• Hauptartikel

Sichere Wege mit Oma und Opa

In Oberösterreich machen Schülerlotsen Dienst, aber auch Erwachsene sichern den Schulweg. Mit unterschiedlichen Befugnissen, erläutert uns Verkehrserzieher Nikolaus Koller von der oberösterreichischen Polizei.

Interview: Thomas Aistleitner

In Oberösterreich machen nicht nur Schülerlotsen Dienst ...
Schülerlotsen am Zebrastreifen

netzwerk-verkehrserziehung: Herr Koller, wie werden die Schulwege in Oberösterreich gesichert?
Nikolaus Koller: Wir setzen sowohl SchülerlotsInnen als auch Erwachsene, mit unterschiedlichen Kompetenzen, ein.

Wo liegt der Unterschied?
Es beginnt in der Ausbildung. Wir wollen, dass die künftigen SchülerlotsInnen ein Gefühl für die Geschwindigkeit eines herannahenden Autos bekommen und den Anhalteweg abschätzen können. Deshalb werden sie in der Theorie etwas länger geschult als die Erwachsenen. SchülerInnen bekommen zwei bis drei Unterrichtseinheiten Theorie, Erwachsene ein bis zwei. Die Praxisausbildung ist für beide Gruppen eine Einheit. Die Ausbildung der SchülerInnen geht dann unmittelbar in den ersten Probedienst über – die Kinder probieren auf der Straße aus, was sie gerade gelernt haben.

Warum werden die SchülerInnen anders geschult?
Es hat sich gezeigt, dass Erwachsene die Geschwindigkeit eines Fahrzeugs besser einschätzen können als 13-Jährige. Für die Erwachsenen gilt ja auch der Führerschein B als Vorbedingung für die Ausbildung. Wir gehen davon aus, dass die Erwachsenen hier ein Vorwissen haben, das den Kindern fehlt.

Wie unterrichten Sie den Anhalteweg?
Wir erklären den Anhalteweg, den Bremsweg und die Zeichengebung in der Theoriestunde. Dann gehen wir auf die Straße, vorzugsweise an die Stelle, wo später auch der Einsatzort für die Lotsen sein wird. Die Kinder dürfen die Geschwindigkeit schätzen und die Autos lasern. Da zeigt sich, dass das Tempo der Autos gerne unterschätzt wird.

Wie stark irren sich die Kinder?
Die ersten paar Autos sind immer ein Aha-Erlebnis, da wird oft auf 30 km/h geschätzt. Der Laser zeigt dann, dass das Auto doppelt so schnell unterwegs ist. Je weiter weg das Auto ist, umso schwerer ist es, die Geschwindigkeit zu schätzen.

Diese Schätzungen sind die Basis für den Lotseneinsatz?
Nicht nur. Wir gehen mit den Kindern zu ihrer Einsatzstelle. Dort legen wir einen Bereich fest, sagen wir einen Baum oder eine Laterne. So lange das Fahrzeug diesen Punkt nicht passiert hat, dürfen die Kinder es noch anhalten. Danach nicht mehr. Bei den Erwachsenen bleibt das deren persönlicher Einschätzung überlassen.

Wie alt müssen SchülerlotsInnen sein?
Wir haben für Oberösterreich ein Mindestalter von 13 Jahren festgelegt, also dritte Klasse NMS oder AHS. Ich glaube, ein Zehnjähriger wäre nicht nur überfordert, er würde auch von den VerkehrsteilnehmerInnen nicht ohne weiteres als Lotse wahrgenommen werden.

Was müssen SchülerlotsInnen tun und wie sind sie ausgerüstet?
Die Aufgabe der Lotsen ist das Sichern der Schulwege. Sie bekommen einen Signalstab und einen Überwurf, der sie kenntlich macht. Sie sind natürlich unfallversichert. Dies und alle weiteren notwendigen Informationen werden vorher bei einem Elternabend kommuniziert.

... sondern auch Erwachsene
Erwachsenenlotse ermöglicht einem Schulkind das sichere Überqueren der Straße

Welche Unterschiede zwischen SchülerlotsInnen und ErwachsenenlotsInnen gibt es im Einsatz auf der Straße?
SchülerInnen sind als Lotsen immer zu zweit, sie arbeiten nur im Ortsgebiet und nur bei Zebrastreifen. Der erwachsene Lotse braucht keinen Zebrastreifen und darf auch außerhalb des Ortsgebietes lotsen, allerdings nur, wenn eine Geschwindigkeitsbegrenzung gilt. Die SchülerInnen stehen am Fahrbahnrand und lotsen mit ihrem Stab. Sie dürfen nur eine Verkehrslücke nützen, aber kein Auto anhalten. Dafür gibt es mit § 29a StvO eine rechtliche Grundlage.

Gibt es Entwicklungen beim Lotsendienst, was können Sie sich für die Zukunft vorstellen?
Wir haben als Projekt den Schulbuslotsen mit dem SchülerlotsInnen kombiniert. Dieser Lotse schaut schon im Bus, dass alle einen sicheren Platz bekommen. Dann steigt er mit den Schulkindern aus und übernimmt als Lotse den weiteren Schulweg. Wir testen das gerade im Bezirk Gmunden. Diese Lösung kommt sehr gut an, vielleicht wird das Projekt auf weitere Bezirke ausgedehnt.

Wie viele LotsInnen sind in Oberösterreich tätig?
Wir betreuen zurzeit ca. 2300 SchülerInnenlotsen und 600 Erwachsene.

Gibt es genug Freiwillige, die sich dafür melden?
Ja. Wir haben immer Neugründungen, heuer schon in vier Gemeinden mit Erwachsenenlotsen. Wir versuchen, diese Stellen auszubauen.

Wer meldet sich typischerweise als Erwachsenenlotse?
Neu von zehn ErwachsenenlotsInnen sind PensionistInnen. Sie kommen als Großeltern der Volksschulkinder zu uns oder auch über die Seniorenvereine.

Wie nehmen die AutofahrerInnen die LotsInnen wahr? Gibt es ungehaltene Reaktionen?
Weil die LotsInnen SchülerInnen in Gruppen über die Straße führen, sind sie Verkehrsbeschleuniger. Darüber freuen sich auch die AutofahrerInnen.

Wie sicher lebt man als Schülerlotse im Einsatz?
Da kann ich Gutes berichten: Seit 15 Jahren ist in Oberösterreich im Zusammenhang mit dem Lotsendienst kein einziger Unfall passiert.


28. November 2016