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„Jetzt gehen sie,

und man kann nur mehr hoffen!“

Der erste Schulweg allein – für das Kind eine Reise ins soziale Leben, für viele Eltern eine Frage der Kontrolle und der Gängelung. Rudolf Egger hat die Rationalitäten rund um den Schulweg untersucht.

Interview: Thomas Aistleitner

Kinderzeichnung eines Schulwegs

netzwerk-verkehrserziehung: Herr Professor, wie kommt man als Professor für lebenslanges Lernen gerade auf den Schulweg als Forschungsobjekt?
Rudolf Egger: Ein Bereich meiner Arbeit an der Universität nennt sich Lernweltforschung. Wir untersuchen, wo und wie Menschen in ihrem Alltag lernen, wie sie sich dabei auf andere beziehen und warum sie in ihrer vielschichtigen Welt so handeln, wie sie handeln.

Ist der Schulweg so ein komplexes System?
Der Schulweg ist eine der ersten großen Reisen ins soziale Leben – und ins verordnete Lernen. Er ist die zu überwindende Strecke zwischen der eher kleinräumigen, konkreten, familiären Welt und kollektiven, auf übergeordnete Formationsprozesse bezogenen Bildungsanstalten.

Wie erfahren Kinder diese Welt?
Das war Gegenstand unseres Projekts. Wenn Kinder ihre Welt z. B. nur noch aus dem Fond eines Autos sehen, bedeutet das etwas für demokratische Prozesse. Wenn sie alles aus der Konsumperspektive, hinter Scheiben abgeschottet erleben, dann greifen sie anders auf die Welt zu, als Kinder, die sich ihren Schulweg sinnlich, hierarchisch oder auch kämpferisch erobern müssen. Sie können vielleicht bestimmen, welche CD im Auto gehört wird, aber sie haben einen anderen Kontakt mit der sozialen Realität, als diejenigen, die sich ihren Platz im Bus, in der Gang erarbeiten müssen. Für viele Kinder ist dieser tägliche Weg in die Schule der erste allein zu absolvierende Gang als autonome Personen, für andere wiederum ist er nur ein weiteres Glied in der Kette der familiären Versorgung durch die „Taxidienste“ der Eltern.

Wie haben Sie Ihre Erkenntnisse gewonnen?
Wir haben uns zwei Schulen ausgesucht, eine Privatschule und eine sogenannte Brennpunktschule, und dort jeweils die 3. und 4. Klassen. Die Kinder haben Kameras bekommen, sie haben damit ihre Schulwege fotografiert, die Fotos zusammen angesehen, dann die Schulwege kartografiert und gezeichnet. Dazu wurden Interviews mit den Kindern, Eltern, LehrerInnen durchgeführt. Dabei hat man auch aus der Sichtweise der Kinder gesehen, wie der Schulweg von den Eltern strukturiert wird.

Wie sehen das die Lehrerinnen und Lehrer?
Viele sehen das Schulwegthema sehr skeptisch. Sie denken, die Eltern würden am liebsten mit dem SUV noch ins Klassenzimmer fahren und das Kind direkt neben seinem Tisch aussteigen lassen, damit sie von der Gefahr des Autoverkehrs, die sie ja selber verursachen, geschützt sind.

Haben Sie auch die Rolle der Eltern untersucht?
Wir haben auch Interviews mit den Eltern gemacht. Sie haben ihre eigenen Rationalitäten – unter der Woche herrscht morgens in vielen Familien große Hektik, bis alle versorgt sind. Wenn da eine Verzögerung von nur zehn Minuten entsteht, ist für manche der Start in Tag völlig verpatzt. Das betrifft vor allem die Mütter, die vor allem in der Früh eine hohe Frustrationstoleranz ihren Sprösslingen aber auch den eigenen Partnern gegenüber aufbringen müssen.

Wie wirkt sich der Einfluss der Eltern aus?
Die Regie der Eltern ist bei den unter Zehnjährigen noch sehr stark zu spüren, hat unterschiedliche Intensitätsgrade und kann auch zur permanenten Gängelung der Kinder führen. Es gibt z. B. Eltern, die haben sogar eine App am Handy, mit der sie die Kinder orten. Ein Mädchen, das allein zur Schule geht, muss z. B. die Mutter jedes Mal anrufen, wenn sie „heil“ angekommen ist.

Der Schulweg ist also nicht nur für die Kinder eine Herausforderung …
Ein Zitat aus unseren Interviews: „Jetzt gehen sie, und man kann nur mehr hoffen.“ Es gibt aber auch Eltern, die ihr Kind 150 Meter vor der Schule aussteigen lassen, damit es wenigstens einen rudimentären Schulweg hat.

Warum sind Eltern so vorsichtig?
Eltern sehen heute oft, wie der öffentliche Raum verarmt, oder nur noch ein Nutzungsbereich für die (ökonomisch, verkehrstechnisch etc.) Stärkeren ist. Davor wollen Sie ihre Kinder beschützen, obgleich in den Erzählungen der Eltern über ihren eigenen Schulweg, die Welt immer schon eine bedrohliche war. So erzählt ein Vater, dass er eineinhalb Kilometer neben der Autobahn zur Schule gegangen ist, aber seine Kinder will er davor schützen.

Was hat das Kind davon, wenn es selbst zur Schule geht?
Für die Eltern ist der Schulweg meist nur die schnellstmögliche Bewältigung einer Strecke. Im Auto dominiert dabei noch der Sozialraum der Familie. Kinder, die tatsächlich einen Schulweg haben, berichten über andere Formen des sozialen Erlebens und der Erweiterung ihres Handlungsspielraums. Der Schulweg ist eben nicht mehr Elternhaus und noch nicht Schule.

Ein Kind könnte sich verirren, es könnte verlorengehen.
Ja, wenn man zu spät aus dem Bus aussteigt, weil man zu weit gefahren ist, dann ist das ein dramatisches Erlebnis. Solche Kinder finden sich aber durchaus zurecht. Sie sagen uns: „Ich bin auf die andere Seite gegangen und mit dem gleichen Bus wieder zurückgefahren.“ Sie entdecken, sie lernen, sie eignen sich ihren sozialen Raum aktiv an. Die Fähigkeit, die umgebende Welt wahrzunehmen, mitzufühlen, entsteht in solchen Situationen von „joint attention” zwischen Eltern und Kindern, zwischen Passanten und SchülerInnen, zwischen der Busfahrerin und den Wartenden. Indem Menschen gemeinsam ihre Aufmerksamkeit auf etwas richten, Blickkontakt haben, entwickeln sich jene Fähigkeiten, die uns in ihrer emotionalen Grundierung zu sozialen Wesen machen. Das lernen wir auch am Schulweg.


1. Juni 2015