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Neue Serie: Berufe im Verkehr

„Die alten Klischees gibt es nicht mehr“

Was macht einen guten Fahrlehrer aus und wie gut ist die Führerscheinausbildung? Fahrschulleiter Wolfgang Weinlechner im Interview über den Fahrlehrerberuf und seine Herausforderungen.

Interview: Thomas Aistleitner

Autoschild Fahrschule

netzwerk-verkehrserziehung: Welche Ausbildung braucht man für den Beruf des Fahrlehrers?
Wolfgang Weinlechner: Voraussetzung ist, dass man seit einem Jahr den Führerschein und Fahrpraxis hat. Die Ausbildung selbst ist aufwändig, allein die Theorie umfasst 300 Stunden, dazu kommen Praktika und eine Prüfung.

Wie ist die Arbeitszeit?
Wie man will. Ein angenehmer Aspekt an diesem Beruf ist, dass jede Art von Teilzeit möglich ist. In meiner Fahrschule gibt es hauptberufliche und nebenberufliche MitarbeiterInnen. Man kann es sich einteilen.

Gibt es genug Fahrlehrer?
Es ist kein Mangelberuf, und es ist saisonal verschieden. Im Winter haben viele Fahrlehrer nichts zu tun, weil vor allem junge Leute den Führerschein in den Sommerferien machen möchten. In den nächsten zwei, drei Jahren gehen allerdings viele Fahrlehrer in Pension, da wird es Möglichkeiten für Neulinge geben.

Gibt es viele Fahrlehrerinnen?
Es ist nicht mehr der klassische Männerberuf wie früher. Es gibt viele Fahrlehrerinnen für den B-Führerschein, bei Motorrad und Lkw sind Frauen eher selten.

Wie hat sich die Fahrschulausbildung aus Ihrer Sicht entwickelt?
Sie hat sich in den letzten zehn, 15 Jahren sehr verbessert. Vor allem die L17-Ausbildung ist ganz ausgezeichnet konzipiert.

Was ist der Vorteil der L17-Ausbildung?
Die L17-FahrschülerInnen haben die beste Ausbildung von allen. Sie haben 12 verpflichtende Stunden, sie müssen 3000 Kilometer Fahrpraxis absolvieren und haben zwischendurch immer wieder Überprüfungsstunden. Diese verschränkte Ausbildung hat dazu geführt, dass die Fahrprüfungen anspruchsvoller geworden sind, weil die L17-Fahrschüler neue Standards gesetzt haben. Gleichzeitig ist die Mortalität der Bis-25-Jährigen im Straßenverkehr deutlich gesunken. Ich führe das auf die L17-Ausbildung und auf das Alkoholverbot zurück.

Wie hat sich die klassische Fahrausbildung entwickelt?
Es gibt zwölf verpflichtende Fahrstunden für den B-Führerschein, der Rest liegt im Ermessen. Das führt dazu, dass viele mit 13 Fahrstunden in einer Großstadt wie Wien zur Prüfung antreten wollen. Das wird nur in den seltensten Fällen funktionieren.

Wie viele Fahrstunden braucht man Ihrer Meinung nach, um in Wien souverän und sicher Auto zu fahren?
Wenn das Geld keine Rolle spielt, rate ich zu 60 bis 100 Fahrstunden. Das ist immer noch wesentlich weniger als die L17-Fahrpraxis.

Inzwischen wird L16 diskutiert. Würden Sie eine weitere Senkung des Mindestalters befürworten?
Man kann L17 mit 15 ½ Jahren beginnen, das passt so. Aber ich wäre nicht gegen L16, weil man damit die Kinder vom Mopedfahren abhalten kann. Mein Sohn ist jetzt 15. Wir werden bald mit L17 anfangen. Das ist mir lieber als er fährt Moped, das finde ich sehr gefährlich.

Kinder sind am sichersten unterwegs, wenn sie sozusagen vom Fahrrad ins Auto wechseln?
Sie sind jedenfalls im Auto sicherer unterwegs als auf einem Moped.

Macht es einen Unterschied, ob ich den Führerschein in der Stadt oder auf dem Land mache?
Das Verkehrsgeschehen ist in der Großstadt ganz anders. Wir haben Kunden, die den Führerschein bewusst in Wien machen, weil sie dann auch in Wien fahren wollen. Die anderen fallen beinahe in Schockstarre, wenn sie zum ersten Mal in Wien Auto fahren. Und manche werden sich nie nach Wien trauen. Einige kommen zu uns und lassen sich Auffrischungstunden für Wien geben, obwohl sie schon den Führerschein haben.

Wie viele Unfälle hat man als Fahrlehrer?
Ich hatte in 24 Jahren keinen Unfall mit Verletzten. In dieser Zeit gab es sieben Blechschäden. Wir Fahrlehrer bauen weniger Blechschäden als der durchschnittliche motorisierte Verkehrsteilnehmer in Wien.

Kann man als Fahrlehrer vom Beifahrersitz aus alle Unfälle verhindern?
Vom Beifahrersitz aus fahre ich genauso sicher, ich kann die Fahrt gut absichern. Mit einer Ausnahme: Wenn dem Fahrschüler vor einer Ampel der Motor abstirbt und uns deswegen jemand auffährt, kann ich nichts dagegen tun.

Wie haben sich in den 24 Jahren Ihrer Praxis die Verkehrsregeln verändert?
Die freie Wahl des Fahrstreifens im Ortsgebiet ist eine gute Sache. Früher durften sich Einspurige im Stau nicht an Kolonnen vorbeibewegen, jetzt dürfen sie es. Da wurde die allgemeine Praxis legalisiert. Unglücklich finde ich nur die Rettungsgasse, weil sie meiner Wahrnehmung nach die halbe Zeit nicht funktioniert.

Was stört Sie an der Rettungsgasse?
Die Rettungsgasse wurde aus Deutschland übernommen. Dort wird sie wirklich gebraucht, denn viele deutsche Autobahnen haben keinen Pannenstreifen. In Österreich ist früher immer der Pannenstreifen frei geblieben. Jetzt gibt es zwei Fälle: Die Rettungsgasse funktioniert – wunderbar, aber man konnte früher auch den Pannenstreifen nützen. Oder die Rettungsgasse funktioniert nicht, dann droht der Verkehrsinfarkt, weil der Pannenstreifen auch belegt ist.

Wie hat sich der Beruf des Fahrlehrers entwickelt?
Es ist für mich ein schöner Beruf. Die ersten zwei, drei Jahre ist es stressig, dann wird es entspannter – für die, die für den Beruf geeignet sind. Die anderen wissen meistens nach zwei Jahren, dass es nichts für sie ist.

Was macht einen guten Fahrlehrer/eine gute Fahrlehrerin aus?
Er oder sie sollte kommunikativ sein, Ruhe bewahren und sich nicht zu wichtig nehmen. Es gab früher eine Reihe negativer FahrlehrerInnenklischees. Der schreiende, der grabschende und der trinkende Fahrerlehrer waren Problemfälle. Aber heute gelten auch für Fahrlehrer 0,1 Promille. Übergriffe dulde ich nicht einmal im Ansatz und die schreienden FahrlehrerInnen sind die faktisch ungeeigneten, die keine Zukunft in dem Beruf haben werden.


9. März 2015