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Freie Fahrt bei Rotlicht

Auch wenn es in Österreich verboten ist: Radfahrer, die trotz roter Verkehrsampel noch schnell die Kreuzung queren, sieht man im Alltag häufig. Ganz schön gefährlich, sollte man meinen. Doch in Frankreich sehen das Verkehrsexperten anders. Wie sieht das Pariser Modell, um das es in letzter Zeit einige Aufregung gab, eigentlich im Detail aus?

Von Michael Achleitner

Grüne Radfahrerample

Um das Risiko von Verkehrsunfällen zu senken, erlaubt die Stadt Paris Radfahrern bei roten Ampeln weiterzufahren. Diese Regel gilt allerdings nicht immer, sondern nur, wenn die Straße frei ist, und der Radfahrer geradeaus fahren oder rechts abbiegen will. Für Fußgänger muss immer angehalten werden, genauso wenn man nach links abbiegen möchte. Die Regelung ist also nicht unähnlich der US-amerikanischen Verkehrsordnung. Auch in den USA dürfen – sogar Autos – bei roter Ampel nach rechts abbiegen, wenn es der Vekehr zulässt.

Neues Verkehrszeichen

Ein neues Verkehrszeichen, auf dem ein gelbes Fahrrad zu sehen ist, zeigt den Radlern an, dass sie die Ampelfarbe ignorieren können, wenn der Weg frei ist. Vorsicht ist dennoch geboten: Vorfahrt haben die Radler nämlich bei Rot nicht. Bei einem Unfall tragen sie die Verantwortung! Die neuen Verkehrszeichen werden nicht automatisch an allen Ampelkreuzungen installiert. Laut Verkehrssicherheitsbehörde entscheidet der Bürgermeister, an welchen Strecken oder ausgewählten Knotenpunkten, die den entsprechenden Sicherheitsbedingungen entsprechen, die Schilder für die Radfahrerinnen und Radfahrer installiert werden.

„Ampeln sind kein Sicherheitsfaktor”

Die französischen Radverbände sind sich sicher, dass die neue Regelung Erfolg zeigen wird. Denn für die Experten sind es oft gerade die Ampeln, die für Radfahrer ein erhöhtes Risiko darstellen – etwa dann, wenn sie sich bei Grün in Sicherheit wähnen, aber durch rechtsabbiegende Kraftfahrzeuge in Gefahr geraten. „Ampeln sind kein Sicherheitsfaktor. Sie wurden montiert, damit Autofahrer Fußgänger die Straße überqueren lassen“, erklärt Christine Lambert, Vorsitzende des Verbands „Mieux se déplacer à Bicyclette“ gegenüber der „Times“.  Außerdem seien sie dafür da, den Verkehrsfluss zu regulieren und die Geschwindigkeit zu drosseln. „Räder sind allerdings weder schnell noch machen sie Lärm. Es ist idiotisch, wenn man wegen Nichts anhalten muss. Man verschwendet Energie und wird langsamer.“ 

Martin Blum von der Wiener „Radagentur“ hält das Pariser Modell auch für die Bundeshauptstadt für interessant. „Für uns wäre das durchaus zu begrüßen, allerdings immer nur im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten und nur, wenn die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer gewährleistet ist“, berichtet er im Kurier.

„Nicht auf Kosten anderer“

Kritiker sehen das Pariser Modell jedoch nicht ganz so positiv und befürchten, dass die neue Maßnahme für deutlich mehr Unfälle sorgen könnte. „Wenn Fußgänger, Radfahrer, Motorradfahrer und Autofahrer sich nicht respektieren, dann könnte die Einführung dieser Praktiken die Risiken in Paris erhöhen“, so das Pariser Ratsmitglied Laurence Douvin.
Und selbst der leidenschaftliche Radfahrer und grüne Planungssprecher Christoph Chorherr relativiert: „Das würde Radfahrer stark bevorzugen. Wir müssen aber auch auf die Fußgänger achten. Daher hat es nicht die erste Priorität. Wir wollen den Radverkehr von 5 Prozent auf 10 Prozent verdoppeln. Aber nicht auf Kosten anderer.“