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Kenia im Verkehr

Interview: Thomas Aistleitner

In Kenia ist, vom Standpunkt der Verkehrserziehung gesehen, alles dramatischer als in Österreich: Die Verkehrsdichte, die Unfälle, die Fahrzeuge, aber auch die Aufklärung. Sigrid Steininger berichtet über ihre Erfahrungen.

Plakat Speed Kills

In Österreich fahren viermal so viele Autos und mehr als dreimal so viele Zweiradfahrzeuge als in Kenia. Dennoch sterben in Kenia jedes Jahr mehr Menschen im Verkehr als in Österreich. Das lässt auf eine Art der Mobilität schließen, die mit dem österreichischen Verkehrsverhalten nur schwer vergleichbar ist. Sigrid Steiniger hat Kenia besucht.

Wie lange waren Sie in Kenia?
Ich war zwei Wochen dort, sowohl in der Hauptstadt Nairobi als auch in Nationalparks.

Was ist Ihnen aufgefallen?
Der Verkehr in Nairobi ist sehr dicht. Es gibt einerseits einen kontinuierlichen Megastau der Fahrzeuge, andererseits sehr viele Fußgänger. Man hat den Eindruck, die öffentlichen Verkehrsmittel und auch die Matatus, die Minibusse, reichen nicht aus. Es ist ein sehr intensiver Verkehr, in dem alle Verkehrsteilnehmer aufeinanderstoßen. 

Werden die Verkehrsregeln beachtet?
Eher nicht! Es gilt zwar ein strenges Tempolimit, aber es wird meist nicht beachtet. Die Zebrastreifen sind verblasst und werden weitgehend ignoriert. Die Straßen werden überall überquert. Bei unserer gebuchten Tour gab es im ganzen Bus einen einzigen funktionierenden Sicherheitsgurt. Die Rolle der Polizei ist nicht ganz eindeutig. 

Wie gehen die Menschen mit diesen Zuständen um?
Man sieht speed bumps, also Straßenschwellen, die zum Abbremsen zwingen. Sie werden nicht unbedingt von der Polizei, sondern auch von Dorfgemeinschaften aufgestellt. 

Wie setzen sich dann die Zweiradfahrer durch? Traut man sich überhaupt auf die Straße mit einem Zweirad?
Ja, die Motorradtaxis sind sehr beliebt. Die Leute kommen mit dem Bus bei einer Station an und steigen dann aufs Motorradtaxi um.

Wie ist so ein Motorradtaxi gesichert?
Die Fahrer haben alle leuchtende Warnwesten an und zum Großteil auch Helme auf. Aber die Kundinnen und Kunden haben meist keine Helme, und es sitzen nicht nur zwei, sondern auch drei Personen auf so einem Motorrad.

Wie ist man mit dem Fahrrad unterwegs?
Es gibt auch Fahrradtaxis. Sie unterscheiden sich von Fahrrädern durch einen gepolsterten Sitz am Gepäckträger.

Benützen Männer und Frauen die gleichen Verkehrsmittel?
Was man sieht, eher nicht. Die Männer fahren viel mit dem Motorrad, die Frauen sieht man beim Gehen, und dabei tragen sie oft schwere Lasten – z.B. Holz.

Ist Kenia wirklich so gut erschlossen, dass es so viel Verkehr gibt?
Nein. In vielen Gebieten gibt es gar nichts, und man geht sehr viel zu Fuß. Außerhalb der Ballungsgebiete ist das die Normalität. Für Wangari Maathai, die erste Nobelpreisträgerin aus Afrika und Kenianerin, waren die langen Fußwege – vor allem der Frauen – ein starker Antrieb zur Gründung des Greenbelt Movement.

Das heißt, Verkehr ist ein städtisches Problem hier?
Ja, und es ist immer wieder ein Riesenthema, vor allem rund um Ferienzeiten. Man sieht schreckliche Unfälle. Im Schnitt wird alle 15 Minuten ein Fußgänger im Verkehr verletzt. Die Regierung hat zu Weihnachten ein Nachtfahrverbot verordnet – was u.a. dazu führt, dass die Leute am Tag noch schneller fahren, um ans Ziel zu kommen.

Was tun die offiziellen Stellen noch?
Es gibt Plakate, Schockplakate gegen Alkohol mit einem Sarg im Bierglas etwa. Es gibt Hinweistafeln. Aber es hilft nicht viel. Auch die Fußgänger arrangieren sich mit dem Verkehr auf ihre Weise. Es hilft nicht einmal, eine Fußgängerbrücke über eine befahrene Straße zu bauen. Das sieht man in diesem Video.

Und trotz allem kommt man nur langsam voran?
Der Verkehr macht Nairobi zu einer extrem anstrengenden Stadt. Das Weiterkommen dauert lange. Vor allem die Lastwagen sind ein Problem. Es gibt wichtige Verkehrsadern, die alternativlos sind, weil es keinen Zug auf der Strecke gibt. Diese Straßen sind oft einspurig. Lkw kriechen mit 20 km/h einen Berg hinauf und werden von überfüllten Matatus überholt. Die Autos sind in keinem guten Zustand. Anfang des Jahres beispielsweise forderte ein einziger Unfall acht Tote und sieben Verletzte. Auslöser war ein geplatzter Reifen an einem mit 14 Personen besetzten Matatu. Weil der Verkehr so dicht ist, kommt die Rettung nicht durch. Es gibt keine Rettungsgasse.


10. März 2014