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3000 km bis zum Führerschein

Die Führerscheinausbildung beginnt mit 15,5 Jahren, ab 17 fährt man allein. Wie funktioniert das in der Praxis? Ein Vater und sein Sohn berichten über ihre Erlebnisse beim gemeinsamen Autofahren.

Von Thomas Aistleitner

Robert und Alex Radetzky

Seit der Einführung des L17-Führerscheins im Jahr 1998 und der Mehrphasenausbildung sind die Unfallzahlen bei jungen Lenkern deutlich zurückgegangen. L17-Fahrer verursachen um 15 Prozent weniger Unfälle als Lenker, die den Führerschein erst mit 18 Jahren machen. Die Unfälle in der Altersgruppe 17 bis 24 sind um 30 Prozent zurückgegangen, jene der Verkehrstoten sogar um die Hälfte. Offenbar sind die jungen Fahrer gut ausgebildet und vorsichtig unterwegs. Kein Wunder, ihr Weg zum Führerschein ist 3000 km lang.

Robert Radetzky ist im Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie zuständig für den Bereich Verkehrssicherheit. Privat begleitet er gerade seinen Sohn Alex (16) bei der L17-Ausbildung. Für netzwerk-verkehrserziehung berichten die beiden über den Weg zum Jugendführerschein.

netzwerk-verkehrserziehung: Wann beginnt die L17-Ausbildung?
Robert Radetzky: Seit 2013 darf man die Ausbildung schon mit 15 1/2 Jahren beginnen und hat dann 18 Monate Zeit, um sie abzuschließen. Es beginnt mit einem Theoriekurs mit 32 Einheiten sowie verpflichtenden Stunden mit einem Fahrlehrer. Erst dann beginnt das private Fahren. Insgesamt müssen 3000 Kilometer gefahren werden, die in einem Fahrtenbuch dokumentiert werden.
Alex: Ich bin als völliger Neuling in die Ausbildung gegangen. Es ist gut, dass man mit Fahrstunden in der Fahrschule startet. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir mit der Kupplung nicht mehr schwergetan habe.

Wer darf die Ausbildung begleiten?
Robert Radetzky: Begleiter brauchen keine spezielle Ausbildung, als Eignungsnachweis genügt der Führerscheinbesitz seit mindestens sieben Jahren und innerhalb der letzten drei Jahre dürfen keine schweren Verstöße gegen die Verkehrsvorschriften vorliegen. Die Begleiter und die Fahrzeuge werden eingetragen. Man kann im Prinzip jedes Auto verwenden, braucht aber das Einverständnis des Zulassungsbesitzers.
Alex: Die längste Strecke sind wir in den Sommerferien gefahren: Von Tirol in einem Tag nach Niederösterreich, und alles auf Landstraßen. So sammelt man viele Kilometer.

Gelten für das Fahren mit einem L17-Verkehrsteilnehmer spezielle Regeln?
Robert Radetzky: Es gilt 0,1 Promille, also Alkoholverbot für beide. Ich kann mich nicht vom Heurigen nach Hause fahren lassen, auch wenn der L17-Fahrer völlig nüchtern ist, wenn ich selbst auch nur ein Glas Wein getrunken habe.

Haben Sie den Eindruck, dass man mit L17 gut Autofahren lernt?
Robert Radetzky: Auf jeden Fall. Ich habe selbst vor Jahrzehnten mit meinem Vater die L-Ausbildung gemacht. Damals war keine Kilometerleistung vorgeschrieben. Man ist zur Fahrprüfung angetreten, wenn man sich dafür bereit gefühlt hat. Das ist heute schon verbindlicher geregelt.
Alex: In meiner Klasse macht fast die Hälfte L17, dieses Programm kommt wirklich gut an. Ich kann es empfehlen!

Gibt es Zwischenschritte während des Absolvierens der 3000 km?
Robert Radetzky: Ja, alles 1000 km findet eine Überprüfungsfahrt in der Fahrschule statt, dabei wird das eine oder andere beanstandet. In unserem Fall war es die Blicktechnik. Großer Wert auf den 3-S-Blick gelegt:  Spiegel-Spiegel-Schulter-Blick. Und wenn man auf einer Kreuzung steht und nach rechts einbiegt, ist ein weiterer Kontrollblick nach rechts erforderlich. Die Fahrschüler sollten dabei so schauen, dass der Prüfer die Kopfbewegung sieht.
Alex: Mir ist aufgefallen, dass im Alltagsverkehr dann niemand mehr diese Vorgaben einhält und sich vor allem beim Schauen nicht sichtbar bewegt. In der Theorieprüfung ist mir aufgefallen, dass manche Fragen nicht mehr aktuell sind: Woran erkenne ich ein zurückschiebendes Auto? Die gesuchte Antwort wäre u. a. am Auspuffrauch, doch ein Hybridauto raucht nicht.

Ist in der gemeinsamen Fahrzeit etwas Besonderes passiert?
Robert Radetzky: Ja, gleich am Anfang im Freilandgebiet. Es war eine S-Kurve, eine Linkskurve mit anschließender Rechtskurve, Tempo 70 war erlaubt. Ich habe Alex gewarnt, aber er ist zügig reingefahren, und in der zweiten Kurve kam uns ein Autobus entgegen. Alex hat dann zu stark nach rechts gelenkt, und wir sind gegen den Bordstein gefahren. Als Beifahrer hat man kaum eine Chance eine drohende Kollision zu vermeiden.
Alex: Ich war zu nahe am Randstein, und der Reifen ist geplatzt. Das war alles ein bisschen viel auf einmal, aber im Nachhinein eine gute Situation: Pannendreieck aufstellen, Reifen wechseln, und das alles bei der ersten Ausfahrt. Und das alles im Anzug mit Mascherl, denn wir waren unterwegs zu einer Feier ...

Ist L17 teurer als der klassische Führerschein?
Robert Radetzky: Ja. Theoriekurs und das Minimum an Fahrstunden muss man ohnehin von der Fahrschule kaufen. Die verpflichtenden 3000 Kilometer kosten zusätzlich Treibstoff, Fahrzeugabnutzung und natürlich viel Zeit. Das Risiko eines Schadensfalles trägt man auch. Aber das nimmt man in Kauf, wenn man das Gefühl hat, dem Nachwuchs ein gutes Rüstwerk für eine verantwortungsvolle und sichere Verkehrsteilnahme mitzugeben.


12. Jänner 2015