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„Auf die Wegeketten kommt es an“

Erstmals wurde in einer Studie untersucht, was Personen mit Betreuungsaufgaben wie Eltern bei der Wahl des Weges zur Schule oder zum Kindergarten beeinflusst. Studienleiterin Bente Knoll erklärt, wie viele Umstände dabei wichtig sind.

Interview: Thomas Aistleitner

netzwerk-Verkehrserziehung: Wie ist es zu dieser Studie gekommen?
Bente Knoll:
Die letzte große quantitative Mobilitätserhebung für ganz Österreich wurde 1995 gemacht. Ich habe eine Dissertation zu Fragen der Mobilitätserhebung geschrieben - mit einem Plädoyer für einen qualitativen Teil. Begleitend zur neuen bundesweiten  Mobilitätserhebung namens „Österreich unterwegs“ hat mein Büro einen Auftrag vom BMVIT für eine qualitative Erhebung bekommen, und zwar bezogen auf Menschen mit Betreuungsaufgaben.

Was motiviert Eltern, mit ihren Kindern zu Fuß zur Schule oder zum Kindergarten zu gehen?
Es gibt Eltern, denen nachhaltiges Mobilitätsverhalten wichtig ist. Sie wissen, dass es Training und Selbstbewusstsein braucht. Sie begleiten ihre Kinder, gehen dann nach Hause und erst dann in die Arbeit. Es geht ihnen dabei nicht nur um die Gesundheit und das Verhalten ihrer Kinder im Verkehr, die gemeinsame Zeit in Öffis wird auch als qualitative Zeit gesehen.

Und was hält die anderen Eltern davon ab?
Ein großer Punkt dieser Studie ist, dass wir nun besser wissen, was für einen Einfluss die Wegeketten haben. Nach Hause, in den Kindergarten, zum Arbeitsplatz, zum Einkaufen. Durch unsere persönlichen Befragungen wurden diese Wegeketten in ihrer Vielfalt sichtbar. Daraus ergibt sich, warum immer noch viele dieser Wege mit dem Auto zurückgelegt werden. Der Schulweg wird in den Tagesablauf der Familie eingebaut und nach Effizienzkriterien erledigt. Oft wird das Kind auf dem Weg in die Arbeit zur Schule mitgenommen. Außerdem stehen bestimmte Berufsgruppen vor besonderen Herausforderungen: Wer im Krankenhaus oder im Pflegebereich arbeitet, muss oft sehr früh aus dem Haus. Da ist es schlicht nicht möglich, den Schulweg gemeinsam zurückzulegen.

Welche Gründe gibt es dafür?
Es sind scheinbar banale Überlegungen: Was muss ich alles mitnehmen, wenn ich mit einem Kind unterwegs bin: Getränk, Ersatzkleidung, Jause. Wie barrierefrei sind Wege, die ich mit einem Kleinkind oder mit einem Kinderwagen zurücklege? Welche Aufenthaltsqualität haben Haltestellen?

Was kann an Haltestellen verbessert werden?
In den Städten sind Haltestellen oft viel besser ausgestattet als auf dem Land. Dort gibt es Haltestellen ohne jede Ausstattung - keine Sitzplätze, kein wetterfester Unterstand.

Gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern?
In den letzten Jahren wurde mehr Augenmerk auf Genderaspekte im Mobilitätsverhalten gelegt - wie sind Frauen unterwegs, wie Männer?

Welche Unterschiede gibt es da?
Ich sehe die Unterschiede weniger im Geschlecht, sondern an den Rollen. Betreuende Männer verhaltenden sich ähnlich wie betreuende Frauen, nicht betreuende Männer wie nicht betreuende Frauen. Allerdings ist es nun einmal so, dass wesentlich mehr Frauen Betreuungsaufgaben übernehmen, auch und gerade am Weg zur Schule oder zum Kindergarten.

Welche Herausforderungen wurden für Schulwege noch deutlich?
Es stellt sich heraus, dass die Attraktivität von Schulwegen nicht nur über die Verkehrsplanung sichergestellt werden kann. Es geht auch um die Planung auf der kommunalen Ebene, um die Schulorganisation, um die Schulanfangszeiten und die Schnittstellen zu den Ankunftszeiten öffentlicher Verkehrsmittel. Bei so vielen beteiligten Institutionen ist lösungsorientiertes Umsetzen oft schwierig.

Was könnte man verbessern?
Aus meiner Sicht relativ einfach wäre eine bessere Anpassung von Schulstart und Kindergartenstart und öffentlichem Verkehr. Das ist grundsätzlich – gerade im Busverkehr - nicht schwer umzusetzen. In der Praxis sind aber zu viele Behörden, zu viele Ebenen im Spiel. Alle Beteiligten sind willig, aber das System hat Sand im Getriebe. Aber das Argument der Wartezeiten am Schulweg, in denen die Kinder unbeaufsichtigt sind, könnte damit entkräftet werden.

Was ließe sich am Schulweg selbst verbessern?
Es gibt genug Möglichkeiten für qualitative Verbesserungen beim Warten auf den Schulbus: Schulvorplätze, zugängliche Toiletten, Regenschutz ... Aus London kommt die Idee temporärer Fahrverbote vor den Schulen. Bei uns würde ich mir wünschen, dass die Polizei darauf achtet, dass die bestehenden Gesetze eingehalten werden und die Situation zu Schulbeginn und Schulschluss genauer kontrolliert wird.

Spielen auch die Lehrerinnen und Lehrer eine Rolle?
Sogar eine durchaus einflussreiche – sie sind wie die Eltern Vorbilder, ihr Verhalten wird von den Kindern als maßgeblich angesehen. Kinder nehmen durchaus wahr, wie ihre Lehrerinnen und Lehrer in die Schule kommen.

Manche Schulen belohnen ihre Kinder für das Zu-Fuß-Gehen, da gibt es Aktionswochen, Sternchen als Auszeichnungen ...
Ja, aber das gibt dem selbst bewältigten Schulweg den Anschein des Besonderen. Es geht aber vielmehr darum, diese guten Projekte dann in den Alltag zu übernehmen.


20. Februar 2017