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Sicher im Verkehr mit 14 bis 18 Jahren

Ein neues Verkehrssicherheitsprogramm soll die Verkehrskompetenz von Jugendlichen verbessern. Bettina Schützhofer spricht mit netzwerk-verkehrserziehung.at über das Programm „trafficsafety4you”.

Interview: Thomas Aistleitner

Kinder beim Verkehrssicherheitsprogramm "trafficsafety4you"

Warum wurde das Programm „trafficsafety4you” entwickelt?
Bettina Schützhofer: Wir wollten für Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren ein zielgruppenspezifisches Konzept entwickeln, das auf die Besonderheiten der Altersgruppe Rücksicht nimmt.

Was kann man sich unter zielgruppenspezifisch vorstellen?
Wir wollten weg vom frontalen Unterricht, weg vom Vortrag. Erleben – bewusst machen – begreifen – durchdringen, so wollen wir Verkehrssicherheitsinhalte abgestimmt auf die jeweilige Altersstufe und den jeweiligen Schultyp interaktiv vermitteln. Praktische Erlebnisübungen, Reflexion und Diskussion sowie Informationsvermittlung wechseln einander ab bzw. bauen aufeinander auf. Wir gehen dabei auch auf regionale Gegebenheiten ein, zum Beispiel gibt es in Oberösterreich in manchen Jugendszenen ein Problem mit dem Missbrauch von Methamphetaminen, das wir in anderen Bundesländern nicht sehen. Darauf gehen wir dann speziell in oberösterreichischen Schulen ein.

Was kann man bei „trafficsafety4you” erleben?
Im Ablenkungsmodul erfahren die Jugendlichen praxisnah, welchen Aufmerksamkeitsfiltern unsere bewusste Wahrnehmung unterliegt und wie schwierig es ist, Aufmerksamkeit zu teilen. Im Alkohol- und Drogenmodul erleben sie mittels Rauschbrillen die Auswirkungen von Substanzen insbesondere auf die psychomotorischen Kompetenzen. Ein großer Schwerpunkt liegt auch auf interaktiven Rollenspielen, die den Perspektivenwechsel unterstützen. Alle Übungen werden in Bezug auf Ihre Auswirkungen für den konkreten Verkehrsalltag des Einzelnen heruntergebrochen.

Wie kommt das an?
Die Jugendlichen haben Spaß bei den Modulen. Der ständige Wechsel von praktischen Übungen, Reflexion, Diskussion und Information führt dazu, dass sie das Programm als kurzweilig und spannend erleben. Großes Erstaunen gibt es darüber, dass Multitasking z. B. doch nicht so einfach ist, hier tendieren viele zu Selbstüberschätzung. Auch die Erkenntnis, dass jede Wahrnehmung individuell gefärbt ist und was das für den Verkehrsalltag bedeutet, kommt bei den Jugendlichen gut an.

Wer hat das Konzept entwickelt?
Das Konzept stammt von mir, das Programm wurde danach in Kooperation mit der AUVA und meinem Team entwickelt.

Mädchen übt beim Ablenkungsmodul
Mädchen übt beim Ablenkungsmodul

Für wen ist „trafficsafety4you” passend?
Unser Programm ist für Jugendliche ab 14 Jahren in jedem Schultyp geeignet. Wir passen uns an das Leistungsniveau, die Erfahrungswelten und Interessenschwerpunkte der Teenager an. Die konkrete Programmumsetzung ist auch vom Alter abhängig.

Was kostet der Workshop und wie kann ich ihn an meine Schule bringen?
Der Workshop ist für die Schule kostenlos, er wird von der AUVA finanziert. In der Evaluierungsphase gehen wir in 90 Schulen, diese Termine sind für heuer bereits ausgebucht. Ab Jänner 2017 können wieder neue Termine vergeben werden, wir haben bereits eine Warteliste.

Warum ist die Zielgruppe ab 14 Jahren so wichtig, was macht dieses Alter so gefährlich im Straßenverkehr?
Ab 15 Jahren ist in Österreich die Teilnahme am motorisierten Straßenverkehr möglich. Leider sind insbesondere die 15-jährigen MopedlenkerInnen bezogen auf Ihren Bevölkerungsanteil in der Unfallstatistik deutlich überrepräsentiert. Wir wollen mit unserem „trafficsafety4you”-Programm für Verkehrssicherheitsthemen sensibilisieren und auf die Risiken von Ablenkung, Alkohol und Drogen im Straßenverkehr beim Zufußgehen, Radfahren, Mopedfahren etc. hinweisen und gemeinsam Strategien zu deren Vermeidung erarbeiten. Wichtig ist uns dabei, das Thema Verkehrssicherheit bereits vor dem Führerscheinerwerb interaktiv zu bearbeiten, damit die gewonnenen Erkenntnisse und erworbenen Strategien bereits aktiv zur Verbesserung der eigenen Verkehrssicherheit angewandt werden können.

Welche Maßnahmen in der Verkehrserziehung würden Sie umsetzen, wenn Sie darüber bestimmen könnten?
Ich würde Verkehrserziehung schon verstärkt im Kleinkindalter (z. B. im Kindergarten) etablieren, Verkehrserziehung im Sinne des lebenslangen Lernens für alle Altersgruppen ausweiten und die freiwillige Radfahrprüfung stärker (auch im Lehrplan) verankern.

Was spricht so für die Radfahrprüfung?
Kinder, die die freiwillige Radfahrprüfung absolviert haben und sich daher aktiv mit dem System Verkehr auseinandergesetzt haben, schneiden in Tests zur Erfassung von Gefahrenwahrnehmung und –antizipation signifikant besser ab als Kinder, die keine freiwillige Radfahrprüfung absolviert haben. Das hat mich in dieser Deutlichkeit selbst erstaunt. Die freiwillige Radfahrprüfung unterstützt die Verkehrssinnbildung.

Sehen Sie eine Veränderung im Verkehrsverhalten der Kinder in den letzten Generationen?
Die Wissenschaft zeigt auf, dass die psychomotorischen Kompetenzen von Kindern in den letzten zwanzig Jahren abgenommen haben. Dies wirkt sich beispielsweise auf ihre Radfahrkompetenzen aus. Auch der Aktionsradius von Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Ich bin seit 17 Jahren Verkehrspsychologin. Ich beobachte und erfahre während Vorträgen vor PädagogInnen und Eltern, dass Kinder und auch Jugendliche immer öfter passiv als Mitfahrer im Pkw bewegt werden. Kinder können aber nur dann ein gutes Gefahrenbewusstsein im Straßenverkehr entwickeln, wenn sie auch angeleitet und – in sicheren altersgerechten Schritten – aktiv Erfahrungen im Straßenverkehr machen dürfen. „trafficsafety4you” ist ein Angebot von uns, um die Verkehrskompetenz von Kindern und Jugendlichen zusätzlich zu verbessern.

Sind die Kinder von heute weniger verkehrssicher?
Generell ist nicht davon auszugehen, dass Kinder heute weniger verkehrssicher sind als früher. Es ist wichtig, Kinder und Jugendliche altersgemäß und abgestimmt auf die jeweilige Persönlichkeit langsam und angeleitet selbständig in den Straßenverkehr zu entlassen. Handlungsbedarf sehe ich vor allem bei Jugendlichen im Bereich der Mopedausbildung sowie bei den FahranfängerInnen.


18. April 2016