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Radfahren für Flüchtlinge

Die Vorarlberger Gemeinden haben bereits 200 Menschen aus Fluchtländern im Radfahren ausgebildet. Projektleiter Mario Amann von „Sicheres Vorarlberg“ erklärt, wie es dazu kam und worauf es in der Ausbildung ankommt.

Interview: Thomas Aistleitner

Flüchtling lernt Radfahren

netzwerk-verkehrserziehung: Wie ist der Bedarf an Radfahrunterricht für Flüchtlinge entstanden?
Mario Amann: Es hat damit begonnen, dass letzten Herbst die Stadt Bregenz auf uns zugekommen ist. Sie hatten in der Bevölkerung Fahrräder für Flüchtlinge gesammelt, aber die Menschen konnten nicht gut darauf fahren.

Sind Fahrräder in den Herkunftsländern unüblich?
Sehr oft machen die Flüchtlinge bei den Kursen ihre ersten Erfahrungen mit dem Fahrrad. Wir wissen das, seit wir einen Kurs „Radfahren für Frauen“ anbieten. Da sind Frauen aus den verschiedensten Ländern dabei und erfahren, worauf sie beim Radfahren in Straßenverkehr achten müssen. Das wird sehr gut angenommen und gibt den Frauen Mobilität und Unabhängigkeit. Sie erzählen uns, sie hatten zu Hause nie die Gelegenheit, es zu lernen.

Wie sehen die Kurse für Flüchtlinge aus?
Wir haben auf die Anfrage der Gemeinde Bregenz hin ein Kursprogramm erstellt und die Polizei einbezogen. Es besteht aus drei Modulen. Im ersten Modul erklärt die Polizei die Verkehrsregeln, da ist bei Bedarf ein Dolmetscher dabei.

Kann das auch ohne Dolmetscher funktionieren?
Ja, wir machen die Erfahrung, dass viele Flüchtlinge schnell Deutsch lernen. Es gibt meistens einige in der Gruppe, die die Erklärungen verstehen und dann für die andern übersetzen. Das ist auch vom pädagogischen Ansatz her wichtig, dass gemeinsam über den Stoff geredet wird. Wir achten auch darauf, dass die Gruppen sprachlich möglichst gemischt sind.

Wie sehen die weiteren Module aus?
Das zweite Modul heißt „Sehen und gesehen werden“. Im Frühling ist das kein großes Thema, aber im Herbst war es sehr wichtig, vor allem rund um die Zeitumstellung. Wir haben Filme gezeigt, damit die Menschen erkennen, wie sichtbar sie für andere sind. In diesem Zusammenhang zeigen wir auch, wie man den Helm richtig einstellt.
Das dritte Modul ist der Fahrradkurs mit einem ausgebildeten Fahrradtrainer. Da gibt es große Unterschiede. Anfangs hatten wir viele Männergruppen, inzwischen sind schon ganze Familien dabei. Frauen gehen es vorsichtiger an, aber sie brauchen nicht länger als die Männer, bis sie sicher auf dem Rad unterwegs sind. Wir hatten auch schon Gruppen mit nur jugendlichen die sind dann eher auf der wilden Seite.

Werden die Helme beim Fahrradfahren dann auch getragen?
Das ist überhaupt kein Thema, sofern sie einen bekommen tun das alle, und auch im Kurs wird nur mit Helm gefahren.

Wie viele Kurse gab es seit dem Start mit der Gemeinde Bregenz?
Wir haben rund 200 Personen ausgebildet – drei Gruppen im Herbst 2015, drei im Frühjahr 2016. Innerhalb der Gruppen arbeiten wir im Stationenbetrieb.

Gab es zur praktischen Ausbildung Begleitmaßnahmen?
Wir haben eine Notfallkarte produziert mit den wichtigen Notfallnummern sowie Informationen, welche Fragen im Notfall zu beantworten sind. Zudem können die Flüchtlinge auf der Karte ihre „national insurance number“ sowie ihren Aufenthaltsort angeben. Und wir bieten eine Rad-App an, die es für Vorarlberg gibt. Sie enthält einen Routenplaner, der das Radwegenetz einbezieht. Das wird sehr gerne angenommen, weil sich damit viele Straßen vermeiden lassen und die Navigation sehr erleichtert.

Wie kommen diese Kurse in der Bevölkerung an?
Den letzten Kurs haben mehrere Gemeinden zusammen organisiert. Am Ende gab es ein Begegnungfest. So bekommt der Kurs mehr Nachhaltigkeit, und die Einheimischen werden einbezogen.

Sollten die Kinder nicht auch in der Schule radfahren lernen – da wird ja die freiwillige Radfahrprüfung angeboten?
Ja, rund um den 10. Geburtstag wird es in den Schulen angeboten. Das ist auch sehr wichtig, denn wir machen die Erfahrung, dass immer weniger Kinder zu Hause Radfahren lernen – das gilt auch für die einheimischen Kinder!


30. Mai 2016