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„Keinen Meter ohne Gurt“

Interview: Thomas Aistleitner

Ein Auffahrunfall auf der Bundesstraße. Zuerst nur ein Sachschaden, dann zehn Tage Krankenstand – das Peitschenschlagsyndrom.

Mag. Manfred Wirtitsch ist Leiter der Abteilung Politische Bildung im bmukk und damit auch für die Verkehrspädagogik zuständig
Porträt Manfred Wirtitsch

Ein Allerweltsunfall. Man tauscht die Daten aus, sichert die Straße, geht nach Hause. Dann beginnen die Schmerzen ... Mag. Manfred Wirtitsch ist Leiter der Abteilung Politische Bildung im bmukk und damit auch für die Verkehrspädagogik zuständig. Wie richtig und wie wichtig Verkehrserziehung ist, hat er am eigenen Körper erfahren. 

netzwerk-verkehrserziehung: Herr Mag. Wirtitsch, wie erlebt man als Verkehrspädagoge einen Unfall?
Manfred Wirtitsch: Genauso wie jede andere Person. Man denkt im Moment, Schlüsse zieht man später. Ich war als Pkw-Fahrer der letzte in einer stehenden Kolonne auf einer Bundesstraße. Die Ampel stand auf rot. Was jetzt kommt, passiert in Sekunden: Reifen quietschen, ich schaue in den Rückspiegel und sehe einen Kleintransporter, der immer größer wird. Ich versuche, in die Abbiegespur auszuweichen, aber da fährt der Gegenverkehr. Dann knallt es zweimal: Der Transporter prallt auf mich auf und drückt mich in das Auto vor mir.

Das spürt man im Genick und in der Wirbelsäule ...
Zuerst gar nicht. Wir konnten alle agieren, die Unfallstelle absichern, den Schaden feststellen, die Polizei verständigen, Papiere und Daten austauschen. Erst später wurde mir klar, dass wir alle unter Schock standen. Da spürt man noch nichts. Erst als die Spannung abgefallen ist, breitete sich der Schmerz aus – vom Nacken in die Kreuzgegend, wie ein Hexenschuss. Die Diagnose lautete Peitschenschlagsyndrom, die Folge war ein zehntägiger Krankenstand mit Physiotherapie.

Zum Glück waren Sie angeschnallt.
Ja, aber Glück würde ich das nicht nennen. Ich schnalle mich grundsätzlich immer an, noch bevor ich den Motor anlasse. Rückblickend gesehen war der Zusammenstoß gar nicht so dramatisch, nicht einmal der Airbag wurde ausgelöst. Man sieht dabei, was Aufprälle auch bei geringen Geschwindigkeiten schon bewirken können. Die Bremsspur des Transporters war hundert Meter lang.

Was bedeutet das aus verkehrspädagogischer Sicht? 
Kinder müssen lernen, sich immer anzuschnallen. Das werden sie nur, wenn sie es bei den Eltern sehen. Wenn die Eltern die Gurtenpflicht nachlässig handhaben, erziehen sie auch ihre Kinder dazu. Obwohl die Gurtenpflicht seit 1976 besteht, wenn auch erst seit 1984 unter Strafandrohung, dürfen wir nicht aufhören, die Verkehrsteilnehmer daran zu erinnern.

Stichwort Erziehung. Wie sollen Kinder begreifen, dass es wichtig ist, beim Radfahren einen Helm zu tragen, wenn die Erwachsenen und auch die Geschwister über zwölf Jahre ohne Helm fahren?
Das weiß ich auch nicht. Ich persönlich wäre für eine generelle Helmpflicht für alle Radfahrer gewesen. Es wäre ein Beitrag zur passiven Sicherheit.

Wie sieht das umgekehrt aus: Sind Kinder nicht auch die Verkehrspädagogen ihrer Eltern? Was Kinder von ihren Eltern als Verkehrsteilnehmer erleben, steht ja oft in krassem Widerspruch zu den verkehrspädagogischen Botschaften in der Schule.
Ja, deshalb ist es ganz wichtig, schon Kindern zu vermitteln, dass die scheinbare Sicherheit in einem Auto trügerisch ist. Dass man die Energien, die bei einem Aufprall freiwerden, völlig unterschätzt. Dass sie immer angeschnallt sein müssen. Dass auch die Abschottung durch Kopfhörer eine Gefahr ist. Das wollen wir mit unseren Aktionen vermitteln.

Abgesehen von der Sicherheit im Auto: Fahren manche Kinder nicht zuviel Auto? Fehlt ihnen damit nicht die Erfahrung als Fußgänger?
Ja, die meisten Verkehrsunfälle von Kindern passieren am Schutzweg. Kinder sind einerseits vom Vertrauensgrundsatz ausgenommen, andererseits müssen sie so früh wie möglich lernen, dass sie sich nur auf ihre eigene Vorsicht, auf ihre eigenen Augen verlassen können. Und nicht auf die Autofahrer.


17. Dezember 2012