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Der menschliche Faktor

Welche baulichen (infrastrukturellen) Risiken gibt es für Unfälle? Wird dabei die Sicht der Kinder zu wenig berücksichtigt? Unfallforscherin Marianne Kraut erklärt, warum die „Human Factors“ zu wenig berücksichtigt werden.

Interview: Thomas Aistleitner

netzwerk-verkehrserziehung: Sie befassen sich mit dem Human Factor, dem menschlichen Verhalten im Zusammenhang mit Verkehrsunfällen und Verkehrssicherheitsuntersuchungen. Was kann man sich darunter vorstellen?
Marianne Kraut:
Bei der Unfallrekonstruktion von Verkehrsunfällen werden ausgehend von der Unfallaufnahme eines Verkehrsunfalles bis hin zur Aufnahme von Fahrzeugschäden und Verletzungen der Beteiligten, der Unfallhergang und die einzelnen Unfallabläufe rekonstruiert. Die Ursache eines Unfalles ist aber nicht immer auf nur einen einzigen Umstand zurückzuführen. Sowohl bei der Unfallrekonstruktion als auch bei der Verkehrssicherheitsuntersuchung müssen Mensch, System und Umgebung gleichermaßen berücksichtigt und analysiert werden. Neben z. B. ungünstigen Radienfolgen, die mitunter zu einer falschen Fahrlinie führen können, können auch die menschlichen Fehlleistungen und menschlichen Wahrnehmungsgrenzen sowie die Komplexität zum Beispiel von Kreuzungsbereichen und Ablenkung oder Reizüberflutung des Fahrers zu einem Unfall oder einer Konfliktsituation führen. Teil meiner Arbeit ist es auch, Mängel in der Infrastruktur zu detektieren und ausgehend von der Unfallforschung das erworbene Wissen in die Verkehrssicherheitsuntersuchung und in das Road Safety Audit (RSA) mit zu integrieren. Dies gewährleistet beispielsweise, dass Probleme in der Wahrnehmung von Verkehrsschildern oder durch Reizüberflutung der Fahrer sowie zu großer Informationsfluss für den Fahrer (z. B. in Form von zu vielen, zu knapp hintereinander aufgestellten Verkehrsschildern) vermieden werden können. Vor allem müssen hierbei Reaktionszeiten und unterschiedliche körperliche Konstitutionen gleichermaßen wie Ablenkungen durch beispielsweise Fahrerassistenzsysteme oder Werbeflächen mit berücksichtigt werden. Hier müssen Fragen beantwortet werden wie beispielsweise: Wo liegt die Akzeptanz und wo liegen die Probleme von Fahrerassistenzsystemen? Kommt es zu einer Überbeanspruchung des Fahrers und wie hoch ist der Ablenkungsgrad des Fahrzeuglenkers in verschiedenen Verkehrssituationen?

Sind Kinder dabei anders zu sehen als Erwachsene?
Im Zuge der Road Safety Inspection (RSI) und den Verkehrssicherheitsuntersuchungen werden Gefahrenstellen und Konfliktstellen detektiert, wie sie vor Schulen und Kindergärten auch oft auftreten. Das heißt, es wird einerseits aus Sicht der Kinder der Weg zur Schule betrachtet und andererseits die Sicht der anderen beteiligten Verkehrsteilnehmer (Pkw-, Lkw-Lenker usw.). Hierbei werden vor allem Sichtlinien und sowohl statische als auch dynamische Sichtweiten analysiert. Vor allem die unterschiedlichen Sichthöhen fließen wesentlich in die Betrachtungen mit ein. Kinder haben durch ihre Körpergröße eine andere Sichthöhe, mit der sie den Verkehr und ihre Umgebung wahrnehmen und sehen und somit auch Gefahren einschätzen und erkennen. Straßen werden tendenziell an Stellen gequert, die den kürzesten Weg beinhalten - und nicht den sichersten. Dabei betrachten wir wieder auf beiden Seiten die Human Factors und lassen sie in die Analyse einfließen.

Lässt sich mit diesen Erkenntnissen etwas an den Schwachstellen ändern?
Ein sehr großer Anteil unserer Arbeit ist die Verkehrssicherheitsanalyse. Es werden sogenannte Road Safety Inspections von schon bestehenden Streckenabschnitten und Verkehrssicherheitsuntersuchungen von Unfallhäufungsstellen gemacht. Dabei geht es um das Erfassen von potentiellen Unfallgefahren. Es werden unter anderem Sichtweiten, Beschilderungen und Bodenmarkierungen, Längs- und Querneigungen überprüft. Ziel dabei ist es, Unfallhäufungsstellen und Gefahrenstellen zu erkennen. Letztlich werden die Schwachstellen analysiert und es werden gezielte Vorschläge im Sinne eines Maßnahmenkataloges erarbeitet, um das bestehende Unfallrisiko zu minimieren und die Verkehrsteilnehmer so zu schützen. Besser wäre es aber schon im Vorfeld, also in der Planungsphase vor dem Bau, ein Road Safety Audit durchzuführen und Straßen eingehend zu prüfen und hinsichtlich ihrer Verkehrssicherheit zu analysieren, um Unfallhäufungsstellen gar nicht erst zu produzieren.

Lässt sich vor dem Bau einer Straße überhaupt eine Diagnose stellen?
Ja, für die Planung von Straßen vor Schulen und Kindergärten kann schon im Vorfeld das gesamte Schulumfeld analysiert werden und mögliche Gefahrenquellen werden schon vor dem Bau durch entsprechende Maßnahmen entschärft und vermieden. Dabei finden wiederum Sichthöhen und Sichtlinien und vor allem auch typische Verhaltensmuster von Kindern im entsprechenden Alter Berücksichtigung. So kann ein Schutz der jüngeren Verkehrsteilnehmer entsprechend gewährleistet werden. Durch ein verbessertes Sichtfeld für den Pkw- und Lkw-Lenker kann dies weiter optimiert und adaptiert werden. Auch eine umfassende Analyse der Fahrdynamik repräsentativer Fahrzeugtypen (Lkw, Pkw, Motorrad) ist im Vorfeld schon möglich. Radienfolgen, Quer- und Längsneigung können somit gleichsam wie unterschiedliche Fahrbahnzustände (trocken, nass, eisig) schon vorab überprüft und gegebenenfalls adaptiert und verändert werden.

Wie kann man Kindern helfen, sich sicher im Verkehr zu bewegen?
Die freiwillige Radfahrprüfung ist eine wichtige Maßnahme. Es muss aber auch geschult werden, welches Blickfeld ein Fahrzeuglenker hat. Kindern muss kindgerecht erklärt werden, welche „toten Winkel“ beispielsweise ein Lkw-Lenker hat und warum dieser in entsprechenden Situationen andere Verkehrsteilnehmer (Fußgänger und Radfahrer) nicht sehen kann. Auch die Sichtlinien und Gefahrenpotentiale, welche von einem Pkw-Lenker ausgehen, ist aus Sicht eines Kindes nicht immer nachvollziehbar. Vor allem, wenn Kinder mit dem Fahrrad unterwegs sind. D. h. eine entsprechende Konfrontation mit dem Verkehrsgeschehen ist auf jeden Fall erforderlich und im geschützten Rahmen meiner Meinung nach essentiell wichtig und entsprechend zu schulen und zu erklären. Vor allem die Abschätzung von Geschwindigkeiten ist im entsprechenden Alter für Kinder sehr schwierig und nicht einfach zu verstehen und einzuschätzen. Auch dem muss mittels entsprechenden spielerischen Übungen entgegengewirkt und die Gefahr klar dargestellt und erklärt werden.

In Ihrem Beruf und Arbeitsbereich sind Frauen eine Seltenheit, wenn nicht eine Ausnahme. Woran liegt das? Sind Frauen in der Technik benachteiligt?
Auf keinen Fall, im Gegenteil. Die Sicht einer Frau auf gewisse Problemstellungen ist oft eine andere - es gibt andere Herangehensweisen und Denkansätze sowie Lösungsvorschläge, welche additiv in die entsprechenden Untersuchungen einfließen. Wir bei Reco-Tech arbeiten immer mit dem 4-Augen-Prinzip und achten in der Zusammenstellung von Projektteams neben der Interdisziplinarität auch auf eine Teamzusammensetzung von Frauen und Männern gleichermaßen. Mädchen haben bei Ihrer Berufswahl nicht immer das Studium des Maschinenbaus vor Augen. Ich glaube, dass hier sehr viel schon in jungen Jahren entschieden wird und dass es sicherlich möglich wäre, mehr Mädchen für ein technisches Studium zu begeistern, wenn sie früh genug mit der Thematik in Berührung kommen würden – zum Beispiel an Workshops und Projekten schon im Volksschulalter teilnehmen könnten. Die Arbeit an sich hat das Potenzial, beide Geschlechter zu faszinieren und zu begeistern. Selbstverständlich bedarf es einer fokussierten und zielorientierten sowie analytischen Persönlichkeit und eines hohen Maßes an Genauigkeit in der Ausführung des Berufes – das ist aber keine Frage des Geschlechtes.

Angenommen, Sie könnten einige Gesetze zum Straßenverkehr in Österreich erlassen oder ändern: Was wären Ihre ersten Schritte?
Als Erstes würde ich veranlassen, dass es eine verpflichtende Abnahme von Planungen im gesamten Straßennetz, also nicht nur auf Autobahnen und im hochrangigen Straßennetz sondern auch im untergeordneten Straßennetz (vor allem auch in Gemeinden) sowie die Überprüfung von bestehenden Unfallhäufungsstellen und die verpflichtende Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen zur Vermeidung der selbigen, gibt.
Weiters würde die Integration der Thematik Fahrdynamik und Human Factors in die Road Safety Inspection ins Road Safety Audit und Verkehrssicherheitsuntersuchungen sowie die Erstellung entsprechender Richtlinien und Vorschriften für das Straßenwesen (RVS), welche diese Thematik explizit behandeln und durch die Auditoren umgesetzt werden müssen, zielführend hinsichtlich der weiteren Reduktion von Verkehrsunfällen sein.

31. Oktober 2016