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„Ich mach mir die Welt ...“

Jugendliche planen eine Stadt nach ihren Wünschen. Die besten Ideen des Projekts PhantasiJA wurden von ExpertInnen bewertet. Elke Sumper begleitete sie dabei.

Interview: Julia Mayer

netzwerk-verkehrserziehung: Wie entstand die Idee zum Projekt PhantasiJA?
Elke Sumper: Der Gedanke dahinter war, dass Jugendliche, im Gegensatz zu „VerkehrsexpertInnen“, noch unvoreingenommen an das Thema Verkehr herangehen, und deswegen wollten wir junge Menschen zu ihren Zukunftsvisionen von Mobilität befragen und sie selbst in die Rolle von VerkehrsplanerInnen schlüpfen lassen. Es hat sich gegen Projektende jedoch herausgestellt, dass die Jugendlichen gar nicht so unvoreingenommen sind.

Was ist das Ziel dieses Projektes?
Ziel des Projektes ist, Ideen für eine aktive nachhaltige Mobilität der Zukunft zu generieren. Wenn man fragt, wie sich Leute die Mobilität der Zukunft vorstellen, denken die meisten an Vollautomatisierung und fliegende Objekte. Mit diesem Projekt wollten wir zeigen, dass junge Menschen auch ein anderes Bild zukünftiger Mobilität zeichnen können.

Im Rahmen eines Ideenfrühstücks wurden ExpertInnen die Ideen der Jugendlichen vorgestellt. Wie kamen die Ideen an?
In dem Projekt haben die Jugendlichen über 80 Ideen eingebracht. Zuerst wurden diese in einem ExpertInnenworkshop evaluiert. Um die Fülle zu bewältigen, haben wir die Ideen mit einem Punktesystem bewerten lassen und die besten davon mit den ExpertInnen besprochen. Bei einigen der Vorschläge konnten sich die ExpertInnen die Umsetzung nicht vorstellen oder der Kosten-Nutzen-Faktor war nicht ausgeglichen. Die Meinungen während des Workshops waren kontrovers. Aber beim Ideenfrühstück, der Abschlussveranstaltung, fanden sie eine sehr gute Resonanz. Konsens war, dass viele der Vorschläge sehr gut in künftige Verkehrskonzepte integrierbar sind.

Sehen die ExpertInnen überhaupt Handlungsbedarf in den von den Jugendlichen angesprochenen Bereichen?
Absolut. Die Jugendlichen sind durch Filme und Umfeld darauf eingestimmt, dass die Mobilität der Zukunft weitestgehend bewegungsarm sein sollte; dies zeigt sich zum Beispiel am Vorschlag, ein fahrbarer Untersatz oder die U-Bahn solle den Menschen direkt vor der Haustür abholen und in der Arbeit absetzen, möglichst ohne sich selbst bewegen zu müssen.
Hier haben wir schon versucht, immer wieder den Fokus auf aktive Mobilität zu lenken. Die daraus entstandenen Ideen hatten aus Sicht der ExpertInnen schon große Relevanz für das Verkehrsgeschehen und die Mobilität der Zukunft.

Sind die entstandenen Ideen für die Mehrheit der VerkehrsteilnehmerInnen relevant?
Ja, auf jeden Fall. Im Rahmen eines Rollenspiels sind die Jugendlichen in unterschiedliche Rollen geschlüpft. So zum Beispiel in die Rolle einer 89-jährigen, gehbehinderten Dame oder eines 27-jährigen Familienvaters in Karenz. Wir haben versucht, die Jugendlichen dazu zu bringen, sich nicht nur auf ihr Alter zu beschränken, sondern auch an Menschen mit Mobilitätsbeeinträchtigungen zu denken. Sei es aufgrund einer Behinderung, sei es, dass eine Mutter mit einem Kinderwagen unterwegs ist oder jemand ein Paket transportiert.

In Workshops entwickeln die Jugendlichen gemeinsam Zukunftsszenarien
In Workshops entwickeln die Jugendlichen gemeinsam Zukunftsszenarien

Verraten Sie uns die drei Ideen, die Ihnen persönlich am besten gefallen haben?
Es gab die Idee, sich mit einer Schwebeseilbahn fortzubewegen, die durch die eigene Muskelkraft (Treten) angetrieben wird. Das habe ich sehr interessant gefunden. Dahinter steckt der Wunsch, sich die Wartezeiten an Ampeln zu sparen und dem motorisierten Verkehr auszuweichen. Gut gefallen hat mir auch die Idee, Glasbrücken zu bauen. Auch wenn dies nicht neu ist, steckt der Gedanke dahinter, Fortbewegung anders erlebbar und zu einem Abenteuer zu machen. Diesen Grundsatz in der Verkehrsplanung zu beachten, wär kein großer Aufwand. Und dann gefielen mir Ideen, wie man die Infrastruktur ansprechender gestalten kann, sodass die aktive Fortbewegung mehr Spaß macht. Also beispielsweise bei Rad- oder Fußgängerwegen Wasser- und Musikelemente einzubauen und so den öffentlichen Raum interessanter, ansehnlicher und spektakulärer zu gestalten.

Somit ging es auch darum, wie ein Rahmen für Mobilität geschaffen werden kann?
Genau. Das Thema war die Förderung aktiver Mobilität in verschiedenen Bereichen: Verkehrsmittel, Infrastruktur, insbesondere deren Gestaltung, weil diese einen großen Einfluss auf das Verkehrsverhalten hat, sowie technologische Innovationen und verkehrspolitische Maßnahmen. Die Jugendlichen fänden es beispielsweise gut, wenn das öffentliche Verkehrsnetz erweitert würde. Die nächste Haltestelle des öffentlichen Verkehrs sollte von zu Hause schneller erreichbar sein als der nächste Parkplatz.

Glauben Sie, dass Mobilität und Verkehr für Jugendliche in Zukunft wichtiger werden?
Mobilität ist auf jeden Fall sehr wichtig und wird das auch in Zukunft sein, auch für Jugendliche. Um die 50 Jugendliche waren bei unserem Projekt dabei. Zu Fuß gehen und öffentliche Verkehrsmittel waren, typisch für jugendliches Mobilitätsverhalten, auch bei ihnen die Fortbewegungsmittel Nummer eins. Allerdings mehr aus Gründen der Praktikabilität, denn hauptsächlich das Radfahren oder Skateboardfahren sind Fortbewegungsmittel, die mit Spaß verbunden werden, im Gegensatz zu öffentlichen Verkehrsmitteln oder auch zum Autofahren. Deshalb denke ich, dass es wichtig ist, Bewusstseinsbildung zu betreiben, um dieses nachhaltige Mobilitätsverhalten und den Spaß an der (Fort)Bewegung auch im Erwachsenenalter aufrecht zu erhalten.

Sind die Ideen, wie sie von den Jugendlichen hervorgebracht wurden, eine Zukunftsprognose oder reines Wunschdenken?
Beides. Die Szenarien unseres Workshops waren für verschiedene Zeitpunkte in der Zukunft ausgelegt, auch auf die frühe Zukunft – 2020. Also denke ich, dass die meisten Ideen dadurch nahezu im Jetzt verhaftet sind. Es gab wenige unvorstellbare Vorschläge, selbst bei den technologischen Erfindungen. Es gab Ideen, Technologien einzusetzen, die beim Sich-Bewegen mithelfen. Aber das ist keine Zukunftsmusik mehr, das gibt es ja schon in ähnlicher Form.

Wie sieht die heutige Mobilitäts- und Verkehrsproblematik aus, die es in der Zukunft zu lösen gibt?
Statistiken zeigen, dass, sobald es möglich ist, der Führerschein gemacht wird. Ein Auto zu kaufen verlagert sich zwar oft in eine spätere Lebensphase, weil viele junge Menschen studieren und es sich erst später leisten können. Die Zahl der AutobesitzerInnen steigt dennoch an und immer mehr Menschen bewegen sich im motorisierten Individualverkehr fort. Und da möchten wir, gemeinsam mit vielen anderen Projekten, ansetzen. Es soll von klein auf versucht werden, andere Fortbewegungsmittel „schmackhaft“ zu machen, sie als wählbare Alternative darzustellen.

Ist Ihrer Meinung nach ein allgemeines Umdenken nötig, um die bestehende Mobilitäts- und Verkehrsproblematik zu lösen?
Absolut. Und die Medien spielen da eine große Rolle. Beispielsweise bei der Darstellung der Verkehrsteilnehmergruppen: RadfahrerInnen sind die „Rowdys“, die keine Regeln beachten, oder der Autofahrer ist die Melkkuh der Nation.

Wie kann die Umsetzung der Ideen bewältigt werden?
Ende Mai wurde das Projekt abgeschlossen und derzeit sind wir dabei, den Endbericht zu verfassen. Wir haben jetzt noch keine konkreten Umsetzungsvorschläge. Es gab aber von Beginn an die Idee eines Nachfolgeprojektes, bei dem einzelne Maßnahmen auch umgesetzt werden. Aber auf jeden Fall sollten wieder Jugendliche dabei sein!

Wäre eine Zusammenarbeit mit Schulen denkbar?
Ja. Wir von FACTUM sind schon seit Jahren darum bemüht, anzuregen, dass man in Schulen über die herkömmliche Verkehrserziehung, wie das Lernen der Verkehrsschilder, hinausdenkt. Wir haben immer wieder Projekte in Kindergärten und Schulen, bei denen auch die Mobilität einbezogen wird. Natürlich wäre es wünschenswert, das Thema breiter anzulegen, regelmäßig daran zu arbeiten. Zum Beispiel als eigenes Fach, jedes Jahr, in jeder Schulstufe, denn Projekte dauern meist höchstens ein Jahr.


17. August 2016