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„Ein neues Wort für Verkehrserziehung“

Was hat sich in der Verkehrserziehung in den letzten Jahrzehnten verändert. Wolfgang Suntinger, Salzburger „Veteran“ der Verkehrserziehung erinnert sich.

Interview: Thomas Aistleitner

Schulung der Schülerlotsen der PHS Michaelbeuern
Schulung der Schülerlotsen der PHS Michaelbeuern

netzwerk-verkehrserziehung.at: Herr Suntinger, Sie sind seit drei Jahrzehnten Verkehrserzieher. Haben sich die Schwerpunkte in der Verkehrserziehung verändert?
Wolfgang Suntinger: Es hat sich sehr viel verändert. Die Verkehrserziehung war früher viel präsenter als heute. In der Volksschule ist sie nach wie vor gut verankert, bei den 10- bis 14-Jährigen gibt es sie (trotz Unterrichtsprinzip) de facto nicht mehr.

Wie ist es dazu gekommen?
Früher war es selbstverständlich, dass jede Schule die Kontaktdaten des Verkehrsreferenten meldet. So waren die Referenten für Schulungen und Aktionen erreichbar. Jede Woche musste im Klassenbuch stehen, was in der Verkehrserziehung gemacht wurde. Als dann andere Schwerpunkte dazukamen und der Lehrplan umfangreicher wurde, ist die Verkehrserziehung in den Hintergrund gerückt. 

Können Sie ein Beispiel nennen?
„Meister auf 2 Rädern“ war einmal ein Highlight mit Bewerben auf Schul-, Bezirks-, Landes-, Bundes- und sogar Europaebene. Diese Aktion hatte viele Jahre lang in der Hauptschule große Bedeutung. Nur in der Volksschule passiert nach wie vor sehr viel, schon allein durch die „verbindliche Übung “ und die Radfahrprüfung.

Sind Kinder heute sicherer unterwegs?
Das lässt sich schwer sagen. VE ist ein (über)lebenswichtiger Bereich, der sich kaum messen lässt. Die Unfallzahlen bleiben in etwas gleich, die Hauptursache bei Schulwegunfällen ist nach wie vor das Mitfahren im Auto.

Es hat sich mit der Zeit ein anderer Sorgfaltsmaßstab in der Kindererziehung etabliert. Kinder werden stärker kontrolliert und wohl auch häufiger transportiert. 
Man hat den Kindern früher viel mehr zugetraut, auch von Seiten der Eltern. Kinder haben früher mehr Freiheiten gehabt. Auch die Aufsichtspflicht der Eltern und Lehrer wird heute anders gesehen. Einige Wandertage, die ich vor 30 Jahren gemacht habe, würde ich heute nicht mehr machen.

Warum nicht?
Man wird vorsichtiger, weil man auch viel schneller belangt wird als früher. Ich habe das Gefühl, dass viele Eltern die Arbeit der Lehrer früher mehr geschätzt und ihnen mehr zugetraut haben, heute drohen sie gleich mit dem Rechtsanwalt oder mit der Zeitung. 

Bewegen sich Kinder weniger als früher?
Schwer zu sagen. Bei uns am Land ist es nicht so krass. Aber der Computer, der Fernseher und das Handy sind eine Verführung. 

Ist die Radhelmpflicht wichtig?
Der Helm beim Radfahren sollte selbstverständlich sein, so wie er sich beim Skifahren seit seiner Einführung längst durchgesetzt hat. 

Verstehen Kinder, dass man bis zum 12. Geburtstag einen Helm tragen muss und dann nicht mehr?
Die Radhelmpflicht bis 12 Jahre ist, man muss es sagen, ein typisch österreichischer Kompromiss. Wir brauchen eine allgemeine Radhelmpflicht für jedes Alter, die vorher aber mit vielen Aktionen gut kommuniziert werden muss; so gut, dass sie selbstverständlich wird.

Sagen wir, Sie sind Verkehrsminister für einen Tag. Was würden Sie als erstes ändern?
Ich würde einen wichtigen Schritt in der Lehrerfortbildung setzen: Ich würde die Schulen verpflichten, den Verkehrsreferenten oder die Verkehrsrefentin zu den Fortbildungen zu schicken. Und ich würde eine Kampagne starten, um ein neues, cooles Wort für Verkehrserziehung zu finden. Außerdem würde ich Fußgängern und Radfahrern viel mehr und sicherere Verkehrswege widmen.


18. November 2013