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„Jeder sollte einen Radhelm tragen!“

Wenn Sie ohne Helm mit dem Fahrrad unterwegs sind, kann es Ihnen passieren, dass Sie einen geschenkt bekommen - von Philipp Riccabona.

Interview: Thomas Aistleitner

Philipp Riccabona läuft einer Radfahrerin ohne Helm nach, um ihr einen zu schenken

Philipp Riccabona ist Leiter der ARBÖ Mobilitätserziehung & Verkehrssicherheit. Für seine unkonventionellen Workshops ist er über die Grenzen Tirols hinaus bekannt. So tourte er in seinem Urlaub per Rad quer durch Österreich und beschenkte 400 unbehelmte Radfahrer mit einem Fahrradhelm.

Wie sind Sie zur Verkehrserziehung gekommen?
Philipp Riccabona: Mein Vater hatte in jungen Jahren einen schlimmen Mopedunfall. Ein junger Mann, ein Führerscheinneuling, der alkoholisiert war, hat ihn „abgeschossen“. Es war ein großes Wunder, dass er diesen Unfall überlebt hat. Ich wollte ein Verständnis für dieses Thema bekommen, deshalb habe ich mich sehr früh damit befasst. Die universitäre Ausbildung gab mir den wissenschaftlichen Rahmen zur Entwicklung eines nachhaltigen Verkehrssicherheitsworkshops. Im ARBÖ sah ich letztendlich das Potential, mich in meiner Arbeit verwirklichen zu können.

Was für Schwerpunkte hat dieses Projekt?
Unser Programm ARBÖ safe2school gliedert sich in zwei Teile, die separat von den Schulen gebucht werden können. Im Modul „Sicher zur Schule und zurück“ geht es um die Aufdeckung von Gefahren rund um den Schulweg der Kinder vom Übergang der Primar- in die Sekundarstufe. Im Modul „Junge Mopedlenker im Blick“ konzentrieren wir uns auf Tuning und die Gefahren des Alkoholkonsums im Kontext der Mopedfahrt. Gerade im Mopedalter gibt es Wissenslücken, die in der Fahrschule nicht kompensiert werden. Doch eine Verkehrserziehung kann nur dann tatsächlich wirken, wenn wir auch die Gefühle und die Einstellungen der Kinder und Jugendlichen ansprechen und damit letztendlich ihr Verhalten beeinflussen können. Dies ist unser Leitbild in der Verkehrserziehung.

Wie sind Sie auf das Thema Moped gekommen?
Der Unfall meines Vaters hat mich sicherlich geprägt, das Thema Moped verstärkt anzugehen. Die Unfallstatistiken verdeutlichen auch, dass der junge Mopedlenker im Alter von 15 Jahren besonders gefährdet ist, im Straßenverkehr zu verunglücken. Viele Schulen sind zudem an mich mit dem Wunsch herangetreten, ein Programm für die angehenden Mopedfahrer zu entwickeln.

Welche von Ihnen gestalteten Programme sind aktuell verfügbar, und wie kann man sie buchen?
Man kann beide Programme buchen, „Sicher zur Schule und zurück“ und „Junge Mopedlenker im Blick.“ Es sind allerdings nur noch Restplätze frei, auch das Sommersemester ist beinahe ausgebucht. Es ist dennoch sinnvoll anzufragen. Wenn kein Platz frei ist, können wir die Anfrage vielleicht für das nächste Schuljahr vormerken. Buchbar sind die Programme auf der Plattform ARBÖ safe2school.

Für welches Alter sind die Programme angelegt?
Für die Sekundarstufe. Ich finde, für dieses Alter gibt es noch nicht genug Angebote, und es ist ein gutes Alter für die Verkehrserziehung. Das Interesse am Straßenverkehr, an der Motorisierung ist da, und die Schülerinnen und Schüler sind offen für diese Informationen.

Das Thema Schulweg ist aber auch für jüngere Kinder relevant.
Auf jeden Fall. Von Schulbeginn bis Dezember ist gerade die Unfallgefahr für ein junges Kind besonders groß. Zahlreiche Organisationen leisten hier wertvolle Arbeit in der Verkehrserziehung im Volksschulalter.

Sind die Eltern nicht vorsichtig genug?
Im Gegenteil: Es gibt eher eine gewisse Überfürsorglichkeit dem Kind gegenüber. Das spürt jeder, der Praxismodule anbietet. Man sollte ein Kind gut begleiten, aber sukzessive soll das Kind zur Eigenständigkeit motiviert werden. Es gibt zwar einige Workshops, aber sie setzen alle an den Kindern an und klammern die Eltern aus. Ich würde mir mehr Aufklärung für die Eltern wünschen.

Das wünschen sich viele, aber wie kommt man an die Eltern heran?
Man muss über die Kinder arbeiten. In den ersten Klassen sind die Kinder sehr normgebunden und pflichtbewusst. Sie finden es aber beispielsweise sehr ungerecht, dass ihre Eltern meist ohne Fahrradhelm unterwegs sind. Den Kindern droht jedoch eine harte Bestrafung, sollten sie ohne Helm fahren. Dann sage ich immer, ihr müsst Mama und Papa an den Helm erinnern, ihr müsst dranbleiben. Das Potenzial, an die Eltern heranzukommen, liegt in den Kindern. Dieser Effekt kann durch die Verkehrserziehung verstärkt werden.

Wünschen Sie sich eine Radhelmpflicht für alle?
Sagen wir es so: Jeder sollte einen Radhelm tragen. Ich setze aber eher auf Aufklärungsarbeit. Oft ist es so, dass der Helm nicht gut sitzt und deshalb nicht getragen wird. Deshalb habe ich meine Österreich-Tour gestartet. Ich bin mit dem Fahrrad quer durch Österreich gefahren und habe Menschen angesprochen, die ohne Helm unterwegs waren, und ihnen Helme geschenkt. Dank zahlreicher Sponsoren konnte ich 400 Fahrradhelme für diese Aktion besorgen.

Es gibt die Meinung, dass Radfahrer mit Helm riskanter fahren als Radfahrer ohne Helm.
Dem kann ich nicht folgen. Das sind nur einige wenige Studien, die das sagen, und es sind theoretische Aussagen, die nicht überprüft sind.

Wenn Sie die Gelegenheit hätten, etwas in der Verkehrserziehung zu ändern, was würden Sie tun?
Ich würde ein verstärktes Qualitätsmanagement in die Fahrschulausbildung bringen. Die Inhalte der Fahrschulausbildung müssten erweitert werden. Und es sollte sicher sein, dass jeder Führerscheinbesitzer die vorgeschriebene Anzahl von Fahrstunden tatsächlich auch absolviert. Gerade in der Mopedausbildung höre ich immer wieder von starken Abweichungen zwischen den zu absolvierenden und den tatsächlich geleisteten Fahrstunden.

Info und Anmeldung: www.arboe.at/tirol/verkehrssicherheit


28. September 2015