht nur darum, dass Kinder allein im Straßenverkehr fahren dürfen, sondern dass sie die Verkehrszeichen lernen und das Verhalten im Straßenverkehr.

Das Verhalten als Radfahrer?
Ein Kind, das die freiwillige Radfahrprüfung erfolgreich absolviert hat, ist auch als Fußgänger sicherer unterwegs und weiß sich zwischen Autofahrern, Radfahrern und Verkehrszeichen zurechtzufinden.

Was weiß man über die Verkehrskompetenz der heutigen Kinder? Stimmt es, dass sie nicht mehr so gut radfahren können wie früher?
Dazu haben wir keine Statistiken, aber teilweise stimmt es wohl. Es gibt Gegenden, wo Kinder nicht mehr so oft mit dem Rad fahren und sich auch insgesamt weniger bewegen. Umso wichtiger ist der Meilenstein Radfahrprüfung in der vierten Schulstufe. Wenn ein Kind erst für diesen Anlass radfahren lernt – besser als noch später!

Wie werden Kinder auf die Prüfung vorbereitet? Welche Rolle haben die Eltern? Es gibt Schulen, die die Prüfungsvorbereitung bei Trainern zu kaufen?
Die Radfahrprüfung ist als Gemeinschaftsprojekt gedacht, bei dem alle Beteiligten der Schulgemeinschaft mitwirken. Grundsätzlich sollten die Eltern oder familiäre Bezugspersonen mit den Kindern Radfahren lernen. Das wäre die Wunschvorstellung. Es gibt aber auch Kinder, die zu Hause nicht Radfahren lernen. Darum bedienen sich einige Schulen dieser Zusatzangebote, indem sie professionelle Trainings an die Schule holen.

Man möchte also, dass ein Kind Radfahren lernt, auch wenn es zu Hause keine Unterstützung hat?
Ja, denn Radfahren ist aus unserer Sicht eine Grundkompetenz wie Schwimmen. Sich sicher auf der Straße bewegen, das ist eine Lebenskompetenz. Das muss man können.

Zum Übungsheft zur Radfahrprüfung ist jetzt eine Lernplattform dazugekommen. Brauchen Volksschulkinder eine Website, um Radfahren zu lernen?
Lernmethoden sind vielfältig. Digitale Lernmethoden werden heute verstärkt genutzt und sind auch sinnvoll. Das Übungsheft, das die Kinder erhalten, ist nach wie vor der Hauptträger des Programms, weil jedes Kind dieses Heft bekommt. Aber ergänzend ist die Möglichkeit einer Lernplattform passend. Lehrerinnen und Lehrer können in offenen Lernformen am PC in der Klasse das Lerntool nutzen und die Kinder üben lassen. Eltern oder Großeltern können mit den Kindern üben oder die Kinder auch mal unbegleitet am Computer oder Tablet oder auch Smartphone üben lassen.

Die Quizfragen sind gar nicht so einfach.
Ja, ich glaube, da muss man auch als Erwachsener nachdenken, wenn man nicht gerade erst den Führerschein gemacht hat.

Wie steht es um die Akzeptanz der Radfahrprüfung bei den Kindern? Wollen Kinder von sich aus die Prüfung machen?
Die Radfahrprüfung ist heiß begehrt. Man sieht den Stolz der Kinder, wenn sie den Schein in Händen halten. Das ist für sie etwas Besonderes. Das war früher so und ist heute nicht anders. Dieser erste Führerschein ist einfach ein Erlebnis, und das ist gut so.

Die Radfahrprüfung ist ein Kernstück der schulischen Verkehrserziehung. Gibt es im Jugendrotkreuz noch mehr Anliegen zu diesem Thema?
Wenn ich die Verkehrserziehung weiterdenke, dann sehe ich, dass die Kinder mit 15 Jahren den Mopedführerschein machen dürfen. Für diese Prüfung gibt es keine verpflichtende Erste-Hilfe-Ausbildung. Das macht mir Sorgen. Diese Jugendlichen sind mit höherer Geschwindigkeit im Verkehr unterwegs und für den Notfall nicht ausgebildet.

Hat das Jugendrotkreuz dazu eine Forderung?
Ja. Wir wünschen uns, dass auch für den Mopedführerschein ein Erste-Hilfe-Kurs vorgeschrieben ist. Die Kurse dafür können wir gerne anbieten.


29. Mai 2017