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„Kinder werden oft überbeschützt“

Gruppeninspektor Franz Mitterlehner ist seit 25 Jahren Verkehrserzieher bei der Polizei im Bezirk Kirchdorf. Was hat sich in dieser Zeit verändert – im Verkehr, in der Sicherheit und in der Verkehrserziehung?

Interview: Thomas Aistleitner

„Es wäre die Aufgabe der Eltern, den Kindern nicht nur ein Fahrrad zu kaufen, sondern auch mit ihnen zu fahren“, sagt Franz Mitterlehner
Franz Mitterlehner mit SchülerInnen

Was ist die Tätigkeit eines Verkehrserziehers der Polizei?
Ich suche den persönlichen Kontakt zu Kindern von fünf bis zehn Jahren- Ich bin im Monat drei- bis fünfmal in der Schule oder im Kindergarten. Mir geht es darum, Verkehrserziehung praktisch zu zeigen. Die Kinder wissen meistens sehr viel, wenn man sie fragt. Aber auf der Straße, wenn es regnet und die Eltern nicht dabei sind, sieht es anders aus.

Besuchen Sie auch Hauptschulen? 
Inzwischen nicht mehr, das geht sich zeitlich nicht aus. Deshalb gehe ich privat in die Hauptschule unseres Ortes.

Was hat sich in den 25 Jahren Ihrer Tätigkeit als Verkehrserzieher verändert?
In Wandel der Zeit haben sich die Kinder den steigenden Herausforderungen im Straßenverkehr anpassen müssen. Früher war alles ein bisschen laxer – keine Rückhaltesysteme, kein Schülerlotse, keine rotweißroten Zebrastreifen, keine Warnwesten, kein Pedibus ...

Was ist ein Pedibus?
Das ist eine Alternative zum Schulbus. Die Kinder werden von den Eltern zu einer Haltestelle gebracht und dann zu Fuß in die Schule begleitet. Dabei geht man genauso Haltestellen ab wie mit einem Bus, nur gehen wir zu Fuß. (Netzwerk-Verkehrserziehung.at berichtete)

Verhalten sich Kinder im Verkehr heute anders als früher? 
Früher waren die Kinder zurückhaltender beim Fragen, sie waren nicht so offen. Heute sind sie rühriger, fordernder und wollen mehr Informationen. Sie wissen viel aus dem Internet, aus Medien, von Veranstaltungen. Aber sobald sie auf die Straßé gehen, sieht es anders aus. Da müssen das Wissen aus dem Computer auch umsetzen können.

Können Kinder so gut radfahren wie früher?
Jedes Kind will radfahren. Früher waren die Kinder freier erzogen und haben mehr Spielraum gehabt. Sie sind halt ohne Helm und ohne Radfahrprüfung gefahren und haben sich ihre Kenntnisse sozusagen beim „Schwarzfahren“ geholt. Heute sieht man bei der Radfahrprüfung, dass sie sich schwertun. Handausstrecken und mit der anderen Hand lenken ist schwierig, Handzeichen geben und gleichzeitig bremsen ist noch schwieriger. 

Woran liegt das?
Die Kinder haben tolle Fahrräder, sie sind perfekt ausgerüstet. Aber wenn ich sage: „Schalt doch mal das Licht ein!“, dann kommt als Antwort: „Wo ist das?“ und „Wie geht das?“. Es wäre die Aufgabe der Eltern, den Kindern nicht nur ein Fahrrad zu kaufen, sondern auch mit ihnen zu fahren. Die Kinder werden in der ersten und zweiten Klasse oft überbeschützt und jeden Meter gefahren und abgeholt. Sie haben keine Chance, zu Fuß zu gehen. Wenn dann die Radfahrprüfung ansteht, müssen sie das in kürztester Zeit lernen. 

Werden heute mehr Kinder mit dem Auto zur Schule oder zum Kindergarten gebracht oder weniger – was ist Ihre Wahrnehmung dazu?
Mehr! Da gehört mehr Bewegung hinein! Das Gemeinschaftsgefühl am Nachhauseweg, die Eigenverantwortung, das soziale Verhalten – einem Drittklassler kann man das alles zutrauen.

Welche Rolle spielen die Eltern?
Sie sind die wichtigsten Vorbilder und haben den größten Einfluss auf die Kinder. Kinder sind stille Beobachter, sie nehmen jede Geste wahr und ahmen die Eltern nach. Das beginnt beim Angurten ...

... und wenn Erwachsene bei Rot über die Straße gehen.
Ich sehe Erwachsene, die bei Rot über die Straße gehen, während die Kinder stehenbleiben und ihnen nachschauen. Da sind die Erwachsenen die Schüler der Kinder. Ich bin von den Kindern überzeugter als von den Eltern.

Wird die Anschnallpflicht im Auto eingehalten?
Ja, fast alle Kinder im Auto sind gesichert, seit die Gesetzeslage so streng ist. Ein ungesichertes Kind im Auto ist anzeigepflichtig und ein Vormerkdelikt. Im Wiederholungsfall kann das bis zum Führerscheinentzug gehen.

Im Laufe Ihrer Tätigkeit haben sich einige gesetzlichen Vorschriften verändert – Helmpflicht für Fahrrad und Moped, Mopedprüfung, Führerscheinprüfung mit 17 ...
Ja, und die Unfallzahlen sind ja rückläufig. Mein Kritikpunkt ist das Mopedfahren. Da müsste mehr geübt werden, das Fahrsicherheitstraining allein genügt nicht. Wir haben heute 16-Jährige, die ein Motorrad mit 125 cm3 und 15 PS lenken dürfen. Wenn diese Lenker dann noch an ihrem Fahrzeug schrauben, was viele tun, sind wir bei 100 km/h.

Was könnte man noch verbessern?
Ich wäre für eine Warnwestenpflicht für Radfahrer bei Dunkelheit und schlechter Sicht. Nicht glücklich bin ich auch mit dem §29a StVO ...

... Wenn Kinder erkennbar die Fahrbahn queren wollen, müssen Autofahrer stehenbleiben, auch ohne Schutzweg und Ampel.
Ich als Verkehrserzieher möchte den Kindern das nicht sagen. Ich glaube, es könnte missverstanden werden.


27. Jänner 2014