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Was kann mein Kind können?

Kinder vom Verkehr fernzuhalten ist der falsche Weg, sagt AUVA-Präventionsexperte Joachim Rauch. Training ist besser – dafür gibt es passende Programme.

Interview: Thomas Aistleitner

Joachim Rauch weist einen Buben und ein Mädchen auf Gefahren im Verkehr hin

Warum ist der AUVA die Prävention so wichtig?
Joachim Rauch: Prävention ist eine der vier Säulen, auf die sich die AUVA in ihrer Arbeit stützt: Prävention, Unfallheilbehandlung, Rehabilitation und Entschädigung. Die AUVA hat im ASVG einen gesetzlichen Auftrag, auch Präventionsarbeit zu leisten. Wir wissen außerdem, dass alles, was wir in Prävention investieren, eine Ersparnis in der Behandlung bedeutet. Unser Rechenmodell sagt: Jeden Euro, den wir in Prävention investieren, bekommen wir viermal zurück.

An wen wendet sich trafficsafety4you?
Grundsätzlich wenden wir uns an den versicherten Personenkreis, in diesem Fall an Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Dafür brauchen wir aber auch die Multiplikatoren am Schulstandort - also die Lehrerinnen und Lehrer und die Eltern der versicherten Kinder. Viel von dem Wissen, das wir in der Schule positionieren, gehört auch ins Elternhaus.

Das klingt, also ob es auf der Elternebene viel zu tun gäbe.
Ja, es gibt viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Kinder sind keine geschrumpften Erwachsenen. Sie ticken anders als wir und greifen auf einen geringeren Erfahrungsschatz zurück. Eltern sollten daher die Antworten auf zwei Fragen kennen: 1. Was kann mein Kind können? 2. Wo braucht mich mein Kind als Vorbild?

Wie können Eltern das Potenzial ihrer Kinder erkennen oder beeinflussen?
Mit den Kindern üben, üben, üben! Auch das Zu-Fuß-Gehen will geübt werden. Es ist der falsche Weg, Kindern bis zu einem gewissen Alter jede Verantwortung abzunehmen und dann, etwa bei einem Schulübertritt, zu erwarten, dass mit dem Erreichen eines bestimmten Alters plötzlich alles Wissen und alles Können für eine sichere Verkehrsteilnahme vorhanden ist. Dem Kind fehlt dann der Erfahrungsschatz, um das System Verkehr sicher nutzen zu können

Was brauchen Eltern dafür?
Zeit und Aufmerksamkeit. Wer Zeit mit seinen Kindern verbringt und sie ihnen für die Präventionsarbeit schenkt, wird belohnt.

Welche Unterstützung gibt es dafür von der AUVA?
Wir geben Schulwegpläne heraus. Sie unterstützen Eltern bei der Wahl des sichersten Schulwegs für ihre Kinder. Für Kinder der 3. Klasse Volksschule (und deren Eltern) bieten wir das AUVA CoPilotenTraining an. Für die Zielgruppe der Jugendlichen haben wir Trafficsafety4you entwickelt.

Wo sind Kinder in Gefahr – wirklich nur, wenn sie zu Fuß unterwegs sind?
Zwei Drittel der Unfälle, die Kinder am Weg in die Schule erleiden, finden meist im elterlichen Fahrzeug statt, und dort passieren die Verletzungen, sehr oft ausgelöst durch falsche oder gar keine Sicherung.

Sollen Kinder nicht auch im Auto einen Sturzhelm tragen?
Nein. Die Verletzungsmuster im PKW sehen anders aus. Richtiges Sichern in einem Kinderrückhaltesystem, idealerweise mit Rückenlehne und Kopfschutz, in Verbindung mit dem Sicherheitsgurt bietet den passenden Schutz für mitfahrende Kinder. . Beim Fahrrad sagt uns die AUVA-Unfallchirurgie, dass 95% der schweren Kopfverletzungen durch den Helm gemildert werden.

Gilt das nicht auch für Erwachsene? Sollten dann nicht alle Fahrradfahrern einen Helm tragen? Neben der Sicherheit käme dabei auch die vorher erwähnte Vorbildwirkung zum Tragen.
Wir empfehlen das Helmtragen für alle Radfahrer, um Verletzungen zu minimieren und auch als Vorbildwirkung für unsere Kinder.

Wenn Kinder zwei Drittel der Wege zur Schule im Auto der Eltern zurücklegen, wann und wie sollen sie dann lernen, sich sicher im Verkehr zu bewegen?
Eben. Deshalb soll Verkehrsbegleitung im öffentlichen Raum trainiert werden. Nur so kann ein Kind das System Verkehr für sich erkennen und die Rolle verstehen, die es darin spielt.

Sind Kinder heute sicherer unterwegs als früher?
Wir sehen den erfreulichen Trend, dass Kinderunfälle zurückgehen. Und wir haben ein Ziel, das wir in der Vision Zero 2020 (LINK) formuliert haben: Wir wollen 2020 kein totes Kind mehr auf Österreichs Straßen sehen.

Was kann ich als Lehrer/in konkret tun, wo kann ich mich informieren?
Hier finden Sie alle Kontaktadressen für eine persönliche Beratung.

Welche Maßnahme zur Verkehrssicherheit würden Sie setzen, wenn Sie Macht hätten, eine zu bestimmen und umzusetzen?
Ich würde Kinder fragen, was sie brauchen, um sich im Verkehr wohler und somit sicherer zu fühlen. Ich würde Eltern fragen, was sie brauchen, um ihre Kinder auf eine sichere Verkehrsteilnahme vorzubereiten. Ich würde Lehrer fragen, was sie brauchen, um im Kontext Schule Verkehrssicherheitsarbeit weiterhin erfolgreich umsetzen zu können. Und daraus gilt es dann die passenden Maßnahmen abzuleiten und umzusetzen.


2. Mai 2016