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„Sie können es,

aber sie können es nicht ausdrücken“

Neben Schwächen in der Motorik fiel Kontrollinspektor Roland Hanifl ein zweiten Grund für das nicht überzeugende Abschneiden der Wiener Kinder bei der Freiwilligen Radfahrprüfung auf, der überrascht. Die Wiener Polizei hat die Freiwillige Radfahrprüfung nun geändert und relauncht.

Interview: Thomas Aistleitner

Kinder und Polizist bei der Freiwilligen Radfahrprüfung

Wie viele Kinder legen in Wien die freiwillige Radfahrprüfung ab?
Roland Hanifl: 8000 bis 9000 Kinder machen die Schulung mit. Zur Prüfung kommen rund ein Drittel.

Warum so wenige?
Viele Eltern wollen nicht, dass ihr Kind die Prüfung ablegt und mit 10 Jahren radfahren darf. Das sind zum Beispiel Familien, deren Kinder keine Fahrräder haben. Oder Familien, die nicht wollen, dass die Kinder mit dem Rad unterwegs sind. Das letzte Drittel sind Familien aus Bezirken, in denen die Kinder mit dem Rad in die Schule fahren oder mit dem Scooter unterwegs sind.

Was ist neu bei der Freiwilligen Radfahrprüfung in Wien?
In Wien ist die Vorbereitung und die Durchführung der Prüfung Sache der Polizei. Wir haben also einen guten Einblick, wie verkehrssicher Kinder unterwegs sind und wieviel sie wissen. Wir haben einiges in der Vorbereitung auf die Prüfung geändert. Wir wollen damit besser auf die Kinder eingehen.

Die bisherige Ausbildung hat nicht mehr gepasst?
Die Kinder sind motorisch nicht mehr so fit wie früher. Wir haben in den Schulverkehrsgärten Kinder gesehen, die nicht einmal einen Helm aufsetzen können; Kinder, die auf ein Rad steigen – zugegeben nicht das eigene – und wieder herunterfallen. Es hat also in der Ausbildung schon gedauert, bis die Kinder geradeaus gefahren sind, und das ist noch nicht die Prüfungsvorbereitung.

Woran liegt das?
Viele Kinder fahren privat gar nicht oder nicht im Alltag. Sie fahren beim Familienausflug längere Strecken hinter den Eltern her oder zwischen ihnen. Sie können nicht gut langsam fahren, sie können nicht gut bremsen und auch nicht richtig schalten.

Wie können Sie solche Mankos in der Ausbildung ausgleichen?
Wir bieten seit heuer für jede Klasse drei Termine, früher waren es zwei. Es beginnt schon im Herbst mit 90 Minuten Techniktraining: Wie fahre ich mit dem Rad richtig weg, wie schalte und bremse ich, wie verhalte ich mich bei Hindernissen, wie schaue ich zurück und fahre dabei gerade weiter, wie gebe ich ohne Wackeln Handzeichen in beide Richtungen? Am Ende dieses ersten Termins bekommen die Kinder die Lernunterlagen und machen bis zum zweiten Termin im Frühjahr mit der Lehrerin/dem Lehrer die Theorie durch. Beim zweiten Termin wird die Theorie wiederholt und nochmal im Verkehrsgarten nach Verkehrsregeln gefahren. Und beim dritten Termin führen wir die theoretische und praktische Prüfung durch.

Hat sich auch bei der Prüfung etwas geändert?
Ja, wir zeigen den Prüfungsbogen vom Jugendrotkreuz auf einem Active Board an, und die Kinder können die Antworten antippen. Der Instruktor beantwortet Rückfragen, und wir haben gleich ein Ergebnis.

Dient das nur der Beschleunigung oder hat das auch andere Gründe?
Es wird damit übersichtlicher für die Kinder, vor allem für jene, die ein Problem mit sinnerfassendem Lesen haben. Das kommt nicht selten vor und bei weitem nicht nur bei Kindern mit Migrationshintergrund. Mit dem Active Board stellen wir eine Frage nach der anderen, das ist übersichtlicher für die Kinder. Und sie hatten durch das neue System den Herbst und Winter hindurch eine lange Vorbereitungszeit.

Was genau fehlt manchen Kindern beim sinnerfassenden Lesen?
Nichts, das nicht auch ihre Lehrerinnen und Lehrer erkennen. Wir hatten in den letzten Jahren 40 Prozent negative Ergebnisse im Theorieteil. Andererseits sehe ich: Wenn ich die Frage anders formuliere, wissen die Kinder die Antwort. Oder ich sehe, dass sie es in der Praxis richtig machen. Sie können es also, aber sie können es nicht ausdrücken.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Es gibt im Prüfungsbogen die Frage: „Was muss ich beim Linksabbiegen als erstes tun? Das Wort muss ist dabei fett und rot gedruckt. In der Antwort werden drei Tätigkeiten genannt, die alle stimmen, z. B. Zurückschauen. Meistens kreuzen die Kinder alle drei Tätigkeiten an. Das bedeutet, dass sie die Frage nicht verstanden haben. Es kann aber sein, dass sie in der Praxis richtigerweise mit dem Zurückschauen beginnen werden. Deshalb sind wir bei der Prüfung durchaus bereit, den Kindern die Fragen zu erklären, wenn sie sie nicht verstehen. Uns geht es ums Radfahren!

Bestehen jetzt mehr Kinder die Prüfung als vorher?
Wir sind noch mitten in den Prüfungen, aber es sieht so aus, als würden mehr Kinder durchkommen als früher.

Wenn die Kinder die Prüfung bestanden haben, dürfen sie zum Beispiel allein auf den Radwegen in der Innenstadt und auf der Ringstraße fahren. Sind sie dafür wirklich bereit?
Das ist ein Grund, warum wir eine, verglichen mit Landgemeinden, hohe Durchfallquote haben. Wenn ich Zweifel habe, dass ein Kind für das Radfahren in Wien geeignet ist, dann geben wir eine negative Note und nehmen die Enttäuschung und die Tränen in Kauf. Dafür haben wir ein Leben geschützt.

Dürfen Ihre eigenen Kinder in Wien radfahren?
Sie haben die Radfahrprüfung gemacht, aber ich habe sie nicht allein fahren lassen.

Sind die Wiener Radwege so gefährlich?
Es fehlt mir manchmal das Verständnis der Radfahrer/innen dafür, dass sie Fahrzeuglenker/innen sind.

Sollte nicht jede Radfahrerin und jeder Radfahrer einen Führerschein haben?
In Österreich haben wir das Prinzip, dass sich jede/r an die Regeln halten muss, ohne weitere Prüfung. Ich denke aber, dass die meisten Radfahrer/innen einen Führerschein haben.


16. Mai 2016