„Bis wir merken, dass es falsch war ...“

Interview: Thomas Aistleitner

Hermann Knoflacher, weltbekannter österreichischer Verkehrsplaner und Autokritiker, hat ein neues Buch geschrieben. Im Interview erklärt er, welche Mobilität Zukunft hat.

Neben zahlreichen verwirklichten Verkehrsprojekten formulierte Knoflacher mit wachsender Intensität seine grundsätzliche Kritik am Auto und dem Autoverkehr, u.a. in seinem Buch „Virus Auto“ (2009). Mit dem „Gehzeug“ machte er deutlich, wie viel Platz Autos den Fußgängern wegnehmen.
Knoflacher mit seinem „Gehzeug“

In Ihrem Buch „Zurück zur Mobilität“ gehen Sie mit der Industrialisierung hart ins Gericht. Sind Sie wirklich der Meinung, dass die Menschheit ab der Erfindung der Dampfmaschine in eine Sackgasse geraten ist? 
Hermann Knoflacher: Industrialisierung gab auch schon vor der Dampfmaschine. Das Problem enststand mit durch die Nutzung nahezu beliebiger Mengen fossiler Energie und der damit möglichen Geschwindigkeiten, womit diese früher wichtigsten Begrenzungsfaktoren wegfielen. Die Erde hat sich aber damit nicht erweitert, was die Menschheit hundert Jahre später durch den Bericht an den Club of Rome mit Erstaunen wahrnehmen musste.

Sie schreiben, dass die Verkehrsentwicklung dem menschlichen Verhalten zuwiderläuft ...
... ganz im Gegenteil, sie ist in dieser Form so erfolgreich, weil sie dem individuellen Verhalten nach Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit so gut entgegenkommt. Sie entspricht nur nicht dem bisher erfolgreichen evolutionären Weg des Menschen zur Entwicklung geistiger Mobilität. 

Glauben Sie, dass es uns gegeben wäre, eine andere Entwicklung zu wählen? Sicher. Oder sind wir von unserer „Schwarmintelligenz“ dazu verdammt, immer alles technisch Mögliche auszureizen, auch wenn wir uns damit insgesamt schaden ... 
... bis wir merken, dass es falsch war - und dann kann es zu spät sein. Wir haben keine Sinne für die Irreversiblilität.

Gibt es überhaupt einen Weg zurück? 
Die Frage müsste lauten: ... aus der Falle in die wir geraten sind? Ja, wenn man weiß wie die Falle gebaut ist – auch in uns selbst. 

Welche Möglichkeiten sehen Sie für einen „Rückbau“ des Verkehrs, wie Sie ihn fordern, und welche halten Sie für verwirklichbar?
Da die durchschnittliche Wegezahl und die Mobilitätszeit konstant sind, kann man durch Strukturänderungen die Art der Mobilität verändern - was auch passiert. In Wien ist der Anteil der Autowege von 38% auf unter 27% gesunken. Es werden weit mehr Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und auch mehr Radfahrten zurückgelegt, neben den ohnehin immer dominierenden Fußgängerwegen. Prinzipiell gibt es keine Einschränkungen, die Verkehrsmittelwahl zu verändern - außer: „Wer es nicht im Kopf hat ...“

Welche Verkehrsarten und -konzepte sollten gefördert werden? 
Fußgänger, Radverkehr und, wo erforderlich, auch der öffentliche Verkehr.


Im zweiten Teil des Interviews erklärt Hermann Knoflacher, was sich ändern sollte, die Rolle der Verkehrserziehung und ob wir Radwege brauchen.


15. Juli 2013