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„Es wird sich beim Auto was tun“

 

Ein neues Lehrbuch befasst sich mit allen Aspekten der Verkehrspsychologie und schlägt Maßnahmen vor. Ralf Risser, einer der Autoren, erklärt im Interview, dass wir eine neue Sicht auf den Verkehr brauchen.

Interview: Thomas Aistleitner

Ausschnitt aus Buchcover "Verkehrspsychologie"

netzwerk-verkehrserziehung: Herr Professor, an wen wendet sich das Buch „Verkehrspsychologie“?
Ralf Risser: Es ist für alle gedacht, die am Thema interessiert sind, unabhängig von Schulbildung und Profession. Das Buch soll Interessierten helfen, den Verkehr in einem größeren Zusammenhang zu betrachten und von typischen Klischees wegzukommen.

Was für Klischees wären das?
Ein verbreitetes Klischee reduziert den Verkehr auf den Autoverkehr. Andere Gruppen sind nicht so repräsentiert, ihre Interessen bleiben verborgen. Zum Beispiel gibt es bei Volksschulkindern Riesenprobleme mit der subjektiven Sicherheit. Kinder werden von Eltern zur Schule gefahren, weil diese Angst haben. Vor den Schulen wird zu schnell gefahren, aber es passiert nichts.

Was könnte die Volksschullehrerin tun, wenn Eltern an Sie herantreten, weil der Schulweg unsicher ist?
Die Lehrerin könnte mit diesen und weiteren Eltern eine Runde Interessierter organisieren, sich einen Nachmittag Zeit nehmen und gemeinsam diskutieren, was man tun könnte. Sie involviert damit die Betroffenen, vielleicht mit einer professionellen Moderation. Daraus könnten Maßnahmen entstehen wie ein Brief an die Behörde, Vorschläge für eine Verbesserung, ein Aktionstag ...

Warum wird Verkehr als so gefährlich empfunden?
Sie kommen auf die Welt, wachsen in ihr auf, und haben ihre ersten Berührungen mit dem Verkehr, indem sie erfahren, dass sie nicht allein auf die Straße dürfen und nur als Mitfahrer im Auto am Verkehr teilnehmen dürfen. Im Auto reden die Fahrer (meistens sind es Männer!) sehr negativ über die anderen Verkehrsteilnehmer. In Zeitungen und anderen Medien wird Verkehr weit überwiegend als Autoverkehr und gefährlich dargestellt.

Was soll da die Schulpädagogik ausrichten?
Sie ist nicht machtlos. Wichtig ist, dass man sich auch an die Eltern wendet. Die Gefahr geht auch von autofahrenden Eltern aus. Die meisten Verstöße begehen 30 bis 60 Jahre alte Männer. Sie verursachen zwar nicht die meisten Unfälle, weil sie Fahrpraxis und Lebenserfahrung haben. Aber ihr Verkehrsverhalten ist prägend für die Jungen. Die Jungen imitieren dieses Fahrverhalten und übertreiben es, vor allem jugendliche Männer. 

Gilt das sinngemäß auch für Erwachsene, die in Gegenwart von Kindern bei Rot über die Fahrbahn gehen?
Ich bin auch schon bei Rot über die Ampel gegangen, wahrscheinlich jeder von uns. Einem Kind muss man das erklären, denn es nimmt nur die Ampel wahr und nicht die Situation, in der man ausnahmsweise einmal drübergeht.

Wie kann man das Verhalten der Menschen im Verkehr überhaupt ändern? In ihrem Buch zitieren Sie eine Untersuchung aus den Niederlanden zu alkoholisierten Autofahrern. Demnach hat eine Haftstrafe keinen Einfluss auf die Rückfälligkeit. Die Lenker, die im Gefängnis waren, werden genauso oft rückfällig wie jene ohne Freiheitsstrafe.
Die Höhe der Strafe ist aus verkehrspsychologischer Sicht nicht relevant. Wichtig ist die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden. Wenn auf eine entdeckte alkoholisierte Fahrt 700 unentdeckte kommen, dann lernen wir, dass falsches Verhalten kaum Konsequenzen hat. Ein besseres Überwachungssystem würde das ändern. 

Ist es wirklich unerheblich, welche Strafen verhängt werden?
Auf der Seite des Individuums ja. Auch die Todesstrafe hat nachweislich keine Präventionswirkung. Anders sieht es aus, wenn wir Strafen im Zusammenhang mit dem öffentlichen Klima sehen. Wenn jemand unter Medikamenteneinfluss mit überhöhter Geschwindigkeit ein Kind niederführt, dann ist das für mich eine fahrlässige Tötung - aber nicht in unserem Rechtssystem und damit in unserer Gesellschaft.

„Verkehrspsychologie“ befasst sich ausführlich mit dem Sicherheitsthema. Sie kritisieren darin, dass Sicherheit unterschiedlich gewichtet wird.
Man liest immer über die Sicherheit der Autos, der Autofahrer und wie sie weiter verbessert wird. Das bedeutet: Jene, von denen die physische Gewalt ausgeht, fühlen sich subjektiv am sichersten. Auch bei hohen Geschwindigkeiten spüren sie keine Vibration, keine Windgeräusche, keine Kraft. Sie haben kein Sensorium, wie sie auf die Außenwelt wirken. Sie spüren erst etwas, wenn ein konkretes Ereignis passiert, wenn es kracht. 

Was kann man dagegen tun?
Man sollte Autos so bauen, dass sie nicht so schnell fahren können. Man sollte öfter Tempo 30 vorschreiben und es kontrollieren. Ab 30 km/h steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Fußgänger getötet werden, exponentiell an.

Ist es für einen Verkehrspsychologen nicht frustrierend, dass fast alle Autos schneller fahren können als sie dürfen?
Die Autolobby ist eine immens starke gesellschaftliche Kraft. Sie gilt nach wie vor als Flaggschiff der Industrie. Und es sind mehr Industriezweige, als man auf Anhieb annehmen würde. Dahinter steht die Erdölindustire, Versicherungsindusstrie, und verdeckt auch die Gesundheitsindustrie. Verkehrsunfälle verursachen, zynisch gesagt, auch Aufträge.

Ihr Blick in die Zukunft?
Es wird sich beim Auto früher oder später was tun. Es braucht ein Umdenken, damit auf die Industrie ein Zwang ausgeübt wird, dass ein anderer Verkehrsbegriff gewollt wird. Voraussetzung ist, dass die Kommunikation verbessert wird. Man muss ein ausgewogenes Verkehrsverhalten vorleben. Medien, aber auch Lehrerinnen und Lehrer können mit Vorurteilen aufräumen, sie haben eine wichtige Funktion. Immer noch glauben neun von zehn Fahrzeuglenkern, sie seien bessere Autofahrer als die anderen. Es gibt noch viel zu tun.


2. April 2012