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Serie: Berufe im Verkehr

„Viele sind mit Tempo 130 überfordert“

Was tun Radfahrer und Fußgänger auf der Autobahn und wie reagiert man auf den „Tunnelblick“? Andrea Pollak von der Autobahnpolizei Schwechat über ihren interessanten und gefährlichen Beruf.

Interview: Thomas Aistleitner

Frau Pollak, gibt es „AutobahnpolizistInnen“?
Andrea Pollak: Im Sprachgebrauch ja. Korrekt ausgedrückt, bin ich Beamtin der Verkehrsabteilung des Landes Niederösterreich. Wir sind sowohl mit mit Funkstreifen als auch mit zivilen Fahrzeugen unterwegs.

Welche Ausbildung braucht man dafür?
Um PolizistIn zu werden, muss man einen Aufnahmetest bestehen und dann eine zweijährige Grundausbildung absolvieren.

Was ist das Wichtigste in Ihrem Beruf?
Das A und O ist das Team, die Zusammenarbeit, die Stimmung auf der Dienststelle. Bei der Autobahnpolizei Schwechat, wo ich arbeite, passt das bestens.

Welche Fähigkeiten sind besonders gefragt?
Es geht vor allem um Teamfähigkeit. Man muss auf Du und Du zusammenarbeiten, sich blind auf den anderen verlassen können. Jede Amtshandlung, jede Anhaltung ist anders und kann von einer Sekunde auf die andere umschlagen. Als EinzelkämpferIn ist man da verloren.

Wie sind die Dienstzeiten?
Wir haben Wechseldienst und jeden Monat einen neuen Dienstplan. Am 28. des Vormonats erfahre ich, wann ich arbeiten werde. Andererseits lernt man die freien Tage zu genießen, die man unter der Woche hat, da kann man vieles erledigen. Trotzdem sind die Dienste nicht immer vorhersagbar. Ich kann von 7 bis 19 Uhr Plandienst haben und komme trotzdem erst am nächsten Morgen nach Hause, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Man braucht also einen verständnisvollen Partner zu Hause.

Sie sind auf der Autobahn unterwegs. Haben Sie ein spezielles Fahrtraining absolviert?
Es gibt ein Fahrtraining, das alle bei uns absolvieren. Man muss auf der Autobahn schnell fahren und dabei sicher sein. Man sollte gefährliche Situationen bereits erkennen, wenn sie entstehen.

Wie halten Sie jemanden an, der auf der Autobahn rast? Müssen Sie dieses Auto unter allen Umständen ein- und überholen?
Nein, ich muss auch auf meine Sicherheit und die meines Beifahrers achten. Man ist ja immer zu zweit im Streifendienst. Es muss eine gewisse Verhältnismäßigkeit gegeben sein. Bevor ich mich in Gefahr bringe, übergebe ich an die nächste Dienststelle, in deren Gebiet der Raser fahren wird. Ich bin jetzt 20 Jahre unfallfrei im Außendienst unterwegs.

Was war Ihre Anhaltung mit der höchsten Geschwindigkeit?
226 km/h.

Welche Aufgaben hat die Autobahnstreife noch?
Eine wichtige Aufgabe ist die Aufarbeitung von Unfällen: Zufahren, Absichern, Vermessen, Fotografieren, die Leute von der Autobahn bringen. Die Verunfallten stehen oft unter Schock, auch wenn sie nicht verletzt sind, da ist man dann auch Psychologin. Wir haben RadfahrerInnen und FußgängerInnen auf der Autobahn, vor drei Tagen haben wir bei einer Geburt geholfen.

Was tun RadfahrerInnen und FußgängerInnen auf der Autobahn?
FußgängerInnen sind manchmal Personen, die aus irgendeinem Grund verwirrt sind und sich verlaufen haben. RadfahrerInnen sind immer wieder Diebe, die ein Rad gestohlen haben und damit nach Wien wollen, um es zu verkaufen. Da unsere Dienststelle in Schwechat ist, sind wir öfter damit konfrontiert.

Ist nicht jeder Unfall auf der Autobahn sehr gefährlich?
Ja, man muss den Verkehr zusammenbremsen und auf einer Spur kanalisieren, und das schon 200 Meter vor dem Unfall. Leider werden wir oft ignoriert, selbst wenn wir mit Blaulicht unterwegs. Mit den Early Warnern auf unseren Fahrzeugen können wir schon beim Anfahren die anderen Autofahrer warnen. Dazu kommt, dass die Ostautobahn eine Art Nadelöhr Richtung Osten ist, da kommen viele Autos zusammen, und manche LenkerInnen sind schon zehn, zwölf oder 14 Stunden unterwegs. Da haben sie einen Tunnelblick und reagieren nicht mehr richtig. Wenn so ein Auto auf dich zufährt, darf dir keine Leitschiene zu hoch sein. Oder wenn Glatteis auf der Straße ist, auf 200 Metern schon drei verunfallte Autos liegen und du hörst hinter dir das Geräusch eines drehenden Autos, dann rettest du dich auf einen Wildschutzzaun, damit du nicht unter dieses Auto kommst.

Wie schnell darf eine Streife fahren?
Wenn wir nicht mit Blaulicht im Einsatz sind, gelten für uns dieselben Verkehrsregeln wie für alle Autofahrer. Bei einer Einsatzfahrt mit Blaulicht sind wir ausgenommen und fahren nach unserem Ermessen.

Was war die gefährlichste Situation, an die Sie sich erinnern?
Das war die Verfolgung eines Fahrzeugs, dessen Insassen wegen Taschendiebstahl gesucht wurden. Sie wollten uns zweimal in den Straßengraben abdrängen ... Dann haben wir es umgekehrt gemacht und sie auf diese Art gestoppt.

Gibt es in Ihrem Beruf Situationen, die vielleicht nicht jeder Mensch ohne weiteres erträgt?
Die gibt es recht oft bei Unfällen mit Schwerstverletzten oder Toten. Oder wenn man jemandem nicht sofort helfen kann, weil er eingeklemmt ist. Oder wenn man nur einer Person helfen kann, obwohl mehrere Hilfe brauchen. Es gibt Bilder, die brennen sich ein, da knabbert man lange dran. Monate, auch Jahre später denkt man noch an diese Situation.

Bekommen Sie in solchen Situationen Unterstützung?
Das wichtigste ist das Gespräch mit den KollegInnen, das ist fast immer ausreichend. Wenn nicht, gibt es den Peer Support, das ist eine psychologische Betreuung. Manche tun so, als wären sie so hart, dass ihnen nichts nahekommen kann. Aber in Wahrheit ist jeder ein Mensch.

Aus Ihrer beruflichen Sicht: Wie schnell sollte man auf Autobahnen fahren dürfen?
Ich meine, so wie es geregelt ist, so passt es. Tempo 160 ist sehr gefährlich. Einige können sehr gut damit umgehen, für den Großteil der Autofahrer wäre Tempo 160 zuviel, und viele sind schon mit Tempo 130 überfordert.

Sind Sie auch privat gern mit dem Auto unterwegs?
Das hängt davon ab, wo ich hinwill. Ich habe auch ein Fahrrad, das ich gerne benütze.


18. Mai 2015