• Hauptartikel

SSV zu Schulanfang

Nicht der Sommerschlussverkauf ist gemeint, sondern der Schulweg. Verkehrsexperte Friedrich Schmidhuber sagt, worauf es für Eltern und Kinder ankommt.

Interview: Thomas Aistleitner

Schülerinnen und Schüler überqueren einen Zebrastreifen

Herr Oberst Schmidhuber, viele Kinder gehen heute und nächste Woche zum ersten Mal in die Schule, vielleicht auch zum ersten Mal in eine neue Schule. Eltern machen sich Sorgen, ob die Kinder den Schulweg sicher bewältigen. Mit Recht?
Friedrich Schmidhuber: Das Bild vom Kind, das zu Fuß unterwegs und deshalb verletzlich ist, stimmt nur zum Teil. In Österreich werden jedes Jahr rund 3000 Kinder verletzt, davon 500 am Schulweg. Von diesen 3000 Kindern verunglücken 2250 als Lenker (RadfahrerInnen) oder Passagiere in Fahrzeugen. 1250 davon als MitfahrerInnen im Auto und „nur“ 750 als FußgängerInnen. Der gefährlichste Ort im Straßenverkehr für ein Kind ist das Auto der Eltern. Diese Relationen ändern natürlich nichts daran, dass jedes am Schulweg verunglückte Kind eines zuviel ist.

Was müssen Eltern zu Schulanfang beachten, wie können sie ihre Kinder unterstützen?
Ich wende dafür die Formel SSV an. Sie ist zum Ende des Sommers sowieso in aller Munde, hier erhält sie eine neue Bedeutung: SICHTBAR, SELBSTBEWUSST und VORSICHTIG. 

Beginnen wir mit SICHTBAR. Wer muss sichtbar sein?
Aus der Sicht des Kindes geht es darum, gesehen zu werden. Es kann und darf sich nicht darauf verlassen, dass es vom Auto gesehen wird. Das Auto hat keine Augen, nur der Lenker, und das Kind muss sicher sein, dass es vom Autofahrer gesehen wird. „Blickkontakt“ herstellen ist der Fachausdruck dafür. Das ist für vor allem für kleine Kinder zugegebenermaßen viel verlangt. Zusätzlich empfehle ich helle Kleidung und Reflektoren, vor allem bei Schlechtwetter. Diese können die Sichtbarkeit von 20 auf 100 Meter erhöhen.

Was verstehen Sie unter SELBSTBEWUSST? Geht es da um das Auftreten der Kinder oder um die Haltung der Eltern?
Um beides. Angst und Panikmache sind ganz schlechte Ratgeber im Straßenverkehr. Bloß kein Fluchtverhalten antrainieren! Die Botschaft lautet: Es gibt Regeln, an die sich alle halten müssen. Selbstbewusstsein wünsche ich mir auch von den Eltern. Eine Schuldirektorin hat mich händeringend angerufen: Schauen Sie sich bitte das morgendliche Chaos vor unserer Schule an, wenn Eltern die Kinder auf der Straße vor der Schule aussteigen lassen und es dabei auch noch selbst eilig haben. Die Kinder sind dann höchst gefährdet!

Wie kann man es besser machen?
Bitte fahren und begleiten Sie Ihre Kinder nicht bis in die Schulgarderobe! Am besten, Sie lassen sie schon in einigem Abstand zur Schule aussteigen. Solche „Kiss & Go“-Haltestellen (NWV berichtete) haben sich in einigen Salzburger Schulen bestens bewährt. Ein paar Meter, auch ein paar hundert Meter zu Fuß gehen bringt die Kinder nicht in Lebensgefahr und ist sogar gut für sie: Sie bewegen sich und stimmen sich geistig auf die Schule ein.

Welche Botschaft gehört zum Begriff VORSICHTIG?
Der kürzeste Schulweg muss nicht der sicherste sein. Ein kleiner Umweg zahlt sich aus, wenn man dafür mit einem geregelten Straßenübergang belohnt wird. Das ist viel sicherer als eine ungesicherte Querungsstelle, die vielleicht ein oder zwei oder auch fünf Minuten bringt. Überhaupt gehört der Zeitfaktor zur Vorsicht: Die Kinder sollen rechtzeitig das Haus verlassen, damit sie auf dem Weg zur Schule keinen Stress aufbauen. Bitte in die Schule gehen und nicht laufen, das kostet Aufmerksamkeit!

Sollen Eltern den Schulweg mit ihren Kindern üben?
Auf jeden Fall! Der Schulweg ist keine Expedition und das Kind kein Forscher, der den Weg erkundet. Gehen Sie den Schulweg ein paarmal gemeinsam, weisen Sie auf Gefahrenstellen hin, sprechen Sie darüber! Das Kind soll möglichst schnell eine Routine aufbauen. Dazu gehört auch, dass das Kind einen Schulweg, den es zu Fuß bewältigen kann, auch regelmäßig gehen sollte und nicht immer wieder in letzter Sekunde dann doch mit dem Auto gebracht wird.

Sie gehören in Salzburg zu den größten Mahnern was telefonierende Autofahrer betrifft. Wie ist das mit Kindern, die auf dem Schulweg in ihr Smartphone schauen und What’sApp-Nachrichten verschicken?
Mit dem Blick auf dem Handy und womöglich Stöpseln im Ohr wird auch der Gehsteig zur Gefahrenzone. Da finde ich es noch sicherer, wenn Kinder gemeinsam in die Schule gehen, auch wenn sie sich dabei unterhalten – die Sinne sind trotzdem auf Empfang und nicht vom Geschehen abgekoppelt. Der Verkehr braucht ihre volle Aufmerksamkeit!


25. August 2014