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Alex und Tina - warum?

Verkehrserzieher in Niederösterreich: Kurt Baumgartner über die „Kinderpolizei“, den gefährlichsten Tag für junge Autofahrer und warum er keine Schockfotos einsetzt.

Interview: Thomas Aistleitner

Thomas und Tina sind jung und verliebt. Thomas mag schnelle Autos, Tina mag Thomas. Es ist Samstagnacht und die beiden sind unterwegs. Sie unterhalten sich. Sie tanzen. Sie wissen nicht, dass sie am Heimweg einen Verkehrsunfall haben werden.

Die Burschen und Mädchen einer dritten Berufsschulklasse haben es gerade eben erfahren. Kurt Baumgartner hat ihnen gezeigt, wie Thomas und Tina den Abend verbracht haben und wie er ausgegangen ist. Jetzt steht an der Tafel nur mehr das Wort „WARUM?“

netzwerk-verkehrserziehung: Herr Baumgartner, wie reagieren die Jugendlichen auf diese Geschichte?
Kurt Baumgartner: Man hat als Vortragender das Gefühl, dass sich viele SchülerInnen mit dem Pärchen „Alex und Tina“ identifizieren können und sie der Meinung sind, dass ein solcher Unfall auch ihnen passieren könnte. Wir diskutieren, was die Unfallursachen sein könnten, was die Folgen eines solchen Unfalls sind und wie man ihn hätte verhindern können.

Was sagen die Jugendlichen dazu?
Die meisten vermuten, dass Alkohol die Unfallursache war. Dabei ist Alkohol bei nur etwa 3 % der tödlichen Verkehrsunfälle im Spiel. Die meisten Unfälle passieren durch Unachtsamkeit bzw. Ablenkung des Lenkers oder der Lenkerin und durch nicht angepasste Geschwindigkeit.

Welche Ablenkung meinen Sie?
Ablenkung durch Geräte wie Smartphones, oder einfach nur die Superstimmung im Auto im Disco-Pendlerverkehr in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Das ist die gefährlichste Zeit für junge Autofahrer.

Zeigen Sie auch Fotos vom Unfall selbst?
Ja, wir zeigen Fotos vom Unfall. Dabei handelt es sich jedoch um Fotos, auf denen keine Toten oder schwerverletzte Personen ersichtlich sind. Ich bin der Meinung, dass die Jugendlichen Fotos mit getöteten oder schwerverletzten Menschen aus Selbstschutz quasi nach dem Motto „Mir kann das nicht passieren“ verdrängen und mit ihren Gedanken nicht mehr beim Vortrag sind. Speziell bei den Mädchenklassen sind Unfallfotos eine sensible Angelegenheit.

Sie haben als Verkehrserzieher einige Generationen von Jugendlichen kennengelernt. Ändert sich etwas im Bewusstsein der Jugendlichen, was die Verkehrssicherheit betrifft?
Ja, ich muss da eine Lanze brechen. Die jungen Fahranfänger sind größtenteils sehr vernünftig. Sie bilden zunehmend Fahrgemeinschaften, nutzen Discobusse, der Fahrer trinkt nicht. Auch die umfassende Ausbildung zum Führerschein (Mehrphasenausbildung), sowie andere Maßnahmen die für junge Fahrzeuglenker gelten (Probezeit), führen dazu, dass die jungen Autofahrer heute vorsichtiger und sicherer unterwegs sind als früher, oder sagen wir: weniger unsicher.

In welchem Alter beginnt die Polizei in Niederösterreich mit der Verkehrserziehung?
Wir unterstützen die Lehrer der 1. bis 3. Klasse Volksschule, indem wir gemeinsam mit der Klasse den praktischen Lehrausgang in der Verkehrswirklichkeit durchführen. Auf diesem Lehrausgang wurden die Schüler in der Theorie durch den KlassenlehrerInnen vorbereitet.

Wird da ein Standardprogramm durchgenommen oder können Sie auf Wünsche der Kinder oder der LehrerInnen eingehen?
Grundsätzlich erfolgt die Verkehrserziehung nach dem „Standardprogramm“, das jedoch Möglichkeiten bietet, um auf die Bedürfnisse der SchülerInnen zu reagieren. Beispielsweise wird in einer Schule am Land der Punkt „Verhalten in öffentlichen Verkehrsmitteln“ weniger zum Tragen kommen als im urbanen Bereich. Dafür wird im ländlichen Bereich das „Verhalten am Gehsteig“ oder „Queren einer Straße ohne Ampelregelung“ verstärkt geübt werden.

Die Arbeit in der vierten Klasse Volksschule ist sicher der Radfahrprüfung gewidmet?
Ja, auch hier ist die Schule federführend. Die Polizei ist unterstützend tätig und hilft bei der Auswahl der Prüfungsstrecke, kontrolliert die Fahrräder, sichert die Prüfungsstrecke ab und führt eine beratende Tätigkeit bei der Ausstellung der Radfahrausweise durch. Im Idealfall wird die Vorbereitung der Kinder auf die Radfahrprüfung durch ihre Lehrerinnen und Lehrer durchgeführt.

Ist das denn nicht ohnehin der Normalfall?
Es gibt Schulen, die die Prüfungsvorbereitung an externe Vereine auslagern. Die Vorbereitung ist dort bestimmt auch sehr gewissenhaft, aber sie ist mit Kosten verbunden. Deshalb ist es die Linie der Polizei und auch des Landesschulrats, dass die Kinder im Unterricht auf die Prüfung vorbereitet werden, da dort keine Kosten anfallen und somit alle SchülerInnen die Möglichkeit haben, an der Radfahrprüfung teilzunehmen. Dies ist auch lehrplankonform, denn Verkehrserziehung ist ja ein Unterrichtsprinzip – jedenfalls in der Volksschule.

Sie spielen darauf an, dass in den Mittelschulen nicht mehr viel geht in Sachen Verkehrserziehung ...
Ja, ab der NMS ist Verkehrserziehung nicht mehr verpflichtend, da sind wir dann praktisch draußen. Dafür übernehmen wir in der Volksschule immer mehr Aufgaben, die eigentlich schon über unser Thema hinausgehen.

Das hört sich spannend an ...
... und ist es aus meiner Sicht auch. Seit 2009 machen wir das Projekt „Kinderpolizei“. Dabei weisen wir auf allgemeine Gefahren über den Straßenverkehr hinaus hin: Verhalten bei Wehranlagen, Verhalten auf Bahnhöfen oder auch: Was tun, wenn mich eine fremde Person anspricht?

An welche Altersstufe richtet sich die „Kinderpolizei“?
Die Kinderpolizei findet ab der 2. Schulstufe statt, die Kinder bekommen nach einer kleinen Aufnahmeprüfung einen Ausweis und sind dann „Kinderpolizisten“. Wichtig ist uns hier die Nachhaltigkeit: Das bedeutet, dass der örtlich zuständige Polizist (Verkehrserzieher) mit den Kindern gemeinsam ein- bis zweimal im Jahr etwas unternimmt, um den Kindern die Scheu vor der Polizei zu nehmen, bzw. den Polizisten als Vertrauensperson und Ansprechparten bei Problemen kennenzulernen.

Es ist interessant, dass man dafür auf die Verkehrserzieher zurückgreift.
Das hat einen praktischen Grund: Wir Verkehrserzieher haben ja schon den Kontakt zu den Schulen, die Adressen, die Ansprechpartner und die Kinder kennen uns. Es wäre viel mühsamer und eigentlich auch überflüssig, dafür eine neue Struktur aufzubauen.

Werfen wir noch einen Blick in die Zukunft der niederösterreichischen Verkehrserziehung ...
Diese Zukunft hat gerade begonnen. Wir haben heuer im März das Projekt „CyberKids“ gestartet. Dabei geht es um den verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet: Daten nicht hergeben, Umgang mit Kettenbriefen usw. – also die Basics, die Kinder wissen sollten.

Wie kann man an CyberKids teilnehmen?
Grundsätzlich wird „CyberKids“ ab der 3. Klasse Volksschule angeboten. Die Schulen haben dazu einen Erlass bekommen. Anmelden kann man kann sich beim zuständigen Bezirkspolizeikommando.


3. April 2017