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Können Kinder mobiler werden?

Lässt sich das Verhalten von größeren Kindern auf dem Schulweg, aber auch in der Freizeit beeinflussen? „UNTERWEGS“ hat es erforscht, Projektleiterin Juliane Stark gibt die Antworten.

Interview: Thomas Aistleitner

Im Forschungsprojekt „Unterwegs – Jugend unterwegs in Wissenschaft und Alltag“ untersuchte ein Team vom Institut für Verkehrswesen an der Wiener Universität für Bodenkultur das Mobilitätsverhalten von Kindern der Sekundarstufe 1.

Wie ist das Projekt „Jugend unterwegs“ zustandegekommen?
Juliane Stark: Das Wissenschaftsministerium hat im Rahmen von „Sparkling Science“ Projekte ermöglicht. Wir kennen den aktuellen Trend, dass sich Kinder immer weniger bewegen, sie sind immer weniger aktiv mobil.

Welche Kinder haben an dem Projekt teilgenommen?
Wir haben lange überlegt, mit welcher Altersgruppe wir arbeiten wollen. Klar war nur, sie sollten noch nicht den Führerschein haben. Und sie sollten für mindestens zwei Jahre im Klassenverband an der Schule bleiben, damit wir Gelegenheit für eine Folgeuntersuchung bekommen, um die Ergebnisse vergleichen zu können. Wir haben unsere Untersuchung dann mit Zwölfjährigen begonnen ...

... und mit 14-Jährigen beendet.
Wir in der Verkehrsplanung stürzen uns bei Interventionen  häufig auf Lebensumbruchsphasen. Bekannt ist, dass Mobilitätsverhalten wenig empfänglich für Veränderungen ist, am ehesten noch in Umbruchssituationen. Außerdem wissen wir, dass sich die Einstellungen von Jugendlichen in diesem Alter zu manifestieren beginnen und sich oft pro Auto entwickeln. Wenn diese Affinität gerade erst entsteht, ist sie am ehesten beeinflussbar, war unsere Hypothese.

Welche Schulen wurden einbezogen?
Wir haben mit vier Schulen gearbeitet, einer großstädtischen im zweiten Wiener Bezirk, einer in städtischer Randlange im 13. Bezirk,einer auf dem Land in Niederösterreich und einer Schule in Itzehoe in Norddeutschland.

Das Projekt ist nun nach zwei Jahren abgeschlossen. Wie haben sich die Kinder verändert?
Zwischen der Vorhererhebung und der Nacherhebung gab es eine Intervention mit einer Informations- und Aktivierungsphase. Hier bekamen die Kinder unter anderem Informationen über Mobilität und ihre Auswirkung auf die Umwelt und den eigenen Körper. In der Nacherhebung hat sich z.B. herausgestellt, dass die SchülerInnen, die an der Intervention teilgenommen haben, signifikant öfter das Fahrrad benützen. Wir haben auch nach der Einstellung zu Verkehrsmitteln gefragt, und diese Einstellungen haben sich deutlich weg vom Auto und hin zum Zu-Fuß-Gehen und Radfahren verändert.

Wie genau lässt sich das sagen?
Wir haben wissenschaftlich sauber gearbeitet: Wir haben für die Analyse vergleichbare Wege herangezogen. Zudem gab es eine Kontrollgruppe, die nicht an der Intervention teilgenommen hat; So konnten wir den Effekt klar herausrechnen.

In der Schule gibt es viele Angebote und Initiativen für das Volksschulalter. Für die Sekundarstufe nimmt das Angebot ab. Das macht „Jugend unterwegs“ besonders interessant. Was raten Sie Lehrerinnen und Lehrern, die mit älteren Kindern Verkehrserziehungsprojekte machen wollen?
Ich denke, dass Information allein nicht zu Verhaltensänderungen führt. Dennoch haben wir unser Interventionsprogramm mit einer Informationsphase begonnen, die auch Frontalvorträge beinhaltete. Es sollten aber sehr schnell aktivierende Elemente ins Spiel kommen. Wir haben Radworkshops und Spiele gemacht, die Kinder durften einige Daten selbst auswerten und zu interpretieren versuchen.

Kinder sind also beeinflussbar, wenn sie etwas nicht nur erfahren, sondern auch selbst ausprobieren?
Ja, und vor allem orientieren sie sich am Verhalten von Gleichaltrigen bzw. Geschwistern, da spielen die Eltern eine immer geringere Rolle.

Wie reagieren Kinder auf Argumente zur Gesundheit? War das ein Thema für sie?
Auffällig war, dass sie in diesem Bereich nur wenig Vorwissen haben. Was bewirkt aktive Mobilität im Körper, wie viel sollte man sich bewegen, welche Bewegungsempfehlungen gibt es für Jugendliche, inwiefern hat Bewegung auch Auswirkungen auf die Gehirnleistung. Es könnte interessant sein, das im Unterricht zu behandeln.

Sie haben eine Vorheruntersuchung und eine Nacherhebung gemacht. Sind damit alle Fragen beantwortet?
Nein, es würde uns natürlich sehr interessieren, ob die beobachteten Effekte langfristig bestehen bleiben. Unser Projekt ist zu Ende, das Budget ist verbraucht. Wir haben im Rahmen der Masterarbeit an der Uni versucht, die Kinder zu erreichen und nochmals zu befragen. Das war schwierig, denn nach dem achten Schuljahr konnten wir nur mehr die Hälfte der Kinder erreichen. Dazu müssen gewisse Parameter gleich geblieben sein, zum Beispiel das Verkehrsumfeld. Das ist nicht immer gegeben. So wird die Stichprobengröße immer kleiner.

Würden sie gerne weiterforschen?
Ja, es sind noch viele Fragen offen. Deshalb wollen wir ein neues Projekt einreichen und auf den vorliegenden Forschungsergebnissen aufbauen. Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es uns prinzipiell wichtig, dass Menschen möglichst zu Fuß gehen, Radfahren und öffentliche Verkehrsmittel benützen – auch wenn das in der Stadt viel einfacher ist als auf dem Land.


24. August 2015