„Alle brauchen Verkehrserziehung ...“

Interview: Thomas Aistleitner

Fortsetzung des Interviews (siehe auch Teil 1) mit Hermann Knoflacher: Was sich ändern sollte. Die Rolle der Verkehrserziehung. Brauchen wir Radwege?

Hermann Knoflacher

Kinder im Verkehr sind ein wichtiges Thema – Verkehrserziehung ist in der Volksschule ein Unterrichtsprinzip. 
Hermann Knoflacher: Verkehrserziehung brauchen nicht nur die Kinder, sondern alle, die mit dem Auto unterwegs sind. 

Was können Eltern oder Lehrer tun, um Kinder auf den Verkehr vorzubereiten? Wieviel Sicherheit brauchen Schulkinder, wie viel Eigenständigkeit? 
Maximale Sicherheit gegen technische Bedrohungen, wie durch die schnellen Verkehrsmittel, maximale Eigenständigkeit in einem menschengerechten Umfeld.

Wie sollen Radfahrer in den Verkehr integriert werden? Sind eigene Radwege noch zeitgemäß? Es gibt die Forderung, dass Radfahrer die Straßen gemeinsam mit den Autos benützen sollen. 
Im Freiland sind Radwege zeitgemäß, im Ortsgebiet ist bei Tempo 30 gemeinsame Nutzung möglich.

Welches waren ihre wichtigsten Projekte als Verkehrsplaner, welche Anforderungen haben Sie dabei gemeistert? 
Die städtischen Verkehrskonzepte, die bis heute realisiert werden, regionale Verkehrskonzepte, mit denen totgesagte oder eingestellte Eisenbahnlinien zu dynamischen Entwicklungen in den Regionen und auch im Tourismus geführt haben – und die Rettung unwiederbringlicher Natur- und Kulturschätze gegen den blindwütigen Verkehrsanlagenbau.

Wenn Sie die Freiheit hätten, ein Verkehrsprojekt selbst zu designen, und die Mittel es umzusetzen, was würden Sie tun? 
Das Gleiche wie in den vielen erfolgreichen Projekten, die ich mit Politikern und Verwaltungen mache: gute zukunftsweisende Lösungen.

Welche Stadt Österreichs hat die sinnvollsten Ansätze für die Verkehrsproblematik gefunden? Könnten Sie eine hervorheben?
Wien hat viele meiner Vorschläge aus dem Verkehrkonzept 1975–1981, bei dem ich für den Fußgängerverkehr, den Radverkehr, den öffentlichen Verkehr an der Oberfläche, die Parkraumfragen und die Verkehrssicherheit verantwortlich war, umgesetzt. Die internationale Bewertung als Stadt mit der höchsten Lebensqualität dürfte vielleicht auch dadurch zustande gekommen sein. Es gibt aber auch eine Reihe anderer Städte und Regionen, die sich entgegen allen traditionellen Voraussagen mit meinen Konzepten blühend entwickeln. 

Können Sie uns einige Beispiele nennen?
Zum Beispiel Eisenstadt, einst Auspendler-, heute Einpendlergemeinde, die Fußgängerzone in der Grazer Innenstadt; der Vinschgau, seinerzeit für eine Schnellstraße vorgesehen, heute ohne Schnellstraße aber einer Vinschgerbahn im Halbstundentakt oder der Pinzgau mit einer funktionierenden Bahnlinie und auch die nicht gebaute S18 durch das Vorarlberger Ried, wo noch Brutnester von Arten auf der Roten Liste zu finden sind, um einige zu nennen.

Angenommen Sie sind Verkehrsminister für einen Tag: Welche drei Maßnahmen würden Sie als erstes in die Wege leiten?
Durch Überschreiten meiner Kompetenz den immer noch praktizierten §2 der Reichgaragenordnung in den Länderbau- und Garagenordnungen aufheben und durch eine zukunftweisende Regelung ersetzen, Lkw-Nachtfahrverbot, Stopp der Geldvergeudung in unsinnige Tunnelbauten und Revitalisierung und Erweiterung aller bestehenden Eisenbahnen in den Regionen und in die Nachbarländer.

Sie sind globaler Fußgehervertreter der UNO. Was kann man sich darunter vorstellen? Was tun Sie in dieser Funktion? 
Ich wurde in den 90er Jahren in diese Funktion gebeten und habe sie eine zeitlang aktivieren wollen. In der UNO aber ist das kein Thema mehr. Man kann außerhalb viel mehr machen.


29. Juli 2013