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Bei Rot rechts abbiegen

In mehreren Ländern dürfen Radfahrer bei roter Ampel rechts abbiegen, in manchen sogar Autos. Verkehrsforscher Ulrich Leth empfiehlt für Österreich nur eine dieser Maßnahmen.

Interview: Thomas Aistleitner

© CETE de l`Est

netzwerk-verkehrserziehung: Herr DI Leth, warum darf man in anderen Ländern mit dem Fahrrad bei roter Ampel rechts abbiegen und bei uns nicht?
Ulrich Leth:
Das weiß ich auch nicht. Offensichtlich sind andere Länder in ihren Radfördermaßnahmen deutlich progressiver.

Warum sollte man es erlauben?
Der Radverkehr wird flüssiger, die Wartezeit an den Ampeln für Radfahrer sinkt, die Zeit im toten Winkel wird für Radfahrer geringer – insgesamt wird Radfahren dadurch attraktiver. Und deshalb gibt es einige Länder, die das Rechtsabbiegen bei Rot für Radfahrer erlauben – sie aber nicht dazu verpflichten.

Welche Länder lassen es denn zu?
In den Niederlanden ist es seit 1991 erlaubt. Frankreich, Belgien, Dänemark und die Schweiz haben in den letzten fünf Jahren Pilotversuche mit positiven Ergebnissen durchgeführt und das Rechtsabbiegen für Radfahrer eingeführt. Nur die Schweiz befindet sich noch im Prüfungsstadium.

Sollte so ein Pilotversuch auch in Österreich stattfinden?
Das Verkehrsministerium hat mich informiert, dass ein Pilotversuch, der die Ampelfunktion außer Kraft setzt, in Österreich derzeit nicht möglich ist.

Was bedeutet das?
Das bedeutet, man kann das Rechtsabbiegen bei Rot für Radfahrer einführen oder nicht einführen. Aber man darf es nicht testen, außer nach einer Gesetzesänderung.

Was für Erkenntnisse haben die Testphasen in den anderen Ländern gebracht?
Mir liegen Berichte über die Erfahrungen aus Basel in der Schweiz vor. Es gab einen gewissen Gewöhnungseffekt bezüglich der Nutzung. Es gab anfangs Konflikte mit querenden Fußgängern, die aber wieder zurückgegangen sind. Man darf dabei nicht vergessen: Rechtsabbiegen bei Rot ist nur eine Möglichkeit, keine Verpflichtung. Auch auf einer klassischen Kreuzung gibt es immer wieder Konfliktstellen zwischen Fußgängern und Radfahrern.

Welchen Rang haben Radfahrer und Fußgänger in dieser Situation zueinander?
Beim Rechtsabbiegen bei Rot haben alle anderen Vorrang, der Radfahrern müsste auf die Fußgänger warten.

Wie sind Sie persönlich auf dieses Thema gekommen?
Jeder von uns kann jeden Tag beobachten, dass sich Fußgänger und Radfahrer bei geringem Verkehr nicht an die Ampelphasen halten. Deshalb beschäftige ich mich seit einigen Jahren mit der Regelbefolgung im Verkehr.

Mit anderen Worten: Weil viele etwas Verbotenes tun, soll man es erlauben?
Pilotprojekte wie Basel haben ergeben, dass sich durch die Erlaubnis des Abbiegens bei Rot die Regelbefolgung insgesamt verbessert hat. Das Linksabbiegen bei Rot, das nach wie vor nicht erlaubt ist, hat auch abgenommen. Es gibt ja auch bei uns Kreuzungen mit vielen Rotvergehen ohne Konflikte und Unfälle.

Wie ist die Situation in Deutschland?
In Deutschland gibt es in mehreren Städten wie Freiburg und Hamburg Initiativen für eine Testphase. In Berlin ist dies sogar in der Koalitionsvereinbarung festgelegt. In der DDR gab es früher den grünen Pfeil, der das Rechtsabbiegen für alle Verkehrsteilnehmer erlaubte, auch für Autos. Dieser wurde nach der Wiedervereinigung in die gesamtdeutsche StVO übernommen, wird aber selten eingesetzt.

Warum nicht?
Weil laut deutschen Studien die sicherheitsrelevanten Auswirkungen v. a. auf nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer zumindest strittig und eine Zunahme der Unfallzahlen zu vermuten sind.

Das bedeutet, Rechtsabbiegen bei Rot ist für die Fußgänger gefährlicher, wenn auch Autos abbiegen dürfen?
Ja. In den USA wurde das Rechtsabbiegen bei Rot für Autos schon in den 1970er Jahren eingeführt, allerdings mit dem Ziel, Treibstoff zu sparen. Die Unfälle mit Fußgängern und Radfahrern an den Kreuzungen haben sich dadurch fast verdoppelt. Dennoch gilt diese Regel in den USA bis heute. Ich würde sie für Autos nicht empfehlen.

Warum eigentlich? Was macht Radfahrer in dieser Situation sicherer?
Da gibt es einiges: Der Radfahrer sitzt höher und sieht die Kreuzung besser ein. Er hat keine Karosserie, daher hört er besser und ist flexibler und wendiger. Wegen seiner geringen Masse kann er leichter stehenbleiben und gefährdet andere weniger.

Angenommen, das Rechtsabbiegen wird eingeführt, und sei es nur als Testphase. Wie weiß man, was an einer Kreuzung erlaubt ist?
Üblicherweise gibt es eine Zusatztafel an der Ampel. In Frankreich und Belgien ist es ein kleines Nachrangschild mit einem Radsymbol und Richtungsangabe. In den Niederlanden gibt es eine blaue Tafel, in der Schweiz eine schwarze Tafel und in Frankreich eine blinkendes gelbes Radsymbol.

Was gibt es noch für Ideen für Radfahrer?
In Frankreich testet man Linksabbiegen bei Rot für Radfahrer, zum Beispiel an Stellen, an denen Radfahrer keine Fahrlinien von Kfz kreuzen.

Haben Sie noch mehr Ideen für neue Verkehrsregeln?
Wir haben im Straßenverkehr generell eine Symptombehandlung, die den Autoverkehr schnell machen soll, und in viel zu langen Ampelphasen und in überregulierten Kreuzungen resultiert. Wir haben zu viele Ampeln, und viele Ampeln sind zu starr geschalten.

Was wäre das Rezept dagegen?
Mein Vorschlag wären weniger Regeln, weniger Ampeln und mehr Eigenverantwortung für alle Verkehrsteilnehmer.


18. April 2017