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Verkehr beobachten, Unfälle verhindern

Wie gefährdet sind Kinder im Umfeld von Schulen? Die Unfallzahlen sind nur einer von mehreren Gradmessern. Eine neue Methode arbeitet mit Kameras.

Interview: Thomas Aistleitner

Überwachungsszene mit Kameras

Wie kann man Verkehrsunfälle vor Schulen verhindern? Eine neue Präventivmethode ist die Site-based Observation. Kameras beobachten das Schulumfeld, aus dieser „naturalistischen Fahrverhaltensbeobachtung“ werden Schlüsse gezogen. 

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit hat an fünf Schulen Kamerastudien durchgeführt. Auftraggeber war der Verkehrssicherheitsfonds des Landes Tirol. Projektleiter Martin Pfanner erklärt, wie solche Studien ablaufen und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen.

Wie funktioniert die Methode, welche Kosten entstehen dabei?
Martin Pfanner: An der zu beobachtenden Stelle werden kleine, aber leistungsfähige Videokameras montiert. Die Aufnahmen erfolgen anonymisiert (Gesichter und Kfz-Kennzeichen sind aus Datenschutzgründen dabei nicht erkennbar) und werden danach am Schreibtisch ausgewertet. Die Kosten sind variabel und richten sich danach, wie viele Kameras zur Beobachtung notwendig sind, bzw. wie lange die Beobachtungsdauer gewählt wird.

Was für einen Hintergrund hat die Methode, wer hat sie entwickelt, wo wird sie angewendet?
Naturalistische Fahrverhaltensbeobachtung (Naturalistic Observation) ist eine sehr junge Methode im Bereich der Verkehrssicherheitsforschung. Sie ist dadurch charakterisiert, dass Verkehrsteilnehmer in ihrem natürlichen Umfeld, z.B. dem Schulumfeld, möglichst unauffällig beobachtet werden, damit ihr „normales“ Verhalten untersucht werden kann. Von Naturalistic Observation werden massive Zugewinne im Wissen über Verhalten von Verkehrsteilnehmern erwartet, die längerfristig in wesentlich effizienteren Verkehrssicherheitsmaßnahmen als bisher resultieren sollen.

Was versteht man unter „naturalistischer Fahrverhaltensbeobachtung“?
Es ist eine Form der Verhaltensbeobachtung bei Verkehrsteilnehmern. „Naturalistisch“, weil die Beobachtung im natürlichen Kontext und möglichst unauffällig – also nicht-reaktiv – erfolgen soll. Dabei gibt es die Methodik der Site-based Observation. Diese ist eine ortsfeste Beobachtung mit in der Regel fix stationierten Videokameras.

Was war der Beobachtungszeitraum für die Statistik, die Befragungen und die Videos?
Die Beobachtung mittels Kameraunterstützung erfolgte pro Standort zu ausgewählten Zeiten, die wissenschaftlich-statistische Bedürfnisse und die Unterrichtszeiten der Kinder berücksichtigen. Für die statistische Auswertung der vergangenen Unfälle  wurden die Unfälle der Jahre 2007 bis 2011 herangezogen. Die Befragung hat ca. 6 Wochen in Anspruch genommen. Zunächst wurden die Fragebögen an die teilnehmenden Schulen gesendet wurden. Diese wurden an die Eltern der Schulkinder weitergegeben. Die teilnehmenden Eltern füllten den Fragebogen aus und gaben ihn ihren Kindern wieder in Schule mit. Die ausgefüllten Fragebögen wurden dem KFV zur Auswertung übermittelt.

Was waren die Erkenntnisse dieser Studie, soweit man das in wenigen Sätzen zusammenfassen kann?
Die Befragung der Eltern sowie die Konfliktanalyse mittels anonymisierter Videobeobachtung zeigen, dass die meisten Schulen ähnliche Probleme und Konfliktpunkte haben. 

  • Die meisten Eltern haben angegeben, dass das Parken vor der Schule eines der Hauptprobleme darstellt, dies bestätigt sich auch in den Konfliktbeobachtungen. Hier gilt es, die Eltern darauf aufmerksam zu machen, dass sie dieses Problem selbstständig lösen können, indem sie die Kinder entweder zu Fuß zur Schule bringen oder eine sichere Parkmöglichkeit, etwas abseits der Schule benutzen und das Kind die letzten Meter zur Schule zu Fuß zurücklegen lassen. Die Direktion ist sich dieser Situation meist bewusst und kann die Eltern an Elternabenden aufklären und mit dem Elternverein Möglichkeiten zum Ein- und Aussteigenlassen, sogenannte Elternhaltestellen, definieren.
  • Hinsichtlich der Schutzwege sind es meist zwei Probleme, die von den Eltern genannt werden: 
    a) Es ist kein Schutzweg vorhanden
    Wenn vor der Schule kein Schutzweg vorhanden ist, wird als Verbesserungsmaßnahme meist die Markierung eines Schutzweges angegeben. Hier ist wesentlich, dass die Schulleitung und die Eltern darüber aufgeklärt werden, warum es keinen Schutzweg an der gewünschten Stelle gibt. Häufig ist den Eltern bzw. der Schulleitung nicht bewusst, dass die Markierung eines Schutzweges nur erfolgen kann, wenn die Einsatzkriterien für einen Schutzweg laut RVS erfüllt sind. Hier kann die Gemeinde Aufklärungsarbeit leisten bzw. Alternativen prüfen, um den Schülern das Queren vor der Schule zu erleichtern. 
    b) Die Ausstattung des Schutzweges ist nicht ausreichend
    Wenn ein Schutzweg direkt vor der Schule vorhanden ist, wird als Verbesserungsmaßnahme meist die Ausstattung des Schutzweges mit einer Verkehrslichtsignalanlage angegeben. Auch hier fehlt es oft am Verständnis darüber, warum keine Verkehrslichtsignalanlage umgesetzt wird, auch hier ist aktive Aufklärung notwendig. In einigen Fällen wird die Beleuchtung des Schutzweges bemängelt, in diesen Fällen herrscht meist tatsächlich Handlungsbedarf. Häufig wissen die Eltern oder die Schulleitung jedoch nicht, an wen sie sich in dieser Angelegenheit wenden können.
  • Problemfeld: Queren der Straße
    Das Überqueren der Straße wird von den Eltern so gut wie immer als Problemstelle angegeben. Die Gründe dafür liegen in gefühlt überhöhter Geschwindigkeit und gefühlter Unachtsamkeit des Fahrzeuglenkers, oder am Problemfeld Schutzweg (siehe oben). Dabei hilft gemeinsames Training. Je öfter die Eltern den Schulweg mit ihren Kindern üben und ihnen das richtige Verhalten und die besten Querungsstellen zeigen, desto sicherer fühlen sich die Kinder beim Queren der Straße. Wichtig ist, das Verhalten sowohl in der wärmeren Jahreszeit als auch im Winter gemeinsam zu üben, da sich die Situation im Winter ändern kann. Die Sichtverhältnisse sind anders und aufgrund des Schnees sind eventuell andere Wege oder Querungsstellen zu wählen.

Gibt es Auswirkungen dieser konkreten Studie, wird sich an den erforschten Punkten bzw. Schulen etwas ändern?
Die vom KFV durchgeführte Untersuchung hat einige für die Forschung relevante Punkte aufgezeigt, die in die Verkehrssicherheitsarbeit einfließen werden. Die Punkte wurden dem VSF Tirol, den teilnehmenden Schulen und auch sämtlichen Volksschulen Tirols zur Verfügung gestellt. Die Umsetzung von einzelnen Maßnahmen liegt im Wirkungsbereich von Land und Gemeinde und wurde mancherorts bereits in Angriff genommen.

Die Methode basiert auf Befragungen sowie auf Beobachtungen. Können die Beobachtungen mehr Erkenntnisse bringen als z. B. die langjährigen Beobachtungen der Polizisten vor Ort? Ist diese Methode überlegen und wenn ja, warum?
Die Erfahrungen der Polizisten sind eine sehr wertvolle Informationsquelle. Die Methode knüpft an die Beobachtung der Exekutive an, sorgt aber durch die wissenschaftliche Vorgehensweise für eine objektive, quantitative Bewertung, die dann auch an Absolutwerten mit anderen Situationen verglichen werden kann. Mit anderen Worten, die Methode kann sagen, ob der subjektive Eindruck richtig ist oder täuscht. Man könnte auch sagen, man kann feststellen, ob es so aussieht, dass es gefährlich wäre, oder, ob es tatsächlich gefährlich ist.

Welche Fragen kann man nach einer solchen Untersuchung besser beantworten als vorher?
Es wird nicht so häufig passieren, dass man mittels ortsfester, naturalistischer Beobachtung zu vollkommen neuen Erkenntnissen kommt. Das ist natürlich möglich, wenn man auf den Videos, ohne in der Situation vor Ort abgelenkt zu sein, unentdeckte Probleme erkennt. Viel häufiger wird es aber so sein, dass nach einer naturalistischen Beobachtung mittels Video die objektiv herrschenden Gefahren quantitativ bestimmt werden können. Damit können wirksame Maßnahmen besser identifiziert und auch priorisiert werden.

Gibt es auch Verkehrsfragen oder -probleme, bei denen diese Methode nicht passend ist?
Ja. Immer dann, wenn persönliche Eigenschaften und Einstellungen von Verkehrsteilnehmern, wie Autofahrer oder Radfahrer, gefragt sind und in der Auswertung berücksichtigt werden sollen. Es gibt die Erfahrung, dass in ganz seltenen Fällen Straßenstellen zahlreiche Unfälle aufweisen, aber keine Konflikte bzw. Gefahrensituationen beobachtet werden können. So etwas kann bei ungünstigen Sichtbedingungen auftreten, wo jedes Zusammentreffen einer ungünstigen Konstellation unweigerlich zum Unfall führt. Die Kameraposition ist wichtig: Die Eigenart der räumlichen Darstellung in einer Videoaufzeichnung kann das Erkennen gefährlicher Situationen erschweren. Daher kann ohne eine geeignete Kameraposition auch keine ortsfeste naturalistische Beobachtung durchgeführt werden, oder es muss mehr als eine Kamera benutzt werden.


11. August 2014