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Neue Serie: Berufe im Verkehr

„Sechs von 108“

Wie wird man Pilot, wie groß sind die Chancen, in diesem Beruf zu arbeiten. Horst Nentwich, Pilot und Flugbetriebsleiter antwortet.

Interview: Thomas Aistleitner

Piloten im Cocpit

Wie wird man Pilot, wie lange dauert die Ausbildung?
Horst Nentwich: Es gibt im Wesentlichen drei Wege, die Ausbildung zum Piloten zu absolvieren: Man kann sich während des Grundwehrdienstes beim Bundesheer für die Pilotenselektion melden. Besteht man sie, steht die Ausbildung offen, allerdings muss man sich für neun Jahre beim Bundesheer verpflichten. Danach könnte man nach Absolvierung einiger sogenannter Differenzschulungen in die zivile Luftfahrt wechseln.
Man kann sich als Maturant, das ist Voraussetzung, bei einer Fluglinie bewerben. Besteht man die Selektion, wird man ausgebildet und arbeitet dann bei dieser Fluglinie. Das dauert rund zweieinhalb Jahre.
Wenn man die ersten beiden Wege nicht schafft, kann man sich die Ausbildung privat selbst finanzieren. Aus Kostengründen wird man sie teilweise ins Ausland verlagern, wo der Treibstoff günstiger ist. Die USA und Kroatien sind solche Länder.

Was versteht man unter der Selektion?
Das kann ich gut erklären, ich habe das selbst bei Crossair/SWISS Airlines gemacht, es ist bei allen Fluglinien ähnlich. Es ist eine fünfstufige Auslese, die sich über Monate hinzieht. Man sieht sich die Leute sehr genau an (siehe Kasten: Die fünf Prüfungen). Und es gibt einen genauen medizinischen Check.

Wie hoch sind die Chancen, die Selektion zu schaffen und von einer Fluglinie genommen und ausgebildet zu werden?
Bei der Selektion, bei der ich dabei war, wurden von mehr als 1000 Bewerbern 180 eingeladen. 108 sind angetreten, von ihnen wurden sechs genommen.

Die sechs richtigen, die dann auch gut miteinander arbeiten können?
Ich denke ja. Am ersten Tag der Ausbildung haben die sechs einen Ordner bekommen, in den sie ihre Unterlagen einsortiert haben. Und man hat gesehen: Sie hatten alle die gleiche Methode, die Unterlagen überlegt und effizient zu ordnen.

Oder stimmt es, dass ausgebildete Piloten für Flugstunden bezahlen, damit sie Praxis bekommen?
Das sind Personen aus Gruppe drei. Sie könnten vielleicht ein Privatflugzeug fliegen und dafür bezahlen, damit sie Praxis bekommen. Aber auch sie müssen irgendwann durch die Selektion und scheitern dann sehr oft.

Wie wird sich der Flugverkehr entwickeln? Wie viele Flugzeuge mehr gehen sich im Luftraum noch aus?
Man findet immer wieder Wege, den Luftraum so zu gestalten, um der steigenden Passagierzahl gerecht zu werden. Früher wurden die Flugzeuge so geschlichtet, dass 600 Höhenmeter Abstand zwischen ihnen waren, inzwischen ist die Staffelung auf 300 Meter reduziert worden. Nun arbeitet man an den Anflug- und Abflugrouten. Sie sollen verkürzt werden, da sind die Flughäfen gefordert. Von Wien nach Zürich dauert der Flug 75 Minuten, davon sind 15 Minuten nur Anflugkurven.

Fliegt der Pilot das Flugzeug oder fliegt das Flugzeug den Piloten?
Jede Pilotengeneration hat ihre eigenen Probleme. Vor 30 Jahren ist der Pilot bei Start und Landung konzentriert am Steuer gesessen und war mit dem Flugzeug gleichsam verbunden. Heute fliegt der Autopilot, teilweise sogar vorgeschrieben, um präzise fliegen zu können. Vor 30 Jahren waren die Piloten vom Flug ermüdet. Heute sind nicht mehr handwerkliche, sondern geistige Fähigkeiten gefordert. Der Pilot muss das System sehr, sehr gut kennen. Wenn dann irgendwo unerwartet ein Lämpchen leuchtet, müssen wir uns sehr schnell hineindenken. Durch die hohe Techologisierung ist die Aufgabe des Piloten heute weniger das Fliegen als das Management des Flugzeugs. Aber auch heute müssen wir manuell fliegen können und das halbjährlich unter Beweis stellen.

Wie viele Flugstunden sind Sie bisher geflogen?
7500.

Waren Sie schon in einer gefährlichen Situation?
Ja, einige Male. Einmal hatte ich einen Triebswerksausfall, das Flugzeug war aber vierstrahlig und damit abgesichert. Es ist aber ein Vorfall. Einmal ist im Linienbetrieb die Kontrolle der Höhensteuerung eingefroren. Mein dritter Vorfall war eine nicht korrekt verriegelte Servicetür für das Catering. Das ist beim Steigflug aufgefallen, wir haben umgedreht und sind wieder gelandet. Schließlich hatte ich einen Blitzschlag und dabei einige Bordsysteme verloren, diese sind aber dreifach bis sogar vierfach abgesichert.

Kennt man sich im Cockpit oder ist es Zufall, mit welchem Copiloten man fliegt?
Bei einer Fluglinie ja. Ein Flugzeug soll möglichst viele Stunden am Tag in der Luft sein, um seinen Preis einzuspielen. Man braucht 12 bis 18 Piloten pro Flugzeug, dazu die Crew. Sagen wir, die Flotte besteht aus 20 Flugzeugen, dann sind wir bei 360 Piloten, davon 180 Kapitäne und 180 Kopiloten. Dazu kommen Urlaube und Krankenstände. Die Realität ist, man sieht sich oft drei bis sechs Monate nicht im Flugzeug, aber dann vielleicht auch zweimal hintereinander …

Wie viele Frauen gibt es im Cockpit?
Es gibt sehr wenige Pilotinnen, wenn auch ihre Zahl im Steigen begriffen ist. Sie sind genauso geeignet wie Männer, sie durchlaufen ja auch denselben Prozess.

Trotz dieser genauen Selektion, trotz der psychologischen Tests hat heuer ein Pilot absichtlich ein Flugzeug abstürzen lassen.
Auch er hat alle diese Selektionen durchlaufen und bestanden. Es gibt eben keine hundertprozentige Sicherheit. Er war ein Mensch, von Menschen ausgesucht, da gibt es keine Unfehlbarkeit.

Soll im Cockpit immer eine zweite Person anwesend sein, damit sich niemand darin einsperren und das Flugzeug manipulieren kann?
Ich bin von diesem Vorschlag nicht überzeugt. Auch das ist kein wirklicher Schutz. Selbst wenn zwei Personen im Cockpit sind, gibt es dort genug Gegenstände, die eine Person gegen die andere als Waffe verwenden könnte.

Wie sicher ist Fliegen wirklich?
Fliegen ist sehr sicher und wird immer sicherer: Die Wahrscheinlichkeit eines Flugunfalls pro einer Million Flüge hat sich von 13 im Jahr 1962 über 2,3 im Jahre 1983 auf 0,5 im Jahr 2014 verringert. Ein Passagier muss, statistisch gesehen, 29.000 Jahre hintereinander täglich einmal fliegen, bevor er in einen tödlichen Unfall verwickelt wird.


20. April 2015