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Die Wahrheit über die Räumphase

Was Autofahrer oft nicht wissen: Fußgänger dürfen die Straße zu Ende überqueren, auch wenn die Ampel auf Rot schaltet. Petra Jens, Beauftragte für FußgängerInnen in Wien, sieht noch mehr Missverständnisse auf der Straße. Der „Wiener Verkehrsfrühling“ soll mehr Verständnis für alle bringen.

Interview: Thomas Aistleitner

Kreuzung mit Autos und einer Fußgängerin

Die Räumphase ist jene Zeitspanne, die man braucht, um eine Kreuzung nach dem Grünblinken zu verlassen. In Wien war die Räumphase Thema einer zehntägigen Kampagne. Welche Unklarheiten gibt es im Kreuzungsverkehr. Wir fragten die Wiener Beauftragte für FußgängerInnen und Initiatorin der Bewusstseinskampagne, Petra Jens.

netzwerk-verkehrserziehung: Frau Jens, was bedeutet der Slogan „Räumphase ist LEO“?
Petra Jens: Die Situation an Ampeln ist oft schwierig zu überblicken, vor allem, wenn ein- oder abbiegende Fahrzeuge involviert sind. Zu-Fuß-Gehende fühlen sich gestresst, Autofahrende genervt, und wenn alle Rot sehen, wird die Kreuzung schnell zu einem unangenehmen Ort. Das muss aber nicht sein! Mit Aufmerksamkeit und gegenseitiger Rücksichtnahme kommen alle entspannt über die Kreuzung.

Was ist die Räumphase genau?
Springt die Ampel auf Rot, beginnt die Räumphase: Diese dient dazu, die Kreuzung gesichert zu verlassen, bevor der Querverkehr grünes Licht erhält. Zu-Fuß-Gehende befinden sich also im LEO. Sie haben das Recht, weiter zu gehen und dürfen – wie im LEO beim Fangen spielen – dabei nicht bedrängt werden.

Gibt es ein Kommunikationsproblem zwischen den Verkehrsteilnehmer/innen?
Ja, immer wieder. Denn vor allem ein- oder abbiegende Fahrzeuglenker/innen bedenken oft nicht, dass sich Zu-Fuß-Gehende noch am Zebrastreifen befinden können, auch wenn die Fußgängerampel bereits rot zeigt.
In unserer neuen Aktion, dem „Wiener Verkehrsfrühling“ geht es generell darum, dass man auf der Straße mit einer freundlichen Haltung stressfrei weiterkommt. Das gilt für alle Beteiligten. 

Wie zeigt man eine freundliche Haltung auf der Straße?
Als Fußgänger hat man am Schutzweg Vorrang. Dennoch sollte man auf Blickkontakt mit dem Autofahrer/der Autofahrerin achten und durch die Körpersprache zeigen, dass man drüber gehen will. Wer einen Vorrang eingeräumt bekommt, kann sich mit einer freundlichen Geste dafür bedanken und so dieses positive Verhalten verstärken.

Und wie verhält man sich als Autofahrer/in?
Als Autofahrer/in sollte ich deutlich erkennbar abbremsen. Besonders bei Dunkelheit ist das wichtig, da hier kein Blickkontakt hergestellt werden kann. 

Gibt es darüber wirklich Uneinigkeit?
In den Blogs von Autofahrerorganisationen kommt immer wieder der Vorwurf, man wisse nicht, was die Fußgänger wollen – warten oder queren. Für Fußgänger, vor allem für Kinder, ist aber nicht immer erkennbar, ob ein Auto wirklich stehenbleibt. Außerdem sollen Kinder die Fahrbahn erst betreten, wenn das Auto tatsächlich stehen geblieben ist.

Damit wäre die Situation wiederum klar ...
Ein Auto müsste sogar dann stehenbleiben, wenn ein Kind auch abseits eines Schutzweges am Straßenrand steht und offensichtlich queren möchte, da rollt sich ein sogenannter „unsichtbarer Schutzweg“ vor dem Kind aus. (STVO §29a Abs.1)

Welche Rolle spielen denn die Radfahrer/innen beim Miteinander im Verkehr?
Sie sind ebenso Verkehrsteilnehmer/innen. Der Gehsteig ist für Radfahrer/innen tabu ...

... was viele Radfahrer/innen offensichtlich nicht wissen oder wissen wollen ...
Die meisten wissen und respektieren es. Auf gemischten Verkehrsflächen oder im Kreuzungsbereich wäre es wichtig, dass Radfahrende eher hinter einem Menschen vorbeifahren als vor ihm. 

In der neuen Fuzo in der Mariahilferstraße waren die Radfahrer/innen ein heißes Thema.
In der Fußgängerzone in der Mariahilfer Straße müssen Radfahrende langsam fahren und, wenn die Straße zu voll ist, auch absteigen. Ich weiß nicht, ob das Problem wirklich so groß ist: In mehr als der Hälfte der Fuzos in Wien ist das Radfahren erlaubt, und es gibt dabei kaum Probleme.

Was erwarten Sie sich insgesamt von der Aktion „Wiener Verkehrsfrühling“?
Es geht um eine entspannte Haltung im Straßenverkehr. Niemand auf der Straße möchte dem anderen etwas Böses tun, niemand möchte einen Unfall provozieren, jede und jeder möchte gut und sicher vorankommen. Kommunikation ist wichtig, um zu wissen, was andere Verkehrsteilnehmer/innen als nächstes tun werden. Wenn wir alle mit diesem Bewusstsein am Straßenverkehr teilnehmen, wird die Straße ein besserer Ort sein. 


7. April 2014