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„Handlungsbedarf in Großstädten“

Wie müssen, wie dürfen sich Radfahrer verhalten? Martin Vergeiner hat einen Rechtsratgeber für Radfahrer geschrieben. Warum eigentlich?

Interview: Thomas Aistleitner

Straßenperspektive aus der Sicht einer Radfahrers

Kaum einem Fortbewegungsmittel wird in letzter Zeit so viel Aufmerksamkeit zuteil wie dem Fahrrad. Die einen schimpfen auf rücksichtslose „Radrowdies“, die anderen erwarten sich vom Fahrrad die Lösung des städtischen Verkehrschaos.

 Für die meisten ist Radfahren einfach eine selbstverständliche Fortbewegungsart. Dennoch kommt es gerade im städtischen Bereich zu Konflikten mit anderen Verkehrsteilnehmern. 

Da kommt ein Rechtsratgeber für Radfahrer genau zum richtigen Zeitpunkt. Autor Martin Vergeiner erklärt uns, warum er dieses Buch geschrieben.

Was hat sie veranlasst, „Recht für Radfahrer“ zu schreiben? 
Martin Vergeiner: Während meiner 10-jährigen Tätigkeit als Verkehrsjurist beim Kuratorium für Verkehrssicherheit in Wien wurde ich immer wieder zu diesem Thema befragt. Darf ich als Radfahrer gegen die Einbahn fahren? Wann darf ich auf dem Fahrrad ein Kind mitnehmen? Brauche ich bei meinem Rennrad ein Licht? Schnell war mir klar, dass es zwar sehr viele Radfahrer gibt, diese sich im Dickicht der rechtlichen Bestimmungen aber nicht mehr leicht zurechtfinden. Als leidenschaftlicher Radfahrer ist dann mein erster Ratgeber – damals nur ein paar Seiten lang – entstanden.

Ist es Ihre Einschätzung, dass Radfahrer insgesamt zu wenig über ihre rechtliche Situation, über ihr Dürfen, aber auch über ihr Sollen und Müssen, Bescheid wissen?
Da der Straßenverkehr generell zunimmt, wird seitens des Gesetzgeber versucht, auch die Verkehrssicherheit zu erhöhen – sowohl jene der Radfahrer als auch jene der anderen Verkehrsteilnehmer. Neben technischen Regelungen, wie ein Fahrrad ausgestattet werden muss, gibt es immer mehr Bestimmungen, die das Verhalten von Radfahrern regeln. Beispielsweise darf ich nun auch auf dem Fahrrad nicht mehr mit dem Handy telefonieren. In den letzten Jahren wurde verstärkt versucht, durch spezielle Regelungen den Fahrradverkehr zu fördern. Sich diese ganzen Regelungen zu merken, ist selbst für Experten nicht leicht.

„Man sieht immer wieder Radfahrer mit auffallender, wenn nicht provokanter Sorglosigkeit auf den Straßen.“ – Würden Sie diesem Satz beipflichten, oder ist das eine Fehleinschätzung der Autofahrer und Fußgänger?
Erfreulicherweise fahren immer mehr Menschen mit dem Fahrrad. Mit der Masse an Radfahrern nehmen aber leider auch jene Personen zu, die sich nicht an die Regeln halten. Diese „schwarzen Schafe“ werfen ein schlechtes Bild auf die Radfahrer als Gesamtes, obwohl das Miteinander zwischen Auto und Radfahrer überwiegend gut funktioniert. Speziell in den großen Städten gibt es Handlungsbedarf.

Viele Radfahrer beschweren sich über die Rücksichtlosigkeit der Autofahrer, viele Fußgänger finden sich von Radfahrern an den Rand gedrängt. Gibt es dafür einen sachlichen Hintergrund? Gibt es Unfälle, die dieses Bild bestätigen?
In der Anonymität als Radfahrer (kein Kennzeichen) bzw. in einem Auto sitzend verhalten sich Menschen teilweise anders als sonst. Interessant ist, dass die gleichen Personen unterschiedlich argumentieren, je nachdem, ob sie als Radfahrer oder als Autofahrer unterwegs sind. Mehr Gelassenheit und gegenseitige Rücksichtnahme wäre zweckmäßig.

Sturzhelmpflicht für Kinder bis 12 Jahre: Ist diese Maßnahme mit den Unfallstatistiken begründbar? Müsste man mit dieser Logik nicht auch Sturzhelmpflicht im Auto fordern?
Sturzhelme schützen primär dort, wo eine sonstige „Schutzhülle“ (Karosserie) fehlt. Eine Sturzhelmpflicht im Auto wäre daher übertrieben. Bei Radfahrern hingegen kann ein Helm entscheidend sein. Ein Aufprall auf einem Auto, das „nur“ 35 km/h fährt, entspricht einem Sprung aus 10 Meter Höhe in ein leeres Schwimmbecken. Ein guter Helm kann das Risiko einer schwerwiegenden Schädel-Hirn-Verletzung um bis zu 85 % verringern. Deshalb macht ein Fahrradhelm auch für Erwachsene absolut Sinn.

Sollte es für Radfahrer, insbesondere in der Stadt, eine verpflichtende Ausbildung geben, eine Art Führerschein?
Verpflichtende Ausbildungen sind nicht notwendig. In Österreich wird seit Jahrzehnten sehr erfolgreich der freiwillige Radfahrausweis angeboten, mit dem Kinder bereits mit 10 statt mit 12 Jahren alleine Rad fahren dürfen. Ausbildung und Prüfung erfolgen zumeist über die Schulen, in enger Kooperation mit der Polizei. Außerdem sollten Eltern ein gutes Vorbild für ihre Kinder abgeben.

Sind Radwege ein Zukunftskonzept oder nur ein Übergang auf dem Weg zu einer Straße für alle im Sinne eines Shared Space?
Dies ist von der Art der Straße, der Menge des Verkehrs und dem gefahrenen Geschwindigkeitsniveau abhängig. Während bei hohen Verkehrsstärken eine Trennung des motorisierten Verkehrs und des Radverkehrs zweckmäßig ist, geht der Trend auf verkehrsberuhigten Gemeindestraßen klar zu Begegnungszonen („Verbinden statt Trennen“).

Sie sind für eine Maßnahme Gesetzgeber mit absoluter Macht. Was würden Sie zum Thema Radfahren ändern bzw. durchsetzen?
Ich bin kein Freund von zu viel Zwang. Viel wichtiger ist es, die Menschen zu motivieren, nur so viel wie unbedingt notwendig mit dem Auto zu fahren und möglichst viele, vor allem kurze Wege mit dem Fahrrad zurückzulegen. Dies hilft nicht nur der Umwelt, sondern stärkt auch die Abwehrkräfte und hält uns gesund.

Wie viel Rad fahren Sie persönlich und was für ein Fahrrad fahren Sie?
Ich bin Mitglied in einem Triathlon-Verein und habe mir gerade ein neues Rennrad gekauft. Ich freue mich schon auf meine nächste Ausfahrt. Nachdem ich in der Gemeinde Hard arbeite, fahre ich ein Simplon Nexio Force.


22. September 2014