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„Zuviel Sicherheit ist ein Risiko“

Interview: Thomas Aistleitner

Was kann man Kindern im Verkehr zutrauen? Wovor muss man sie beschützen? Verkehrs- und Umweltexperte Hans-Peter Hutter ist Leiter von „Child Public Health“. Seine Antworten werden viele Eltern überraschen.

Kinder überqueren Zebrastreifen

Herr Dr. Hutter, viele Schulen zeigen rund um acht Uhr ein ähnliches Bild. Autos fahren zu, Kinder springen heraus, die Autos fahren weiter. So kann den Kindern am gefährlichen Schulweg nichts passieren.
Hans-Peter Hutter: Die Eltern tun das, um die Sicherheit ihrer Kinder zu erhöhen, aber auch aus Bequemlichkeit. Je mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto in die Schule bringen, umso mehr nimmt der Verkehr zu und damit auch die Unfallgefahr rund um die Schule. Gleichzeitig steigt der Lärm und die Konzentration der Luftschadstoffe. Es ist eine üble Spirale, die öffentliche Räume kinderfeindlich macht. Die Sicherheit steigt also nicht, sie sinkt sogar.

Das ist aber keine erfreuliche Diagnose. Müssen Eltern, die ihre Kinder in die Schule fahren, ein schlechtes Gewissen haben?
Das würde voraussetzen, dass die Eltern über diese Sachverhalte Bescheid wissen. Aber das ist eher die Ausnahme. Es geht aber noch weiter. Bisher waren wir bei den Risiken für die anderen Kinder. Aber auch die Gesundheit der eigenen Kinder im Auto ist gefährdet. Sie bewegen sich viel weniger, weil sie ja im Auto sitzen. Und nicht zu vernachlässigen: Die Luft, die sie im Auto einatmen, ist deutlich schlechter als die Luft am Gehsteig.

Ist das ihr ernst? Schlechte Luft in einem geschlossenen Fahrzeug?
Gerade in der Stadt oder im Kolonnenverkehr, von dem Sie bei der Zufahrt zur Schule ausgehen können, dringen die (Diesel-)Abgase ins Auto. Man atmet praktisch die Abgase des Autos davor ein. Die Luftqualität im Auto ist daher schlecht. Messungen haben gezeigt, dass man mit doppelt so viel Feinstaubteilchen im Auto rechnen kann wie am Gehsteig.

Warum trauen sich Eltern nicht, Kinder allein gehen zu lassen?
Sie fürchten sich. Was nachvollziehbar ist, bedenkt man die mediale Bewertung. Ein Kinderunfall am Schutzweg oder eine Kindesentführung stehen in allen Zeitungen, im Fernsehen, Radio und sind online zu lesen – über die vielen Kinder, die jeden Tag unfallfrei in die Schule gehen, berichtet niemand. Dazu kommt, dass Eltern ihren Kindern immer weniger zutrauen, was Selbstverantwortung und Beweglichkeit betrifft. 

Hindern Eltern die Kinder daran, sich zu bewegen?
Viele tun das. Eltern versuchen für ihre Kinder eine 100-prozentige Sicherheit zu erreichen. Wenn Kinder keine Freiräume haben, wenn sie im Park, am Spielplatz nichts ausprobieren dürfen, dann bleiben sie motorisch ungeschickt und lernen auch nicht, Risiken abzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten. Dem Kind wird der Raum genommen, Fähigkeiten zu entwickeln, die für sein späteres Leben wichtig sind. Immerhin ist bekannt, dass dann daraus auch im Erwachsenenalter – Stichwort ungeschickte Erwachsene – Probleme resultieren. Damit wird übertriebene Sicherheit zum Risiko. 

Parks sind Freiräume, aber Schulwege?
Auch Schulwege sind Freiräume, wo Kinder eigenständig ohne Eltern unterwegs sind. Sie lernen dabei Selbstständigkeit, soziale Kompetenz und erweitern die Räume, in denen sie sich sicher bewegen. Viele Eltern werden sich selbst noch an ihren Schulweg erinnern.

Ihre Organisation, „Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt“, äußert sich immer wieder kritisch zum Umgang mit Mobiltelefonen. Inzwischen sieht man immer mehr Volksschulkinder mit Handys.
Wir bedenken beim Thema Mobilfunk und Kindergesundheit nicht nur mögliche Folgen aufgrund Strahlenbelastung durch Handys. Wir bemerken auch eine zunehmende psychische Abhängigkeit von Mobiltelefonen. Bei Schulkindern argumentieren zusätzlich die Eltern, dass die Kinder immer erreichbar sein sollen – wegen Notfällen. Oft als Sicherheitsargument. Dahinter steckt auch der Wunsch nach Kontrolle. Die ständige Erreichbarkeit kann aber nur scheinbare Sicherheit geben, denn die Eltern sind ja sowieso nicht in der Nähe. Was gerne vergessen wird: Die Ablenkung durch das Handy im Straßenverkehr ist gewiß ein Sicherheitsrisiko.

Welche Haltung könnten Eltern einnehmen?
Sie sollten ihren Kindern mehr zutrauen und nicht nur danach suchen, was Kinder falsch machen könnten. Eltern sollten keine Angst haben, sondern Risiken sachlich durchdenken. Aber die Eltern dürfen natürlich nicht allein gelassen werden. Auch Stadtplanung und Politik sind gefordert: Die Stadtentwicklung muss mehr kinder- und elternfreundliche Strukturen schaffen, zum Beispiel verkehrsberuhigende Maßnahmen vor dem Schulgebäude. Ich habe allerdings schon erlebt, dass LehrerInnen gegen solche Maßnahmen protestiert haben, weil ihre eigenen Parkplätze gefährdet waren.

Wenn sie mit dem Auto in die Schule fahren, brauchen sie Parkplätze.
Das war eine Wiener Schule innerhalb des Gürtels mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus in Rufweite.

Was können Lehrerinnen und Lehrer in Sachen Sicherheit für die Kinder tun?
Grundsätzlich denke ich, dass vor allem junge Kinder mit dem Sicherheitsdenken überfordert sind. Kinder bewegen sich gern, Kinder wollen Spaß haben – daran könnten Lehrer anknüpfen!

Wie könnte Sicherheitserziehung Spaß machen?
Wenn man das Verhalten von Kindern beeinflussen will, muss man ein Setting schaffen, in dem die Kinder ihr Verhalten von sich aus ändern. Mit abstrakten Regeln geht das nicht. Aber man kann mit den Kindern die Verkehrswege abgehen, man kann die sichersten Schulwege suchen, wie das in vielen Schulen schon gemacht wird. Man kann die Kinder in der Klasse nach ihrem Schulweg fragen und gemeinsam darüber reden. Insgesamt muss es Freude machen. Man muss Kindern zeigen, dass Bewegung Spaß macht. Ich weiß aber auch, wie schwierig das ist. Deshalb haben alle Lehrerinnen und Lehrer, aber auch alle Eltern, die das schaffen, meinen höchsten Respekt!


17. Juni 2013