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Serie: Berufe im Verkehr

„Der schönste Arbeitsplatz der Welt“

Daniela Neuhauser ist die Frau Kapitän vom Achensee. Welche Verkehrsregeln am Wasser gelten und wie man Kapitän wird, erklärt sie im Interview.

Interview: Thomas Aistleitner

Schiff am Achensee

netzwerk-verkehrserziehung: Wie darf ich Sie ansprechen? Sind Sie Kapitänin?
Daniela Neuhauser: Wir sagen Frau Kapitän.

Frau Kapitän, wie sind Sie in diesen Beruf gekommen?
Ich war schon als Kind technisch sehr interessiert. Aber für diesen Beruf habe ich den Umweg über die Gastronomie genommen. Ich hatte zuerst die gastronomische Leitung auf dem Schiff und habe mich dann entschlossen, das Kapitänspatent zu machen. Seit dem Jahr 2000 bin ich als Kapitän bei der Achenseeschiffahrt. Für die Gastronomie bin ich immer noch als Geschäftsführerin zuständig.

Wie wird man als junger Mensch Kapitän?
Dafür gibt es die Binnenschifferlehre mit der Berufsschule in Wien. Man ist dann gelernter Binnenschiffer und kann mit 21 Jahren die zweijährige Kapitänsausbildung beginnen.

Man kann also mit 23, 24 Jahren schon Kapitän sein?
Ja, aber das Patent ist eine schwere Prüfung mit einer umfangreichen nautischen Ausbildung. Man erlangt das Patent entweder für Wasserstraßen oder für Seen und ist dann für alle Abläufe auf dem Schiff verantwortlich.

Welche Verkehrsregeln gelten auf einem See?
Die Seen- und Flußverkehrsordung gilt wie die Straßenverkehrsordnung auf der Straße. Als gewerbliche Fahrgastschiffahrt, gekennzeichnet mit einem grünen Ball, hat man am See fast immer Vorrang.

Waren Sie schon einmal in einer gefährlichen Situation?
Nein, es ist noch nie etwas Schwerwiegendes passiert. Es gibt aber doch Gefahren, vor allem die Fallwinde, die das Schiff zum Steg hin- und auch wegdrücken. Auch die Schwimmer sind eine Herausforderung. Es wäre zwar ihre Aufgabe, aufzupassen, dass sie keinem Schiff in die Quere kommen, aber an einem heißen Tag schaue ich immer ganz genau, was sich auf dem Wasser tut.

Frau Kapitän Daniela Neuhauser
Frau Kapitän Daniela Neuhauser

Wo im Schiff ist Ihr Arbeitsplatz?
Ich bin ganz oben im Steuerhaus, das ist mein Arbeitsplatz und der schönste der Welt.

Dürfen Sie das Steuerhaus verlassen?
Ja, wenn ein Kollege übernimmt, der das Patent hat. Wir sind aber immer zu zweit auf dem Schiff, sodass wir uns abwechseln können.

Würden Sie sich wieder für Ihren Beruf entscheiden?
Ja. Ich habe viele abwechslungsreiche Situationen in der Arbeit, und ich arbeite da, wo andere Urlaub machen. Ich fühle mich sehr privilegiert.

Würden Sie nicht gerne ein Schiff auf dem Meer steuern?
Es ist mein Traum, einmal auf der Brücke eines Hochseeschiffs zu stehen, aber fahren möchte ich nur auf meinem See.

Wie viele Frauen mit Kapitänspatent gibt es in Österreich?
Wir sind 10 Frauen neben den 30 Männern.

Werden in Ihrem Beruf Leute gesucht? Ist es eine erfolgversprechende Ausbildung?
Ich würde sehr dazu raten. Es gibt viele Möglichkeiten, bis zur Hochseeschiffahrt. Wir nehmen auch gerne Lehrlinge. Wir hatten bereits drei Lehrlinge, ein Mädchen ist inzwischen Kapitän auf der Donau, ein weiteres Mädchen ist gerade fertig geworden. Außerdem haben wir noch ein Mädchen und einen Burschen in Ausbildung, die beide bei uns die Lehre mit Matura machen.

Ist Lehre mit Matura ein passender Weg?
Ich finde, es ist ein sehr gutes Modell für die Jugend. Viele Jugendliche drängen in weiterführende Schulen, manche von ihnen scheitern dann im 9. Schuljahr und müssen sich mit einem negativen Zeugnis bei Arbeitgebern vorstellen. Mein Tipp heißt Lehre mit Matura, man hat dann ein Maturazeugnis und einen Beruf.

Was haben Sie selbst beruflich noch vor?
Nun, ich bin ja schon ein bisschen länger jung :-) – aber was ich mir für meine Karriere wünsche, sind noch mindestens zehn Lehrlinge, die ich zum Kapitänspatent führen darf.


15. Juni 2015