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Wege zum Kindergarten

Interview: Thomas Aistleitner

Mobilitätserziehung beginnt im Kindergarten – und bei den Eltern. Karin Ausserer von Factum hat zwei Projekte durchgeführt. 480 Kindergärten waren einbezogen. Die Ergebnisse geben zu denken.

Fahrradmechaniker pumpt Reifen vom Fahrrad eines kleinen Mädchens auf

Zu-Fuß-Gehen beginnt im Kindesalter. Das Projekt „Gemma. Wege zum Kindergarten“ erhob erstmals die Mobilitätssituation von Kindergartenkindern. Das Nachfolgeprojekt „Gemma weiter“ untersuchte, mit welchen Methoden man dieses Verhalten beeinflussen kann. Karin Ausserer von Factum erklärt die Ergebnisse.

Wie ist es zu den Projekten „Gemma“ und „Gemma weiter“ gekommen?
Karin Ausserer: Im Kindergarten passiert vergleichsweise wenig Verkehrserziehung. Mobilitätsdaten von Kindern sind schwer zu bekommen, die Statistiken beginnen meist mit Kindern ab 6 Jahren.

Was war der Inhalte der Projekte?
Wir haben zuerst erhoben, wie die Kinder in den Kindergarten kommen. Es hat sich herausgestellt, dass ein Drittel der Kinder mit dem Auto gebracht wird, meist als Teil einer Wegekette. Das bedeutet, der Elternteil fährt danach in die Arbeit oder ein Geschwisterkind zur Schule. Aber mehr als ein Drittel dieser Eltern fährt danach sofort wieder nach Hause. Wir denken, dass man das Verhalten dieser Eltern am ehesten ändern könnte. Danach haben wir versucht, mit Informationen und Aktionen verschiedener Tiefe das Verhalten zu beeinflussen. 

Was waren das für Informationen?
Wir haben in elf Kindergärten drei Versuchsgruppen erstellt. In einigen Kindergärten haben wir nur Folder über die Vorteile des Gehens aufgelegt, basierend auf den Erfahrungen von sechs Modellfamilien, die zwei Wochen lang auf das Auto verzichtet haben. Die zweite Gruppe bekam den Folder und einen intereaktiven Elternabend. Dort haben wir die Ergebnisse von „Gemma weiter“ in Quizform vorgestellt und die Eltern gebeten in Kleingruppen eine Bewusstseinskampagne zu erarbeiten, wie sie anderen Eltern das Gehen näherbringen wollen. Bei diesen beiden Gruppen haben unsere Maßnahmen wenig bewirkt.

Wie müsste man dann vorgehen?
Bei der dritten Gruppe haben wir neben dem Folder und dem Elternabend auch Aktionen mit den Kindern gemacht – in Zusammenarbeit mit der Kindergartenpädagogin. Die Kinder konnten ihre Fahrräder mitbringen und aufpumpen, den Sitz einstellen, die Kette ölen ... Die Aktionen endeten mit einem großen Mobilitätsfest für Kinder und Eltern. Diese Variante brachte das größte Interesse seitens der Eltern, bei dieser Variante waren die Elternabende am besten besucht.

Wie könnte man einen Verkehrselternabend gestalten?
Wichtig ist, dass es nicht nur um Verkehrssicherheit geht, sondern darum, dass Bewegung Spaß macht, dass Radfahren Spaß macht. Eltern machen sich meistens mehr Gedanken um die Sicherheit. Ich empfehle, einen Experten oder eine Expertin beizuziehen. Wir bei Factum können solche Experten vermitteln.

Was würden Sie im Bereich Kindergarten und Verkehr für Veränderungen vorschlagen?
Wir hatten insgesamt mit 480 Kindergärten Kontakt, davon 380 in Wien. Vor der Hälfte der Kindergärten galt kein Tempolimit, man durfte 50 km/h fahren. Hier sollten 30 km/h gelten und überwacht werden bzw. es sollte es bauliche Maßnahmen geben, damit dieses Tempo auch wirklich eingehalten wird, etwa Bodenschwellen. Und wenn man will, dass Eltern und Kinder mit dem Rad kommen, dann braucht man Radwege zum Kindergarten.

Radwege werden neuerdings wieder kontrovers diskutiert. Manche Experten fordern, dass die Radfahrer auf der Straße fahren sollen (netzwerk-verkehrserziehung berichtete).
Das sehe ich anders. Viele Eltern haben uns erklärt, dass sie das Radfahren zum Kindergarten als gefährlich empfinden. Kinder dürfen am Gehweg fahren, die Eltern nicht – da fehlt dann auch die Nähe, und es entsteht ein Gefühl der Unsicherheit, weil man nicht unmittelbar eingreifen kann und man sich auf die Kraftfahrer und Kinder gleichzeitig konzentrieren muss. Wenn man Familien zum gemeinsamen Radfahren in den Kindergarten oder auch in die Schule bringen will, dann braucht man einen Radweg dorthin – es sei denn, der Weg ist verkehrsberuhigt.

Was ist Ihr Fazit aus den beiden Projekten?
Man muss die Leute dazu bringen, ihr Mobilitätsverhalten zu überdenken und Neues auszuprobieren. Und man muss es immer wieder tun, eine einmalige Aktion wird nur selten genügen.

Was waren die besten Rückmeldungen?
In einem Kindergarten, der mitgemacht hat, kommen die Eltern auch nach über einem Jahr noch zu Fuß oder mit dem Rad. In einem Tiefeninterview hat uns eine Mutter erklärt: „Ihr Projekt hat mein Leben verändert.“


4. November 2013